Mietauto zum Stapeln

Am MIT arbeiten Forscher an einem ganz speziellen Elektrofahrzeug, dass Staus vermeiden und die Umweltbelastung reduzieren soll.

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Von
  • Michael Gibson

Die "Smart Cities"-Gruppe am MIT Media Lab arbeitet an zwei kostengünstigen Elektrofahrzeugen, die künftig den Nahverkehr revolutionieren sollen, in dem persönlicher Komfort mit Umweltfreundlichkeit kombiniert wird. Der Prototyp eines faltbaren Elektrorollers soll bereits in der nächsten Woche auf der "EICMA"-Motorradmesse in Mailand gezeigt werden. Das so genannte "City Car", ein stapelbares Mietauto mit zwei Sitzen, soll im nächsten Jahr präsentiert werden.

Das Konzept: Dank Elektromotor werden die Emissionen reduziert, der öffentliche Raum dank geringem Platzverbrauch geschont und das Staurisiko minimiert, weil jeder Benutzer ein entsprechendes Fahrzeug an Verkehrsknotenpunkten mieten und wieder abgeben kann – die Anreise erfolgt mit Massenverkehrsmitteln wie Bahn, Bus und Flugzeug. "Wir wollen für die Leute eine persönliche urbane Mobilität schaffen, die wesentlich umweltverträglicher als der private Autoverkehr ist", erklärt William Mitchell, Direktor der Forschergruppe.

Die Idee soll einen ähnlichen Komfort wie ein Privatwagen bieten und das "Letzte Meile"-Problem lösen. Darunter versteht man die nicht selten für den Reisenden unbequeme Distanz zwischen einem großen Verkehrsknotenpunkt wie einem Bahnhof und dem tatsächlichen Ziel. Denn: Obwohl ein traditionelles Auto Mobilität sozusagen "on demand" liefert und den Nutzer stets zu seinem Endziel befördert, bringt dies immer negative externe Effekte mit sich.

Herzstück der neuen Fahrzeuge ist ein omnidirektionales Roboterrad, das das MIT-Team selbst entwickelt hat. Es beherbergt einen elektrischen Fahrmotor, die Aufhängung, die Lenkung und die Bremsen in nur einem Gehäuse. Da es weder einen Motor noch andere mechanische Teile zwischen den Rädern und der Steuerungseinheit gibt, lässt sich das Fahrzeug mit großer Flexibilität gestalten. Der Fahrer kann es zusammenfalten lassen und mit anderen City Cars hintereinander stapeln, wie man dies von Einkaufswagen im Supermarkt kennt. Nur gibt es hier einen enormen Platzgewinn: Sechs der futuristischen Autos passen gestapelt auf einen konventionellen Parkplatz. General Motors gehörte zu den Sponsoren der Entwicklung.

Die Spezialräder erlauben außerdem eine ungekannte Manövrierfähigkeit. Statt eine Kehrtwende machen zu müssen, kann das Fahrzeug sich auf der Stelle drehen. Die Räder lassen sich außerdem zum einfachen Parken in 90-Grad-Stellung bringen. "Die Idee eines Motors im Rad existiert schon lange", sagt Peter Schmitt, der Designer hinter der Technologie. Der Vorteil seines Entwurfs sei nun aber, dass das Rad durch eine Software statt durch eine mechanische Kopplung gesteuert werde.

Die Strategie des MIT-Teams, Fahrzeuge in einem persönlichen Mobilitätssystem mit Mietnutzung einzusetzen, ist ebenfalls nicht neu. Im französischen Lyon führte eine Firma namens "Velo'v" kürzlich ein ähnliches System für stapelbare Fahrräder in der ganzen Stadt ein, in Berlin und anderen deutschen Städten existiert ein ähnliches "Call a Bike"-System.

Ein anderer Ansatz, von dem sich die Forscher inspirieren lieĂźen, nennt sich "Zip Car". Es handelt sich dabei um ein Zweiweg-Mietwagen-Modell: Die Kunden mĂĽssen das Fahrzeug immer zum Platz zurĂĽckbringen, an dem sie es abgeholt haben, es auĂźerdem online vorab reservieren.

Das Modell sei gut für Nachbarschaften geeignet, in denen die Leute für ihre Besorgungen hin- und zurückfahren müssten, meinen die MIT-Forscher. In engen Städten mit wenigen Parkplätzen sei ein Einweg-System aber besser, bei dem die Nutzer von Ort zu Ort fahren können, ohne Abgabe am Ausgangspunkt. Im idealen "City Car"-Szenario wird ein Fahrzeug an einem der Stapel-"Racks" in der Stadt gemietet und an einem anderen zurückgebracht.

Robin Chase, Zip-Car-Gründerin, ist von einem solchen System allerdings nicht ganz überzeugt. Es sei anfällig für logistische und operative Probleme, etwa wenn die Fahrzeuge ungleich verteilt seien. Mit einem Einweg-System könnten sich zu viele Fahrzeuge an einem Ort konzentrieren. Die Betreiber müssen dann mit einem Lastwagen anrücken, um sie wieder in der ganzen Stadt zu verteilen.

Bei Zip Car sei es bei der Kundschaft zudem zur Abneigung gegenĂĽber neuen Technologien gekommen: "Unser Elektroauto wurde am wenigsten gemietet. Die Leute trauten wohl der Technologie nicht."

Das MIT-Team lässt sich von solchen negativen Erfahrungen nicht abschrecken. Als idealen Testmarkt hat man sich Taipei ausgesucht. Dort soll der Elektroroller als Erstes angeboten werden, schließlich wurde er auch zusammen mit SYM, einem wichtigen taiwanischen Motorrollerhersteller, entwickelt. "Die Stadt ist ja voller Roller", sagt Ryan Chin, Designer in der "Smart Cities"-Gruppe.

Aktuell gibt es nahezu so viele Roller in Taiwan wie Menschen. Während der typischen Rush Hour sind die Straßen verstopft, und die Fahrer tragen Atemschutzmasken, um die Abgase nicht direkt einatmen zu müssen. Rund drei Millionen Roller werden in dem Land einfach stehen gelassen. "Wenn ein Mietroller von zehn verschiedenen Leuten pro Tag genutzt wird, würde sich die Zahl um die Hälfte reduzieren", meint Chin. Sollte das Fahrzeug auf der Messe in Mailand ein Erfolg werden, könnte der 50 Kilogramm schwere Öko-Roller innerhalb von drei Jahren massenproduziert und eingesetzt werden. (bsc)