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Was war. Was wird. Von tickenden Bomben, baren Münzen und explodierenden ....

Ja, wir sehen bescheuert aus, wenn wir uns selbst ins Bockshorn jagen. Es scheint aber mittlerweile gesellschaftsfähig zu sein, das als große Leistung anzusehen, bemängelt Hal Faber. Aber hey, cyber olé! Da platzt doch glatt das Sparschwein.

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Schwein
Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es gibt Geschichten, die würde kein Heise-Redakteur für den Newsticker akzeptieren, weil sie allen Gesetzen widerspricht, wahlweise denen der Logik, der Physik oder denen des deutschen Rechtsstaates. Und dann gibt es solche Geschichten, von einem Schüler, der ein elektronisches Metronom zu einer Bombe umbaut:
"Ich habe es gebaut, hörte das Ticken und dachte mir: Hey, das hört sich aber wirklich an wie eine Bombe. Also besorgte ich mir ein paar Batterien, pulte die Etiketten ab, so dass sie wie einfache Metallbüchsen aussahen und klebte sie mit Band zusammen. Und das schrieb ich mit großen Buchstaben darauf: KONTAKTSPRENGLADUNG. Ich dachte, Mensch, das wird ein Riesenspaß. Ich packte das in Bill Werners Spind! Ich kannte zufälligerweise seinen Spindcode."
Ein Lehrer hörte das Ticken der Bombe im Spind, der Schulrektor öffnete diesen, nahm die Bombe, fest an seine Brust gedrückt und rannte so schnell wie möglich auf das Fußballfeld der Schule, wo die Bombe demontiert werden sollte.
"Ich musste lachen, obwohl ich versucht habe, es zu unterdrücken. Also tat ich so, als müsse ich husten, um es zu überspielen. Aber ich konnte nicht einmal das hinkriegen, weil ich wusste, dass ich das Metronom mit einem zuschaltbaren Widerstand ausgestattet hatte, damit es schneller tickt, wenn jemand die Tür öffnet."
Das Lachen verriet den Bombenattrappenbastler Steve Wozniak und seinen köstlichen Joke, wie in "iWoz" geschildert hat. Er musste eine Nacht im Jugendknast verbringen, wo er "all den schweren Jungs" zeigte, wie man die Drähte des Ventilators nimmt und mit den Gitterstäben verbindet, damit die Gefängniswärter einen "gewischt" bekommen, wenn sie die Tür öffnen. Joke! Joke!

*** Steve Wozniak hatte "mächtig Spaß da drinnen" und der Witz hatte keine weiteren Folgen. Heute, nach dem Unabomber und den islamistischen Selbstmordattentätern, würde nach so einem Spaß sicher ein "Jugendknast" folgen, der die gesamte Lebensplanung über den Haufen wirft, einschließlich eines Bastelverbotes. Heute reicht schon die Konstruktion einer digitalen Uhr ganz ohne Bombe aus, um wegen "half a bomb" verhaftet und erkennungsdienstlich behandelt zu werden. Stimmt ein viel zitierter Tweet, ist Ahmed Mohamed von Präsident Obama eingeladen worden und kann zumindest so mit Steve Wozniak gleichziehen. Vielleicht nimmt er eine kleine Bastelei mit, wie die "Bombe", die seine Lehrerin nicht im Eilschritt auf den Sportplatz brachte, sondern zunächst in ihre Tasche steckte.Bruce Schneier fand dazu die richtigen Worte: "Wir sollten aufhören, uns zu terrorisieren. Wir sehen dabei nur bescheuert aus."

*** Achja: Allen Gesetzen widersprechen, das kann man heute auch in Deutschland, sogar regierungsamtlich. Das sieht man am WLAN-Gesetzentwurf, eine einzige Unverschämtheit, die den Eurpäischen Gerichtshof übergeht und von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als "übereifrige Verbeugung von Sigmar vor Dieter" beschrieben wird. Gemeint ist Dieter Gorny, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Musikindustrie. Siggy "Pop" Gabriel ist übrigens nicht nur der Minister, der eben diesen Gorny zu seinem Digitalbeauftragten machte, sondern diese Woche in Berlin auch erklärte, dass Deutschland in zehn Jahren die beste digitale Infrastruktur der Welt haben müsse. "Darunter dürfen wir es nicht machen." Wie das mit dem Anspruch von Bayern zusammenpasst, die beste digitale Infrastruktur in ganz Europa zu haben, ist dann eine Frage der Mengenlehre.

