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Was war. Was wird. Von Siegen und Niederlagen.

Wir werden alle sterben!1Elf! Oder doch nicht, ist das Internet denn wirklich noch zu retten? Hal Faber staunt ĂĽber PR-Flaks. Aber Ethik in der IT? Ha, selten so gelacht. Das bittere Lachen des Herrn K.

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Was war. Was wird. Von Siegen und Niederlagen.
Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Wir leben in interessanten Zeiten. Max Schrems hat gesiegt, in einem kleinen Vorgeplänkel einer Auseinandersetzung, gegen die Franz Kafkas Process wie die Verhandlung über ein Parkknöllchen aussehend wird. Blumen werden vor dem Max-Schrems-Schrein im Berlin Spy Museum niedergelegt. Dort, wo an diesem Samstag die Demo gegen TTIP durch die Stadt walzte, gegen ein Abkommen, das selbst Bundestagsabgeordnete nicht lesen dürfen, so geheim ist es. Wie nett, dass ausgerechtnet jetzt Klartext in einem verwandten Fall gesprochen wurde: In dieser Woche hat es ein historisches Urteil zum Datenschutz gegeben, das sich gegen die "Safe Harbor"-Praxis der USA richtet. Jetzt diskutiert alle Welt, wie sich das Urteil auswirkt und die PR-Maschinerie vieler Hersteller und Anbieter läuft auf Höchsttouren. Meine Inbox wird vollgedonnert mit Pressemeldungen, wie Firma xy dank ihrer blafasel-Technologie die Daten in der Cloud retten kann vor dem Untergang des Internet. Schließlich sind angeblich 5483 Firmen vom Aussterben bedroht, da muss doch was getan werden für die Daten-Flüchtlinge. Was beim Urteil noch viel folgenreicher sein dürfte, sei hier zitiert:
"Herr Schrems legte bei der irischen Datenschutzbehörde eine Beschwerde ein, weil er im Hinblick auf die von Herrn Edward Snowden enthüllten Tätigkeiten der Nachrichtendienste der Vereinigten Staaten, insbesondere der National Security Agency (NSA), der Ansicht war, dass das Recht und die Praxis der Vereinigten Staaten keinen ausreichenden Schutz der in dieses Land übermittelten Daten vor Überwachungstätigkeiten der dortigen Behörden böten."
Wir lesen: ein europäisches Gericht lässt eine Klage zu, in der Edward Snowden und die NSA explizit genannt werden. Dies geschieht zu einer Zeit, in der in den USA der Vortrag des Journalisten Barton Gellman über den Snowden-Effekt an einer Universität zensiert wird, weil er Einzelheiten zu den Tätigkeiten der Nachrichtendienste enthielt. Angeblich wurde nach einer bewährten Methode sogar überlegt, den beim Vortrag benutzten Beamer zu zerstören – wer weiß schon, was in so einem Beamer-Speicherchen stecken bleibt. Dabei ist Barton Gellman neben Glenn Greenwald der Journalist, der direkten Kontakt mit Snowden hatte, von ihm Informationen bekam – und erheblich vorsichtiger mit dem Material umging. Klar ist, dass es NSA-Mitarbeitern nach einem Ukas nicht gestattet ist, sich Snowden-Files etwa aus der verdienstvollen Sammlung von Cryptome zu besorgen. Safe USA oder Save USA, das ist die Frage.

*** Auf die benamste Universität wird hier übrigens nicht verlinkt, da Snowden die Sache verlinkte und somit vom Netz entfernte: Nach "Streisand Shitstorms" dürfte ein "Snowden-Tweet" die neue Macht im Netz stellen. Ist sie dann der digitale Arm eines verbitterten Mannes? Immerhin ist Snowden mit seinen Enthüllungen im wissenschaftlichen Überbau angelangt, in dem es dank Snowden düster zugeht. Wir wissen nun, dass wir überwacht werden, aber wir fühlen es nicht. Was tun sie noch mit unseren Datenkörpern, von dem wir nichts wissen? Auch wenn Snowden gar nicht handelt, sondern seine Jünger hat, die das Tröpfeln der Daten besorgen, ist die Wirkung beachtlich:
"Snowdens unermüdliche Veröffentlichungen der Überwachungsaktivitäten der NSA geben nicht notwendigerweise die Sicherheit, dass wir wissen, was da passiert. Vielmehr können sie dazu dienen, unsere Vermutungen zu bestätigen und zu verstärken 'was sie sonst noch etwas machen, von dem wir immer noch nichts wissen'. Eine diffuse Paranoia ist das Resultat, als eine besondere Form der existenziellen Angst in der Moderne. In Kafkas Process taucht das Objekt der Paranoia von K. in den Verwinkelungen der modernen Bürokratie auf und hinterlässt einen profundes, unauflössliches Gefühl des Unbehagens. Heute steckt das Objekt in einer Black Box hinter den Interfaces unserer Geräte."

