MacWorld Expo in Frankfurt
'Die Messe mit Biß'entwickelt sich immer mehr zur Verkaufsmesse und bleibt in Sachen Neuvorstellungen weit hinter den Ur-MacWorlds in Boston und San Francisco zurück. Eine Handvoll interessanter Produkte konnte man trotzdem finden - wenn man wußte, wo.
- Stephan Ehrmann
- Carsten Meyer
Die wohl wichtigste Hardware-Neuheit war der erste Multiprozessor-Mac von Daystar; er ging allerdings als einzelnes Exemplar bei den Karlsruher 3D- Experten Kodiak fast unter. Der 'Genesis MP' basiert auf dem Motherboard des Power Mac 9500/132 und birgt in seinem CPU-Slot eine Multiprozessorkarte mit vier PowerPC-604-Chips, die mit 132 MHz Takt arbeiten. Da Board und Karte (die immerhin etwa 25 x 15 x 3 cm mißt) nicht in das Originalgehäuse passen, hat Daystar gleich ein eigenes drumherumgebaut. Die CPU-Karte wird es ergo auch nicht einzeln zu kaufen geben.
Das Innenleben des Genesis MP ist viel besser zugänglich als im Original-Mac. Statt dem kompletten Gehäuse nimmt man nur eine Wand ab, an DIMM- und PCI-Slots kommt man auch, ohne das Mainboard auszubauen. Sieben interne Fast-SCSI-Ports rechtfertigen die wuchtige Erscheinung des Towers. Da das Apple-Betriebssystem ohne entsprechende Erweiterung keinen Multiprozessorbetrieb unterstützt, beauftragte das Headquarter in Cupertino die Daystar-Entwickler, eine MP-Bibliothek zu schreiben. Softwarehersteller können damit ihre eigenen Programme anpassen, um Rechenleistung auf mehrere Prozessoren zu verteilen.
Bisher gibt es zwar erst ein Plug-In für Photoshop 3.0.4 und eine neue Version von Strata Studio Pro. Angekündigt jedoch sind unter anderem der Photoshop- und Live-Picture-Konkurrent 'QuarkXPosure' vom DTP-Spezialisten, das neue 3D-Programm 'Extreme 3D' aus dem Hause Macromedia sowie Anpassungen von Adobe Premiere und After Effects, Specular Infini-3D und Raydream Design. Mindestens die vierfache, in manchen Fällen sogar die sieben- bis achtfache Performance soll angepaßte Software bringen - warten wir's ab. Aber die Messedemo war schon beeindruckend: ein Weichzeichner-Filter, den der angepaßte Photoshop auf eine 19-MByte-Bilddatei anwenden mußte, beschäftigte den Rechner nur wenige Sekunden; der Status-Dialog wurde gar nicht erst angezeigt. Auf einem 'normalen' Power Mac 9500/132 dauert das rund eine Minute. Auch die Performance des Renderers Strata ließ jedem Messebesucher das Herz hüpfen, der sich schon mal während der Berechnung einer aufwendigen 3D-Grafik schlafen gelegt hatte.
Im Dezember will der Hersteller das erste Gerät zu etwa 15 000 Dollar fertig haben, weitere - basierend auf den Motherboards der Power Macs 7500 und 8500 - sollen folgen. Einen deutschen Distributor hat man für die High-End- Maschinen bislang nicht gefunden.
Nette Kleinigkeiten
Die Firma Memory Traders aus Arlington, Virginia, kauft und verkauft gebrauchte Speicherbausteine aller Art und arbeitet sie auch zu aktuellen Gebinden (z. B. DIMMs) um. Nebenbei hat man einen Quarzoszillator-Clip zur Power-Mac- Beschleunigung im Angebot, der sich durch seine genial einfache Bauweise auszeichnet: Man stülpt ihn wie eine Haube über den eingelöteten Oszillator. Für 50 DM ist der 'Mach 10 Jet' für des Lötens unkundige Mac-User ein guter Deal, zumal ausführliche Dokumentation und Testprogramm beiliegen. Als deutscher Distributor empfiehlt sich CIS aus Wörrstadt.
MicroMac, Upgrade-Spezialist aus Kinsau, bietet mit dem 'DIMM Tree' jetzt einen Adapter an, mit dem sich zwei 72polige PS/2-SIMMs aus alten Macs in den neuen PCI-Rechnern weiterverwenden lassen. Bedingt durch die quer aufgesteckten SIMMs müssen allerdings immer zwei DIMM-Fassungen neben dem DIMM Tree leer bleiben. Bestückt man die Adapter paarweise, kann der Power Mac per Interleave auf den Speicher zugreifen und damit die Memory Performance erhöhen. Der DIMM Tree kostet 138 DM.
