Gentests gegen das Rauchen

Variationen in unserer DNA sind offenbar dafür verantwortlich, ob bestimmte Medikamente bei der Rauchentwöhnung wirken oder nicht. Das eröffnet die Chance für entsprechende Untersuchungen.

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Von
  • Emily Singer

Wer schon einmal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören, kennt die Quälerei: Nicht selten kommt es zu einem endlosen Zyklus aus eisernen Willensbekundungen und beinharten Niederlagen – inklusive Selbstversuchen mit Nikotinkaugummis, Pflastern und dem ein oder anderem "Wundermittel". Dabei ist die Wirksamkeit durchaus stark unterschiedlich: Einige Menschen schaffen es so beispielsweise, mit Medikamenten wie Bupropion, eigentlich ein Antidepressivum, vom Rauchen loszukommen.

Eine neue Studie über die Wirksamkeit genau jenes Stoffes zeigt nun, dass sich der Erfolg des Medikaments bei Rauchern mit Gentests feststellen lassen könnte. Es ist nicht die erste Untersuchung, die unsere Genausstattung mit der Nikotinsucht (und der Chance, sie wieder loszuwerden) in Verbindung bringt – und sie könnte dabei helfen, Anti-Rauch-Therapien besser auf den individuellen Betroffenen abzustimmen.

"Es ist nicht leicht für einen Raucher, sich auf die Rauchentwöhnung vorzubereiten", meint Rachel Tyndale, Forscherin an der University of Toronto, die zu den Autoren der neuen Studie gehört. "Wenn wir den richtigen Ansatz schon vorher identifizieren könnten, hätten wir viel gewonnen."

Bupropion ist einer von zwei in den USA zugelassenen Wirkstoffen für die Rauchentwöhnung ohne Nikotin – und er arbeitet, in dem er die Belohungseffekte im Gehirn unterdrückt, die mit dem Rauchen einhergehen. Das Medikament wirkt im Körper, in dem es von einem Enzym namens "CYP2B6I" herunter gebrochen wird – Struktur und Funktion dieses Stoffes sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Die kanadischen Forscher entwickelten nun einen Gentest, um herauszufinden, welche von zwei Variationen des Enzyms bei einem Menschen vorkommen – entweder "CYP2B6*6" oder "CYP2B6*1". Sie fanden dabei heraus, dass Personen mit der letzteren Variation auf Bupropion bei der Rauchentwöhnung nicht wirklich ansprachen – 30 Prozent der Raucher hörten auch dann auf, als man ihnen ein Placebo gab. Die meisten Menschen in dieser Gruppe, die bereits zu Beginn der Behandlung erfolgreich nicht mehr rauchten, griffen auch sechs Monate später nicht zum Nikotin. Das hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung – immerhin kommt die entsprechende Mutation bei 55 Prozent der europäischstämmigen Amerikaner vor.

Personen mit einer oder zwei Kopien der "CYP2B6*6"-Mutation hatten es wiederum insgesamt schwerer, mit dem Rauchen aufzuhören – diejenigen mit zwei Kopien (also eine von der Mutter und eine vom Vater) konnten mit Placebo gar nicht erst aufhören. Doch diese Gruppe sprach eben dafür gut auf Bupropion an: Alle, die das Medikament einnahmen, hatten eine drei Mal so hohe Chance, nach sechs Monaten nicht mehr zu rauchen als die Kontrollgruppe.

"Das ist genau das, was man im klinischen Betrieb benötigt", meint Joni Rutter vom US-"National Institute of Drug Abuse", das die Studie teilfinanzierte. In der Normalbevölkerung komme es in 80 bis 90 Prozent der Fälle bei der Rauchentwöhnung innerhalb von sechs Monaten zum Rückfall. "Wenn wir feststellen können, wer von Bupropion profitiert, bevor wir es verabreichen, würde es viel Rätselraten aus der Rauchentwöhnung nehmen."

Solche Tests könnten noch wertvoller werden, wenn weitere Wirkstoffe auf den Markt kommen. Varenicline, ein neues Medikament, das einen anderen Mechanismus als Bupropion verwendet, ist seit dem vergangenen Jahr auf dem Markt. "Idealerweise wären wir dann in der Lage, zu sagen, dass man mit dieser Variante besser mit Bupropion fährt und mit dieser Variante mit Varenicline", meint Rutter.

Noch sind keine Gentests für diesen Bereich kommerziell erhältlich und die Einzelergebnisse müssen noch in größeren Massentests verifiziert werden. (Die aktuelle Studie konzentrierte sich zudem auf europäischstämmige Amerikaner, weitere müssten unter Afroamerikanern und asiatischstämmigen Amerikanern durchgeführt werden.)

Nicht alle Forscher sind sich zudem sicher, dass solche Tests mehr helfen würden als die aktuellen Strategien – vor allem die Aufklärung über die Gefahren des Rauchens. "Wir müssen einen Weg finden, diese Technik mit den bestehenden Methoden zu vergleichen", meint Chris Carlsten von der University of British Columbia in Vancouver, spezialisiert auf Lungenkrankheiten. "Es ist nur vernünftig, einige Zweifel gegenüber solch neuen Ansätzen zu haben, ob sie besser sind, als die bisherigen, die bereits breit erforscht sind."

Wenn Gentests in diesem Bereich tatsächlich funktionieren, dürfte die Technik bald auf ähnliche Probleme stoßen, wie andere Verfahren der so genannten personalisierten Medizin. Wollen die Ärzte die Tests überhaupt anbieten? Nehmen die Raucher daran teil? Alles Fragen, die es zu bedenken gelte, meint Nancy Rigotti, Direktorin des Raucherforschungs- und Behandlungszentrums am Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston.

Alexandra Shields, Direktorin des "Center on Genomics, Vulnerable Populations and Health Disparities" an Harvard University und MGH, hat eine Umfrage unter Ärzten durchgeführt – und herausgefunden, dass sie bei der Rauchentwöhnung eher andere Untersuchungsmethoden denn Gentests vornehmen würden. Ähnliches scheint für die angehenden Nichtraucher zu gelten, die Shields sowohl in der Großstadt Baltimore als auf dem Land in Alabama befragte: "Sie verstehen die Genetik nicht und haben Angst davor, was das für sie und ihre Familie bedeuten könnte." Sollte es jedoch möglich sein, Ärzte und Patienten über die neue Technik aufzuklären, habe sie durchaus das Potenzial, die Rauchentwöhnung zu befördern: "Außerdem werden die Gesundheitsbudgets entlastet, Rauchen kostet uns sehr viel." (bsc)