*** Das Bild, das Gabriels Sozialdemokratische Partei Deutschlands abgibt, ist überaus kläglich und beschämend, nicht nur beim WLAN-Gesetzentwurf oder bei der Aufarbeitung der Machenschaften der NSA, in der die Opposition die Gerichte bemühen muss. Wie diese Partei die Demontage des Asylrechts mittragen will und gleichzeitig hehre Worte über Europa und die europäische Idee verkündet, erinnert an eine gespaltene Persönlichkeit, eine gespaltene Parteilichkeit gewissermaßen. Zumindest sollte Europa realistisch gesehen werden, als die Heimat zweier Diktaturen, zweier Weltkriege und vieler Konzentrationslager, ganz wie in Ágnes Hellers Reaktion auf die Lobreden mancher Politiker. Die ganzheitliche Philosophin bekommt in diesem Jahr den Willy-Brandt-Preis-– zusammen mit Sarah Harrison, die für ihren "besonderen politischen Mut" ausgezeichnet werden soll. Gemeint ist wohl die Zeit, die Harrison an der Seite von Edward Snowden auf einem Moskauer Flughafen im extraterritorialen Raum verbrachte, bis Snowden eine Aufenthaltsgenehmigung in Russland bekam. Eine SPD, die nicht den Mut aufbrachte, sich für ein Asyl von Snowden in Deutschland stark zu machen und deren Politiker sich dabei auf eine "fehlende juristische Grundlage" beriefen, wäscht sich selber rein. Was wird uns da als aufrechter Gang verkauft?
"Die Menschen müssen stehen bleiben, in sich gehen und darüber nachdenken, was sie tun wollen, und warum sie das tun, was sie tun. Und sie dürfen nicht alles für bare Münze nehmen, was ihnen als bare Münze verkauft wird. Das heißt, am Denken hängt tatsächlich eine ganze Menge." (Ágnes Heller)

*** Wenn es in dieser Woche für jedes Cyber in den Nachrichten ein Fünferl für mein Schweinderl gegeben hätte, so wäre die Sau explodiert. Allein die Meldungen zum Cyber-Ausbau der Bundeswehr oder der US-Armee produzierten ein ganz spezielles Cyber-Hoch, ein "Full Spectrum Cyber" der Buzzwords und Münzfälschereien. Besonders apart ist dabei die Behauptung, dass es bei den deutschen militärischen Cyber-Missionen nur um den Verteidigungsfall geht, nicht um Attacken auf den Gegner, also um Cybels. Denn zu einer Attacke bräuchte man ein Bundestagsmandat. Vergessen wir die Einschätzung der Bundeswehr, dass zur Herrschaft im Cyber-Raum auch "Effektoren" angeschafft werden müssen für einen Schlag auf die Cyber-Infrastruktur des Gegners, der sich anschickt, einen Angriff zu starten. Auch die Einschätzung von Rüstungsfirmen wie Lockheed Martin, dass die Nachfolger der Global Hawk-Drohne nicht mehr nur aufklären, sondern in den "Electronic Warfare" eingreifen können müssen, sollte verdrängt werden. Dieses komische Cyber kommt einfach anders daher, wenn das Schlachtfeld realistisch bestimmt wird. Ganz unmilitärisch gilt diese Form der Verdrängung auch für einen seltsamen Newcomer wie die Deutsche Cyber-Sicherheitsorganisation, die von einem national abgrenzbaren deutschen Raum ausgeht.

Was wird.

Frohgemut geht es in die nächste Woche, denn Mutter Angela wird es schon richten in diesem ihren Land, für uns und alle unsere Flüchtlinge. Statt im Cyber-Raum rumzugurken, könnte die Bundeswehr IRL humanitäre Schutzkorridore nach Mitteleuropa einrichten. Schließlich hilft auch die IT mit, wo sie nur kann, die Jahrhundertaufgabe zu meistern. Nehmen wir nur SAP, wo man bis Ende des Monats eine App fertig entwickelt haben will, die bei der Integration von Flüchtlingen helfen soll, mit neuester Transparenz:
"Die meisten haben ja Mobiltelefone dabei. Die Idee der App ist, dass Flüchtlinge nicht nur direkt erfasst, sondern auch in Echtzeit die Verteilung und die Aufnahmekapazitäten im Bundesgebiet angezeigt werden. Zudem soll sie auch Helfer und Flüchtlinge direkt in Kontakt bringen."

Oder besser so?
"Mit xy-Software werden die einzelnen Standorte und Häuser mit ihren vorhandenen Kapazitäten erfasst. Dabei ist geplant, dass jedem aufgenommenem Flüchtling in xy-Software ein Foto zugeordnet wird. Über einen persönlichen Barcode auf dem Standortausweis wird ein eindeutiges Wiederfinden des um Asyl Suchenden für die Helfer erleichtert. Die direkte Labor-Anbindung sorgt für eine schnelle Übertragung von Laborwerten in die Datenbank von xy-Software und somit zum jeweiligen Flüchtling. Software erleichtert die Arbeit der anwesenden Ärzte, schafft Zeit und öffnet so wiederum Ressourcen. Alle Untersuchungsergebnisse, Laborwerte und Unfälle werden zentral erfasst."

Verknüpfen wir die Ideen mit der Idee einer elektronischen Gesundheitskarte für Flüchtlinge, dann werden auch die Alteingessenen etwas von der Jahrhundertaufgabe haben.

Ja, es ist alles wirklich so dumm und unverfroren. Dann machen wir uns eben auf nach Hannover, denn die Hoffnung stirbt zuletzt: So kann das Spamfilter-Festival die Hoffnung wecken, dass Netzkultur das ist, "was wir draus machen. Wir wollen nichts mehr verpassen, wir wollen Feedback, wir wollen intervenieren können und nicht mehr nur zuschauen, oder manchmal doch, aber dann nur wann, wo und was wir wollen". Gut gebrüllt, Löwen, auf dass die Schweine doch nicht platzen müssen: "Netzkultur, das ist für uns auch die Erprobung einer Gesellschaft ohne kulturelle und soziale Grenzen, an denen uns der Zugang verweigert wird." (jk)