"Heute sind alle froh darĂĽber"
Für den diesjährigen Deutschen Zukunftspreis ist unter anderem ein Team von Infineon nominiert, das radarbasierte Sicherheitssysteme fürs Auto in den Massenmarkt gebracht hat. Der Weg dorthin war schwierig.
- Sascha Mattke
Für den diesjährigen Deutschen Zukunftspreis ist unter anderem ein Team von Infineon nominiert, das radarbasierte Sicherheitssysteme fürs Auto in den Massenmarkt gebracht hat. Der Weg dorthin war schwierig.
Das erste Auto mit einer automatischen Abstandsregelung auf Radarbasis war die im Jahr 1998 erschienene S-Klasse von Mercedes – die Technik kostete damals einen Aufpreis von mehreren tausend D-Mark. Heute kann man schon bei einem Smart aus demselben Konzern einen Radar-Abstandswarner dazubestellen, und zwar für nur 250 Euro extra. „Damit ist so ein System inzwischen billiger als Leichtmetallfelgen und andere Sonderausstattung, die Leute an ihren Autos so lieben“, sagt Ralf Bornefeld, Geschäftsbereichsleiter Sense & Control bei der Infineon Technologies AG.
Die dafür nötige Radar-Technik beim Smart – und vielen anderen Autos – kommt in Form von Chips von Infineon, und Bornefeld gehört zusammen mit seinen Kollegen Walter Hartner und Rudolf Lachner zu den nominierten Teams für den Deutschen Zukunftspreis, der in diesem Dezember zum 19. Mal vergeben wird. „Ein Lebensretter geht in Serie“ lautet der Untertitel ihres Wettbewerbsbeitrags – denn anders als Alufelgen kann Sicherheitstechnik auf Radarbasis schwere Unfälle verhindern.
„Die Radartechnologie kommt aus dem militärischen Bereich“, erklärt Bornefeld. Deshalb habe der Preis anfangs auch kaum eine Rolle gespielt. Als jedoch die S-Klasse mit der neuen Distronic-Regelung auf den Markt kam, habe man bei Infineon überlegt, dass ein interessanter neuer Markt entstehen könnte, wenn die Technik deutlich billiger wird. 1999 begann in dem Unternehmen die Forschungsarbeit, Radarsender und -empfänger auf der Basis von Silizium-Germanium zu realisieren, das sich mit den gut eingeführten Techniken und Anlagen der Chip-Fertigung verarbeiten lässt.
Infineon hatte sich damals schon mit Silizium-Hochfrequenztechnik für Industrie und Mobilfunk beschäftigt. Doch die für ein leistungsfähiges Abstandsradar nötigen Frequenzen sind mit 77 Gigahertz deutlich höher als im Mobilfunk, so dass die Umorientierung in diesen Bereich laut Bornefeld „wirklich schwierig“ war – „die ersten Prototypen haben funktioniert, die nächsten dann wieder nicht, wie es eben bei neuer Technik häufig der Fall ist“.
Das anfangs kleine Team ließ sich davon jedoch nicht entmutigen und schaffte es immer wieder, auch die Budget-Verantwortlichen zu überzeugen, dass sich die Weiterarbeit lohnt. Letztlich dauerte es zehn Jahre und kostete laut Bornefeld einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag, bis Infineon seinen ersten Radar-Chip anbieten konnte. Über den Zulieferer Bosch landete er im damals ganz neuen Porsche Panamera, später auch im Audi A8.
"Heute sind alle froh darĂĽber, dass wir immer weitergemacht haben", sagt Bornefeld. Denn mit den Chips war Infineon nach seinen Worten zweieinhalb Jahre frĂĽher dran als der wichtigste Konkurrent Freescale Semiconductor.
Und der Markt dafür wächst rasant: Strategy Analytics, eine weitere Marktforschungsfirma, sagt bis 2020 eine jährliche Zunahme um 25 Prozent bei Sicherheitssystemen voraus, für die in den meisten Fällen Radartechnologie benötigt wird. Infineon selbst hat in diesem Sommer, fünf Jahre nach Verkaufsbeginn, die Auslieferung seines zehnmillionsten Hochfrequenz-Radarchips gemeldet – und rechnet damit, dass die nächsten zehn Millionen Stück innerhalb nur eines Jahres verkauft werden können.
Dazu tragen einerseits Kostensenkungen durch immer weiter gehende Integration und Miniaturisierung bei. Seit 2012 ist die zweite Generation des Infineon-Chips auf dem Markt. Sie wird – die zweite bedeutende Innovation des Teams – fest verbaut in einem Gehäuse ausgeliefert, das Radarstrahlen problemlos passieren lässt. Auch dafür war viel Entwicklungsarbeit erforderlich, und auch hier habe man viel mit Zweifeln zu kämpfen gehabt, sagt Bornefeld.
Andererseits trägt auch das regulatorische Umfeld zu mehr Nachfrage bei. Die aktuellen Prüfvorschriften der europäischen Prüfgesellschaft Euro NCAP laufen darauf hinaus vor, dass die Bestnote von fünf Sternen ohne radarbasierte Abstandskontrollen kaum noch zu erreichen ist. Ab 2018 soll dafür zusätzlich die Erkennung von "verletzlichen Straßennutzern" wie Fußgängern und Radfahrern erforderlich sein – ebenfalls ein Fall für Radarsysteme, wie Bornefeld erklärt.
Der Zukunftspreis ist mit 250.000 Euro dotiert. Was würde Bornefeld mit dem Geld machen, falls sein Team gewinnt? "Zunächst einmal freuen wir uns, auf jeden Fall nach Berlin fahren und den Bundespräsidenten kennenlernen zu dürfen. Über Geld können wir uns dann Gedanken machen, wenn wir wirklich ausgezeichnet werden sollten."
(sma)