Tanz der Maschinenwesen
Japan nutzt die Weltausstellung für den größten Freilandversuch der Robotergeschichte.
- Martin Kölling
- Dr. Wolfgang Stieler
Wenn man ihn ausschalten will, wird er ganz traurig. Mit hoher Kinderstimme fragt Papero nach, ob man das System wirklich herunterfahren will, dreht sich noch einmal im Kreis und senkt dann ergeben den Kopf mit den großen Knopfaugen. NEC forscht seit 1997 an der Interaktion von Mensch und Roboter im Haushalt und hat 1999 den ersten Prototypen des kleinen Roboters vorgestellt. Anders als Honda mit dem Asimo oder jetzt auch Toyota mit seinen Partner Robots hat der Konzern dabei keine spezialisierte Hardware entwickelt --Papero läuft auf einer Standard PC-Plattform unter Windows --, sondern sich auf Anwendungsszenarien und Benutzerschnittstellen konzentriert. Zunächst sollte das kleine Kerlchen beispielsweise Botschaften überbringen oder als fahrbare Fernbedienung mit Spracherkennung für die Unterhaltungselektronik fungieren. Zur Expo will der Konzern nun testen, ob die neueste Version des kleine Roboters sich nicht auch als Spielzeug für Kindergärten eignet.
"Für die Expo haben wir Sprach- und Gesichtserkennungsprogramme entwickelt, die besonders gut mit Kindern funktionieren", sagt Yoshihiro Fujita von NECs Forschungsinstitut für persönliche Roboter. Außerdem hat NEC Papero mit zusätzlichen Berührungssensoren ausgestattet und beispielsweise Jacken mit drahtlosen Mikrofonen und Ultraschallsendern entwickelt, die mit Papero verbunden sind. So weiß der Roboter nicht nur, welches Kind gerade spricht, sondern kann es auch zentimetergenau orten. "Wir werden hier sechs Monate mit Funktionen und Programmen experimentieren und schauen, welche für Kinder akzeptabel sind", sagt Fujita.
Papero ist nicht allein. Rund 100 -- zum großen Teil androide Roboter werden bei der Weltausstellung als Entertainer, Pflegehilfen und Reinigungsautomaten eingesetzt -- so wird das Gelände beispielsweise vom Reinigungsroboter Suippi gekehrt, den Staubsaugerhersteller National gemeinsam mit Panasonic auf den den Markt bringen will. Japans größter Autohersteller Toyota wartet sogar mit einem guten Dutzend Maschinenwesen auf, darunter eine achtköpfige Band mit Schlagzeuger, Trompetern und Dirigenten.
Das ist kein Marketing-Gag. Gezielt haben die Veranstalter die Expo in den größten Freilandversuch der Robotergeschichte verwandelt. Sechs Monate können die Firmen ihre Produkte im direkten Kontakt mit den erwarteten 15 Millionen Besuchern erproben und perfektionieren. Mit der 2004 beschlossenen "nationalen Strategie zur Förderung neuer Industrien" plant Nippon, seine Roboterindustrie neben Brennstoffzellen und fünf weiteren Produktgruppen bis 2020 zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes auszubauen. Allein dieses Jahr pumpt das Ministerium für Handel, Wirtschaft und Industrie 45 Millionen Euro in die Forschung, damit Japans Unternehmen ihre noch bestehenden Rückstände in der Entwicklung künstlicher Intelligenz auf die USA und Europa rasch aufholen.
Das Expo-Roboter-Feeling beginnt bereits am Haupttor des Ausstellungsgeländes. Dort werden die Besucher von einer Empfangsdame im lindgrünen Kostüm mit gleichfarbigem Hütchen und weißen Handschuhen begrüßt. Die vermeintliche Frau ist ein Androide. Silikon auf Stahlgerippe, 40 Gelenke und Motoren bewegen Mund, Kopf, Oberkörper, Arme und die Finger fast lebensecht. Sogar mit den Wimpern kann sie klimpern. Statt eines Namens trägt sie noch ein eingetragenes Warenzeichen: Actroid, zusammengesetzt aus Actress, und Androide. Auf japanisch fiepst noch eine Tonlage höher als eine typische japanische Rezeptionistin wie eine Zeichentrickfigur, in englisch, koreanisch und chinesisch spricht sie mit betörendem Alt. "Ich beherrsche vier Sprachen", erklärt sie, "wenn sie auf Englisch sprechen möchten, sagen Sie bitte 'Hello'." Dann beginnt das Gespräch. 10.000 Worte und 500 Antwortsätze je Sprache hat sie gespeichert.
Einen der ersten richtigen, nahezu marktreifen Partnerroboter präsentiert der Maschinen-, Weltraumraketen-, Schiff- und Panzerbauer Mitsubishi Heavy Industries mit Wakamaru. Besteht das Kerlchen mit seinen großen, schwarzen Augen den Härtetest auf der Expo, wird er ab Dezember für 7150 Euro verkauft, verrät der Leiter des Wakamaru-Projekts Ryota Hiura. Hiuras ehrgeiziges Ziel: "Wakamaru soll derjenige Roboter sein, der am besten mit Menschen umgeht." Wakamaru soll vor allem die Semester über 50 Jahren unterhalten und über das Internet mit Informationen versorgen vom Wetterbericht bis hin zu den lokalen Shopping-News. Bereits heute feilen Japans Elektronikgiganten und Content-Provider an einem Standard für die Informationsdarstellung, damit der Markt für die neuen Familienmitglieder so schnell wie möglich boomt.
Bis der Homo Roboticus sich außerhalb streng definierter Grenzen bewegen und sich ein wenig mit Menschen austauschen können, werden mindestens weitere fünf Jahre verstreichen, schätzt Sonys Chef-Robotiker Masahiro Fujita. Während einige westliche Roboterentwickler den Drang zur blechernen Kopie des Homo sapiens als Irrweg abtun, verteidigt Fujita den Ansatz vehement: "Humanoide sind eine ideale Figur für Forscher." Schließlich sollen die künstlichen Wesen gemeinsam mit dem Menschen im Alltag leben. Die Anhänger der Androiden glauben, dass unsere Psyche dabei positiver auf menschenähnliche Formen reagiert als auf Blechkästen.
Selbst Dienstleistungsroboter unterwerfen sich in Japan diesem Gedanken. Der Guard Robot der Sicherheitsheitsfirma Alsok beispielsweise sieht aus, als sei er einem Power-Ranger-Zeichentrickfilm entsprungen. Alsoks neuester Wächter kann sich im Gegensatz zu seinen kommerziellen Kollegen per Global Positioning System frei im Expo-Gelände orientieren. Rauchern droht damit Ärger, denn Alsok ist darauf gedrillt, Feuer aufzuspüren. Zur Demonstration lässt einer der Entwickler ein Feuerzeug aufflammen. Sofort rollt der Roboter herbei, nimmt die Hitzequelle auf und schickt das Bild ans Kontrollzentrum. Zum Glück löscht er nicht. (wst)