Alzheimer als Form von Diabetes

Die Theorie, dass es sich bei der neurodegenerativen Demenz um eine Unterfamilie der Zuckerkrankheit handelt könnte, wird schon seit längerem diskutiert. Forscher an der Northwestern University wollen nun einen ersten Beweis gefunden haben.

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Alzheimer gehört zu den schlimmsten Erkrankungen des Geistes, die man sich für seine Angehörigen (und sich selbst) vorstellen kann. Betroffene leiden unter der zunehmenden Einschränkung ihrer Hirnfunktion, vergessen immer mehr aus ihrem Leben und ihrer nächsten Umwelt, driften langsam in die Wahrnehmungslosigkeit ab und verlieren schließlich wortwörtlich ihren Verstand. Die Erkrankung, die vom Arzt Alois Alzheimer einst 1906 an einer Patientin erstmals diagnostiziert wurde, ist für Menschen ab 60 ein ersthafter Angstfaktor.

Umso mehr, als dass die Ursachen, warum ein Patient tatsächlich an Alzheimer erkrankt und so nach und nach sein Gedächtnis und damit auch sein Selbst verliert, bislang noch größtenteils ungeklärt sind. Zwar gibt es eine genetische Komponente. Doch diese familiäre Häufung ergibt sich tatsächlich nur in 5 bis 10 Prozent der Fälle. Andere Erklärungsversuche wirken teilweise recht esoterisch: Von DNA-Mutationen über Virusinfektionen bis hin zu Hirntraumata oder Aluminium-Vergiftungen wird im Expertenkreis spekuliert.

Einer der jüngsten Verdächtigen, der für den unbedarften Beobachter zunächst unwahrscheinlich klingt, ist die Insulininsuffizienz - sprich: Diabetes. Aktuell werden hier zwei Typen definiert: Typ-1 als absoluter Insulinmangel schon in Jugendzeit (ausgelöst durch Veränderungen im Pankreas) sowie Typ-2a/2b als nachlassende oder versagende Insulinproduktion. Die Verbindung von Alzheimer und Diabetes ist recht einfach hergestellt: Insulin regelt nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern ist im Gehirn auch für die Signalisierung zwischen den Nervenzellen und damit für die Bildung von Erinnerungen von wichtiger Bedeutung. Wird diese Signalisierung verhindert, gehen auch Hirnfunktionen verloren. Könnte Alzheimer also eine dritte Form von Diabetes sein?

Ein Beweis für diese Theorie blieb zunächst aus. Forscher an der Northwestern University im amerikanischen Evanston wollen ihn nun jedoch gefunden haben - oder die Idee zumindest stärker untermauern können. Sie zeigten, dass ein aggressives Protein namens ADDL ("Amyloid ß-derived Diffusible Ligand") bei Alzheimer-Patienten Insulin-Rezeptore aus den Nervenzellen entfernen konnte, womit diese dann resistent gegen das Hormon wurden. Zuvor hatten andere Forscherteams bereits gezeigt, dass die Menge an Insulin im Gehirn von Alzheimer-Patienten geringer war als die bei einer Kontrollgruppe, ähnliches galt für die durch ADDL dort abgebauten Rezeptoren.

"All diese Faktoren lassen uns zu dem Schluss kommen, dass wir es hier mit einem Typ-3 von Diabetes zu tun haben könnten", schreiben die Northwestern-Forscher in ihre im "FASEB Journal" veröffentlichten Studie. Im Gehirn sind Insulin und seine Rezeptoren von großer Bedeutung bei Lernvorgängen und Gedächtnis. Sie aktivieren quasi die Speicherfunktion der Nervenzellen und halten sie am Leben. "Wir fanden nun heran, dass sich die Bindung von ADDL an die Synapsen auch dadurch auswirkt, dass sich Insulin-Rezeptoren nicht mehr dort anlagern, wo sie notwendig sind", erläutert William L. Klein, Professor für Neurobiologie an der Northwestern University. Stattdessen verblieben sie im Zellkörper, in der Nähe des Kerns. Insulin könne die Rezeptoren so nicht mehr erreichen.

Die klinischen Daten der Forscher besagen, dass sich ADDL zu Anfang einer Alzheimer-Erkrankung anreichert, um dann die Gedächtnisfunktionen zu blockieren. Der Prozess, mit dem dies geschieht, könne, so sagt Klein voraus, eines Tages rückgängig gemacht werden. Nachdem Klein und seine Kollegen zuvor zeigen konnten, dass ADDL sich auf eine ganz bestimmte Art an die Synapsen bindet, wollen sie nun herausgefunden haben, wie die Insulinrezeptoren von der Oberfläche der Nervenzellmembran entfernt werden.

Dies sei ein wichtiger Faktor beim Gedächtnisverlust, der mit Alzheimer einhergehe, meint Klein. Ein möglicher Schritt, dieses Wissen in einen Wirkstoff umzumünzen wäre, die Insulinrezeptoren sozusagen resistent gegenüber dem Einfluss von ADDL zu machen. "Wir haben es hier mit einer grundlegend neuen Verbindung zwischen zwei Feldern zu tun - Diabetes und Alzheimer", sagt der Neurobiologe. Dies habe Auswirkungen auf die Therapie. So schwer könne dies "nicht mehr sein". Acumen Pharmaceuticals, ein Start-up aus San Francisco, hat die zugehörigen Patentrechte an der ADDL-Forschung erworben und will nun Medikamente entwickeln. (bsc)