*** Gut möglich, könnte aber auch das Gegenteil sein, wenn der Process als Humoreske gelesen wird, in der die Justiz in Pornoheften blättert. Was Kafka selbst wollte, ist nicht ganz klar, da er die Kapitelaufteilung seines Werkes verschlüsselte und es niemand bisher geschafft hat, das System des Versicherungstechnikers zu dechiffrieren. So sind unterschiedliche Lesarten des Textes möglich, wie K. überwacht und bestraft wird, etwas, das auch für die Lesarten der heutigen Überwachung gilt.

*** Mit den Lesarten ist das eine zwiespältige Sache, zumindest bei Journalisten, wie dieser Artikel zur Datenhehlerei zeigt, die bald als eigenständige Straftat geführt werden soll. "Journalisten müssen außerdem ausschließlich aus beruflichen Gründen handeln: Sobald sie sich auch privat für das Thema ihrer Recherchen interessieren, entfällt also das Presse-Privileg." Ich sehe sie schon kommen, die verschwenzelten Disclaimer der Kollegen: Ich habe nie privat mit Volkwagen zu tun gehabt, ich fahre ausschließlich Opels mit der roten Plakette.

*** Volkswagieren, schreibt der IT-Omnisoph Gunter Dueck in seiner Reaktion auf den Volkswagenskandal, ist der Punkt, an dem Informatiker und Mathematiker ihre Ethik und Ehre aufgeben. Sie schreiben dann einen Softwarecode für das Motörchen EA 189, mit dem 10 verschiedene Betriebsmodi eingestellt werden konnten, um diesen und jenen Test zu umgehen. Von Ethik und Ehre der Informatiker und Mathematiker keine Spur. Konsequent denkt Dueck die Sache weiter und erinnert an die vielkernig angepriesenen Smartphones:
" Man könnte doch eigentlich gleich nur vier Prozessoren einbauen und die anderen vier irgendwie per Software vortäuschen? Ich muss noch einmal nachdenken, wie man hier volkswagiert. Für Digital Immigrants oder Erst-Smartphonekäufer reichen vier Prozessoren allemal, die merken es doch nicht, es ist ja das gleiche Prinzip wie bei Billigbrustimplantaten."

*** Ethik für Informatiker, Ehre der Ingenieure? Lachen wir lauthals über den Quatsch und feiern lieber ein kleines Jubiläum. Exakt heute vor 20 Jahren, am 11.10.1995 tauchte im Usenet unter /comp/os/ms-windows/win95misc ein Beitrag namens "SoftRAM95 Update" auf, in dem sich der Autor wunderte, was denn diese SoftRAM95-Software der Firma Syncronys Softcorp. eigentlich macht. Einen Tag zuvor war in der New York Times ein Artikel erschienen, der über Merkwürdigkeiten beim Börsenkurs dieser nicht gelisteten Firma berichtete, die für ihren RAM-Verdoppler höchstes Lob bekam – von zwei kalifornischen Börsenhändlern. Der verwunderte Beitrag zitierte Ergebnisse der "National Software Testing Laboratories", einer Tochter des MacGraw-Hill-Verlages mit der Zeitschrift Byte. Dieses Labor konnte nur die absolute Wirkungslosigkeit der Software feststellen. Etwas, das zeitgleich auch von dem c't-Journalisten Ingo Storm entdeckt und in einem Artikel "Verdichtung und Wahrheit" beschrieben wurde. Am 20.10 erhielt der Heise-Verlag eine Klage, am 27. 10 erging die einstweilige Verfügung des Landgerichtes Hamburg, die es dem Verlag die Behauptung untersagte, "es handele sich bei SoftRAM95 um eine Placebo-Software". Bereits eine Nummer später konnte der Heise-Verlag genau das mit der Placebo-Software behaupten und technisch untermauern und veröffentlichte den Artikel Placebo forte! Das war faktisch das Ende von Synchronys Softcorp, die am 8. Mai 1995 allein zu dem Zweck gegründet wurde, SoftRAM95 zu verkaufen. Der leitende Software-Entwickler des Projektes, Wendell Brown, ist heute ein gefragter Guru. Wie schreibt es der Philosoph und Google-Berater für das Recht auf Vergessen, Luciano Floridi: "Die sensitiven und privaten Informationen der Vergangenheit müssen in der Vergangenheit bleiben, aber das Web ist eine Scheibe ohne jede historische Tiefe."

Was wird.

Die Buchmesse kommt. In den geheizten Hallen zu Frankfurt werden Bücher aufgewärmt wie das von Floridi über die 4. Revolution nach der Erfindung des Rades, der Dampfmaschine und des geschnittenen Brotes. Gleich drei Revolution in einer findet Christopher Kucklick in seinem Buch über die granulare Gesellschaft, eine Differenz-Revolution, eine Intelligenz-Revolution und eine Kontroll-Revolution. Oder wie wäre es mit der molekularen Revolution des Dividuellen, getrieben durch Algorithmen, Big Data und Social Media?

Nostalgiker lesen übrigens die Halloween-Dokumente, diese kleine Nachricht aus der gefrorenen Hölle, und warten die nächste Folge der Dokumente ab, die gerade von Satya Nadella und Max Schrems umgeschrieben werden. Clouds in überstaatlichen transnationalen temporären Zonen sind 'ne hübsche Sache. (jk)