Meinung: Der digitale Graben in meiner Wohnung

Alle reden von der großen Vernetzung – nur die Heizungsbauer nicht. Offenheit ist offenbar nicht so ihr Ding.

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Alle reden von der großen Vernetzung – nur die Heizungsbauer nicht. Offenheit ist offenbar nicht so ihr Ding.

TR-Redakteur Honsel ist es leid, alle Heizprofile in seiner Wohnung doppelt und dreifach programmieren zu mĂĽssen.

An meine Heizung habe ich eigentlich keine besonders exotischen Anforderungen: Morgens soll es im Bad warm sein, abends im Wohnzimmer und am Wochenende durchgehend in der ganzen Wohnung. Ansonsten sollen alle Räume etwa 16 Grad haben. Und das Ganze möchte ich möglichst bequem per App einstellen können. Ach ja, einen vierstelligen Betrag sollte die Lösung bitte auch nicht verschlingen. In einer Zeit, in der mir PR-Abteilungen pausenlos etwas vom "Internet der Dinge" und vom "Smart Home" ins Ohr tröten, scheint mir das eine lösbare technische Aufgabe zu sein.

Welch Irrtum. Heizkessel und Heizkörperthermostate reden einfach nicht miteinander. Der Hersteller meiner Gastherme bietet zwar viele schicke und teure Funkregler an, aber die kommunizieren praktisch nur mit Geräten aus dem eigenen Stall. Auch gehypte Newcomer wie die Apple-Tochter Nest oder das deutsche Start-up Tado bieten "intelligente" Heizungsregelung an. Aber die Temperatur einzelner Räume können sie bisher nicht steuern.

Auf der anderen Seite gibt es Anbieter wie alphaEOS, Danfoss, Honeywell oder eQ-3, bei denen es umgekehrt ist. Bei ihnen lassen sich einzelne Heizkörperventile drahtlos per App programmieren, aber einen Zugriff auf den Heizkessel bieten sie nicht. Und Plattformen wie Qivicon von der Telekom, HomeMatic von eQ-3 und SmartHome von RWE haben zwar den Anspruch, zentrale Drehscheibe des Smart Homes zu werden, sind aber auch auf Kooperation der Heizungsbauer angewiesen.

Die Folge für mich: Ich muss jedes Heizprofil mehrfach programmieren. Einmal am Kesselthermostat, einmal an jedem einzelnen Heizkörperventil. Ansonsten würden beide Systeme gegeneinander arbeiten, und das würde zu kalten Räumen oder zu unnötigem Energieverbrauch führen.

Dabei gibt es durchaus offene Schnittstellen zu Heizkesseln. Das internationale OpenTherm-Konsortium hat ein entsprechendes Protokoll entwickelt, das von vielen großen Herstellern unterstützt wird. In den Niederlanden etwa sind Heizkessel ohne OpenTherm-Schnittstelle praktisch unverkäuflich – schon allein deshalb, weil die großen Wohnungsbaugesellschaften sie nicht abnehmen würden. Auch in Großbritannien sind laut Konsortium 60 bis 70 Prozent der Heizkessel OpenTherm-kompatibel. Aber in Deutschland fehlt offenbar der Marktdruck. Hier lassen sich noch teure proprietäre Lösungen durchdrücken. Das Funk-Thermostat meiner Gastherme hat ein kleines Monochrom-LCD, drei Knöpfe und einen Drehregler. Es ist im Grunde nicht mehr als ein Temperaturregler mit Zeitschaltuhr und Funkmodul. Dafür will der Hersteller 179 Euro haben.

Ein Mitglied des OpenTherm-Konsortiums ist die niederländische Tochter von Vaillant. Das führt zu der bemerkenswerten Situation, dass sich die Tochter öffentlich für eine Offenheit einsetzt, der sich die deutsche Mutter hartnäckig verweigert. "Eine Kompatibilität von unseren eBus-Heizungsanlagen zu Drittanbieterlösungen ist bisher nicht vorgesehen", schreibt mir das Unternehmen. Dabei bezieht es sich wohlgemerkt auf die aktuelle Gerätegeneration, die in diesem September auf den Markt kommt.

Dass Vaillant in Deutschland seinen deutschen Kunden die OpenTherm-Schnittstelle vorenthält, begründet es damit, dass sich darüber keine "komplexen anlagentechnischen Lösungen" wie Wärmepumpen, Solarsysteme oder Lüftungsanlagen steuern ließen. Mag ja sein. Aber wer all das nicht braucht, muss hierzulande trotzdem auf überteuerte Regler des Herstellers zurückgreifen. Nun wäre es ein naheliegender Reflex, den mittelständischen Heizungsbauern eine gewisse Verschnarchtheit zu unterstellen. Doch das stimmt nur teilweise.

Das eigentliche Problem ist ein anderes: Jeder möchte selber die zentrale Plattform anbieten, über die alle Belange des Smart Homes gesteuert werden. Nach dem Motto: Jeder darf gerne bei uns mitmachen – solange wir der Chef im Haus bleiben. So hat Bosch in diesem Frühjahr ein eigenes Ökosystem vorgestellt, obwohl die beiden Töchter Buderus und Junkers bereits mit RWE und Qivicon zusammenarbeiten. Künftig werden sie dann wohl auf drei statt auf zwei Hochzeiten tanzen müssen. Viessmann macht hingegen lieber sein eigenes Ding:

"Wir könnten auch an Qivicon andocken, aber dann wären wir Komponentenlieferant", sagt Holger Bode, Leiter des Produktmanagements bei Viessmann. "Wir wollen aber kein Komponentenlieferant sein, sondern eigene Intelligenz darstellen." Auch viele Newcomer streben danach, die große einheitliche Plattform für alles zu etablieren.

Aber solange alle Häuptling und niemand Indianer sein will, kommt eine offene Vernetzung nie in Gang. Natürlich lassen sich für solche Entscheidungen immer auch technische Gründe anführen: Viessmann etwa setzt auf den energiesparenden Funkstandard EnOcean, der Batterien größtenteils überflüssig macht. Doch wie bereits der Wettstreit der Videosysteme in den achtziger Jahren gezeigt hat, ist technische Überlegenheit allein kein Erfolgsgarant. Entscheidend war damals, wer die meisten Filme liefern konnte, sprich: Wer die meisten Partner hatte. Das dürfte beim Smart Home nicht anders werden. Und dafür sind Alleingänge genau die falsche Strategie. (grh)