E-Mail von Oma
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Einfach zu bedienende, ästhetisch ansprechende Produkte kommen allen Generationen zu Gute. Deshalb benutzt Peter Zec den Begriff "Design for all". Andere Anbieter setzen auf eine klare Benennung der Zielgruppe "Ältere Menschen". Darius Khoschlessan, der Geschäftsführer von Senio, Deutschlands erstem Fachhandel für Senioren in Heidelberg, hat die Erfahrung gemacht, dass Senioren es honorieren, wenn sich ein Anbieter mit ihren speziellen Wünschen und Bedürfnissen auseinander setzt. Deshalb sollten Seniorenprodukte auch klar als solche benannt werden, fordert der Arzt und Geschäftsmann.
Wer alt ist, hat oft schon nahezu alles. Die Kunst wird deshalb sein, latente Konsumwünsche zu erfassen und immer neu zu stimulieren. Dazu wiederum gehört, dass technische Produkte genau auf die unterschiedlichen Komsumentengruppen der Alten -- von quicklebendig bis teilbehindert -– zugeschnitten werden. Komplizierte, zeitaufwendige Technik mit unnötigen Anzeigen, Schaltern und Funktionen braucht kein älterer Mensch. Aber für manch einen dürfen es ruhig Tasten und Displays wie für einen 30-Jährigen sein, während ein anderer wegen altersbedingter Einschränkungen nicht an Spezialanfertigungen vorbeikommt.
Alt und einsam: Das wünscht sich niemand. Funktionierende soziale Beziehungen gewinnen für die Altersgruppe 50 plus an Bedeutung -- vor allem wenn durch die Pensionierung plötzlich die beruflichen Kontakte wegfallen. Telefon, Internet und E-Mail werden auch im Leben der neuen Alten eine zentrale Rolle spielen.
Klaus Wuttig, 68 Jahre, pensionierter Ingenieur und Mitglied der Senior Research Group (SRG) an der TU Berlin, berichtet von den Handy-Tests seiner Testgruppe, die aus zwanzig Frauen und Männern zwischen 58 und 94 Jahren besteht. "Wir haben überlegt, wie das Handy aussehen könnte, damit es Ältere gut bedienen können. Es muss ergonomisch geformt sein, und die Tasten müssen eine Mindestgröße haben. Wir wollen keine Handys, die man mit der Kugelschreiberspitze bedienen muss. Die Hauptnutzung, also das Telefonieren, sollte einfach und transparent sein." Für viele der Probanden stellte außerdem die Menüsteuerung ein noch größeres Problem als die Ergonomie dar.
NEUE EINFACHHEIT
Die Wissenschaftler haben gemeinsam mit Designern und älteren Menschen überlegt, wie Technik für Ältere beschaffen sein muss. Wolfgang Friesdorf, beteiligter Arbeitswissenschaftler und Mediziner: "Empowerment von Senioren war uns wichtig. Sie sind aus der Rolle der Testperson in die Rolle des Forschers geschlüpft." Der Bedarf unterscheide sich deutlich von dem der Jüngeren, aber auch von dem behinderter Mitmenschen. "Wenige Unternehmen haben das bislang erkannt und sich darauf eingestellt."
"Senio" ist eine dieser Firmen, die die Bedürfnisse älterer Menschen bereits berücksichtigen. Das Unternehmen hat selbst ein Handy-Modell entwickelt, das im Frühjahr 2006 auf den Markt kommen und rund 50 bis 100 Euro mit Vertrag kosten soll. Geschäftsführer Khoschlessan: "Der Seniorenmarkt hat ein riesiges Potenzial, und es macht sehr viel Spaß, sich damit zu beschäftigen. Warum machen das andere Unternehmen nicht?"
Das wundert sogar die Marketing-Experten. Helmut Kern, geschäftsführender Gesellschafter der Beyond Solutions Consulting GmbH: "Umso überraschender war für uns die in vielen Gesprächen mit Fachleuten bestätigte Untätigkeit der ansonsten wahrscheinlich schnellsten aller Branchen, der Telekommunikation." Der Trend zu immer komplexeren und kleineren Handys gehe vollständig an den Bedürfnissen der Senioren vorbei, so eine österreichische Studie aus dem Jahr 2004.
