E-Mail von Oma

Die Babyboomer von heute werden die Senioren von morgen sein. Intuitive, bedienfreundliche Technik soll diesen Zukunftsmarkt erschließen.

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Von
  • Carola Pahl
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Computernutzer brauchen eine ruhige Hand. Allzu schnell klickt man mit der Maus aufs falsche Symbol, und bei der geringsten unachtsamen Bewegung huscht der Zeiger quer über den Schirm. Für Menschen mit zittrigen Fingern wird ein simpler Mausklick zum unlösbaren Problem. Helmut Zucker hat deshalb eine "Parkinson-Maus" entwickelt.

"Parkinson-Kranke können den Cursor auf einem Computerbildschirm nicht mehr mit der Maus steuern, weil sie ihre Hand nicht ruhig halten können", sagt der 67-jährige Forscher. "Das ist für die heutige Generation noch nicht so wichtig, weil nur wenige alte Menschen die Arbeit mit dem Computer gewohnt sind. Aber die Alten von morgen, die in den 60er Jahren geborenen geburtenstarken Jahrgänge, werden nicht auf den Computer verzichten wollen."

Zuckers Programm erkennt, wie oft ein Computernutzer mit der Maus über ein bestimmtes Symbol auf dem Bildschirm "gezittert" ist. Hat der Cursor ein Symbol besonders häufig erwischt, nimmt die Software an, dass der Nutzer es mit einem Mausklick aktivieren will. Da nicht nur das genaue Anpeilen von Zeichen auf dem Bildschirm, sondern auch der Mausklick den Kranken Schwierigkeiten bereitet, übernimmt das Programm das Anklicken des gewünschten Symbols.

Der Mathematiker und Biologe Zucker leitet ein interdisziplinäres Forscherteam am Generation Research Program (GRP) in Bad Tölz in Oberbayern. Sein Forschungsgebiet ist intuitive, humanzentrierte Technik für die Alten von morgen. Die Zahl der Computernutzer mit zittrigen Fingern steigt rasant an. Die Gruppe der "jungen Alten", also der 60- bis 80- Jährigen, wird 2050 bei einer Gesamtbevölkerungszahl von gut 75 Millionen rund 19 Millionen Menschen, also 25 Prozent umfassen. 80 Jahre oder älter werden rund neun Millionen Menschen und somit zwölf Prozent der Bevölkerung sein. Zum Vergleich: 2003 waren nur 3,4 Millionen Deutsche (vier Prozent der Bevölkerung) älter als 80 Jahre alt. Immer öfter wird die Rentenzeit eine Spanne von 30 Jahren und mehr umfassen; auch wenn die Alten von morgen später in Ruhestand gehen sollten als die heutigen Rentner mit durchschnittlich 60 Jahren. Denn die durchschnittliche Lebenserwartung wird auf über 80 Jahre steigen.

Trotz aller Sorgen um die Sicherheit der Renten: Angesichts der demografischen Entwicklung gilt die Seniorengeneration von morgen als gigantischer Zukunftsmarkt. Die Generation Plus besitzt schon heute mehr als die Hälfte des gesamten Privatvermögens in Deutschland. Auch wenn sich die Situation für den einzelnen Rentner in Zukunft aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit voraussichtlich verschlechtert, wird das Gesamtvolumen des "Seniorenmarktes" durch die steigende Anzahl der Alten eher noch anwachsen. Die Anbieter müssten deshalb endlich entdecken, was die Alten wollen, meint auch Ernst Pöppel, Leiter des GRP in Bad Tölz: "Das Problem der fehlenden Binnennachfrage könnte gelöst werden, wenn der Marktsektor ‚Generation Plus‘ erschlossen würde", meint der Neuropsychologe.

ZIELGRUPPE SENIOREN

Das GRP will Vorreiter bei der Markterschließung sein. In der bayrischen Provinz, wo nachts um halb eins kein Taxi mehr am Bahnhof wartet, forschen in einem schneckenförmigen Neubau Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen für die "Silvergeneration”. Als Neurowissenschaftler fragt sich Pöppel: Was brauchen, wollen, können Menschen? Wie verändern sich Wahrnehmungsprozesse im Laufe des Lebens? Ältere Konsumenten seien besonders kritisch, sagt Forscher Pöppel: "Diese Generation lässt sich nicht für dumm verkaufen –- mit unbrauchbarer Technik und Werbemaßnahmen nur für Jüngere."

Technik für alte Menschen: Da denkt man an Treppenlifte und aufklappbare Badewannen, an Prothesen, Hörgeräte und Notfallklingelknopf. Doch längst gibt es einen Technikmarkt für Ältere, der meist gar nicht als solcher wahrgenommen wird. Beispiel Designprodukte: 54 Jahre alt ist der Durchschnittskäufer der teuren dänischen Hi-Fi-Anlagen von Bang & Olufsen. Oder der Automobilmarkt: Porsche-Käufer sind im Durchschnitt 57 Jahre alt, und das "Born to be wild"- Gerät, der Motorrad-Chopper von Harley-Davidson, wird im Mittel von 59-Jährigen gekauft.

Die Alten von morgen werden viel Geld in Technik investieren, weil dies ihrem erlernten Konsumverhalten entspricht. Wer bereits als jüngerer Mensch alle paar Jahre einen neuen Computer oder ein Auto erworben hat, wird dies auch als älterer Mensch weiterhin tun. Das Konsumverhalten weist eine hohe biografische Kontinuität auf.

Peter Zec, geschäftsführender Vorstand des Design Zentrums Nordrhein-Westfalen e.V. in Essen, ist überzeugt: "Die Alten von morgen werden technische Geräte zur Erleichterung ihres Alltags nutzen wollen und hohe Anforderungen an die Technik stellen." Doch die Technik wird sich dafür verstärkt an den Menschen anpassen müssen: "Die Tendenz zur Vereinfachung ist nötig, um die Massen zu erreichen und den Markt zu vergrößern. In 20 Jahren wird die gesamte Kommunikationstechnik ‚seniorenleicht‘ sein", prophezeit Zec.