Dabei besitzen immerhin rund zwei Drittel der 60- bis 70- Jährigen ein Handy, Tendenz steigend. Die meistgenannten Verbesserungswünsche der Senioren sind: einfachere Menüführung, gut lesbare Bildschirme, größere Tasten und Einstellung der Lautstärke. Nachgefragt werden verbesserte Notruffunktionen sowie Gesundheitsüberwachung. Helmut Kern rät den Herstellern: "Innovationsführerschaft kann auch durch Vereinfachung erzielt werden. Legt eure technische Verliebtheit und Spaßprodukte ein wenig zur Seite und entwickelt heute schon die Produkte und Dienstleistungen, die ihr selbst konsumieren wollt, wenn eure Augen und euer Gehör vielleicht nicht mehr so gut und eure Finger etwas zittrig sind!"
Auch ältere Menschen möchten gern E-Mails schreiben, das Internet für Einkäufe und Recherchen nutzen und Briefe am Computer verfassen. Damit auch Senioren, die keine Erfahrung mit Computern haben und dazu vielleicht noch eingeschränkt hören und sehen, dazu eine Chance haben, hat die Firma Plejaden Communications den "Pinguin" entwickelt. Das Terminal heißt so, weil es aufgrund seiner ergonomischen Form an den aufrecht stehenden Wasservogel erinnert. Diese Gestaltung ermöglicht ermüdungsfreies Bedienen auch vom Rollstuhl aus. Es gibt keine Maussteuerung, die Funktionen werden durch Bildschirmberührung ausgelöst. Die Schriftgröße kann direkt am Bildschirm eingestellt und die angezeigten Texte über Lautsprecher oder Kopfhörer verlesen werden.
ERFOLGSERLEBNISSE
Altenheimbewohner, das Pflegepersonal und Angehörige sind begeistert. Auch Senioren, die keinerlei Computererfahrung haben, lernen mit dem "Pinguin" per E-Mail zu kommunizieren, sich mit Spielen die Zeit zu vertreiben oder das Gedächtnis zu trainieren. Selbst Demenzkranke können unter Anleitung das Gerät nutzen. Mit Hilfe von Bildern gelingt es, Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis wachzurufen und so einen Zugang zu diesen Menschen zu erreichen. Musik ist ein weiterer Teil des Programms, das Demenzkranke aktiviert und ihnen Freude bereitet.
Plejaden-Mitgründer Jochen Eder erklärt: "Der ,Pinguin‘ trägt zur Lebensqualität bei. Die Erfolgserlebnisse machen die Benutzer wirklich glücklich. Das wissen wir aus mehrjähriger Erfahrung. In den nächsten zehn Jahren wird kein Seniorenheim mehr auf unsere Computer verzichten können." Samt Schulung der Betreuer kostet ein "Pinguin" 5400 Euro. Die kleinere tragbare Version "Colibri" ist bereits für 3480 Euro zu haben.
Auch Helmut Zucker vom GRP in Bad Tölz hat etwas Nettes für Menschen mit Gedächtnisverlust entwickelt: Den "Tölzer Würfel". Das ist ein Ton-Wiedergabegerät ohne Knöpfe und Schalter. Die sechs verschiedenen Seiten sind jeweils mit Musikstücken oder anderen Tonaufnahmen belegt. Zur Änderung der Lautstärke stellt man den Würfel auf die Kante. "Die Alzheimer-Patienten freuen sich, wenn sie eine bekannte Melodie aus ihrer Jugendzeit hören. Sie fühlen sich dann nicht mehr so fremd und verlassen. Sie können den Würfel selbst bedienen, indem sie ihn auf eine andere Seite legen. Da sie meist gleich wieder vergessen, was es mit dem Würfel auf sich hat, freuen sie sich immer wieder aufs Neue, wenn sie den Würfel drehen", erklärt Helmut Zucker das Prinzip des Würfels. Der erste Prototyp des Würfels funktionierte auf der Basis eines eingebauten CD-Players. Um den Würfel handlicher gestalten zu können, wurde in einem zweiten Prototyp die MP3-Technik verwendet. Die Steuerung ist durch einen Flüssigkeitsschalter, wie er beispielsweise für Pumpen genutzt wird, möglich. Vom marktreifen Produkt sei der Würfel allerdings noch weit entfernt, meint Helmut Zucker.