Auch MicroMac hat einige Power-Mac-Beschleuniger im Programm: 'Warp Factor 135' für PPC601 oder 'Warp Factor 150' für PPC604 sind im Gegensatz zu Festfrequenz-Designs über einen Drehschalter einstellbar, die Anschaffung eines Oszillator-Sortiments erübrigt sich somit. Allerdings sind die Clips mit 178 DM beziehungsweise 578 DM auch schon recht teuer. Eine ähnliche Intention hat die knapp 400 DM teure 'PowerPump'-Karte: sie ermöglicht bei mit PowerPC aufgerüsteten Quadras die getrennte Einstellung von 68040- und PPC601-Takt über ein Kontrollfeld. Normalerweise wird der PowerPC auf Apples Erweiterungskarte immer mit exakt doppelter 68040-Taktfrequenz gespeist, obwohl er oft schneller laufen könnte.
Eine der letzten NuBus-Neuankündigungen entdeckten wir bei VillageTronic aus Sarstedt: ihre MacPicasso-Grafikkarte besitzt einen Amiga-kompatiblen Genlock- Anschluß. Im Zusammenspiel mit dem Neptun-Genlock von electronic design aus München demonstrierte man preiswerte Video-Nachbearbeitung. In naher Zukunft will man die Grafikkarte auch als PCI-Version anbieten.
Minolta wußte mit der digitalen Kamera RD-175 zu überzeugen, die mit ihrer Auflösung von 1,75 Millionen Bildpunkten auch vielen professionellen Ansprüchen genügen dürfte. Auf ihre 131-MByte-Harddisk im PCMCIA-Slot passen rund 140 komprimierte Aufnahmen. Als Preis nannte man rund 19 000 DM.
Farbbilder im beliebten 10 x 15-cm- oder Postkartenformat druckt der 'FotoFun!' von Fargo, im Vertrieb bei MacLand, Berlin. Der 850 DM teure Thermosublimationsdrucker liefert mit 200 dpi 'fast Laborqualität', die Verbrauchskosten liegen mit rund 2 DM pro Bild allerdings deutlich über Großlabor-Niveau. Treiber für Mac und Windows gehören zum Lieferumfang. Als längst überfällige Ablösung der betagten 5,25"-Syquest-Cartridges konsolidiert sich langsam Iomegas ZipDrive; schade nur, daß eine Einbau- Version immer noch auf sich warten läßt. Festplattengeschwindigkeit verspricht Pinnacle Micro mit einem 4,6-GByte-MOD, für das man aber lediglich eine 'sehr aggressive Preisgestaltung' in Aussicht stellen konnte. Konkretere Vorstellungen hat Distributor MacLand vom Preis für Pinnacle Micros neuen CD-Recorder RCD- 1000: 3100 DM.
Würdige Anwendungen
Der beeindruckend schnelle Renderer im Animationsprogramm Maxon Cinema 4D erlaubt Echtzeit-Kamerafahrten schon im Editor. Ein neues Konzept bei der Bearbeitung, Bildmontage und Retusche auch sehr großer Bilddateien verfolgt das Programm Live Picture: Es beruht auf dem 'Functional Interpolating Transformation System' (FITS), arbeitet also zunächst mit leicht handhabbaren Grobdaten, wie sie zur Bildschirmanzeige ausreichen, und läßt die eigentliche Bilddatei anhand der erfolgten Arbeitsschritte später ohne weiteres Zutun durchrechnen - etwa in Arbeitspausen oder nach Feierabend. Im Gegensatz zu den Konkurrenten stellt die Undo-Funktion hier nicht den alten Bildinhalt wieder her, sondern nimmt alte Aktionen zurück. Distributor WTS aus Bad Nauheim hat auch noch einige Photoshop-Plug-Ins im Programm: 'Sqizz!' ermöglicht detaillierte wie großflächige Bildverzerrungen per Pinsel und Gitternetz, 'Select' die weiche Farbkorrektur und -substitution, und 'Automask' erleichtert das bisweilen sehr zeitaufwendige Maskieren und Freistellen.
HSC Software präsentierte nicht nur die Plug-In-Sammlung 'Kai's Power Tools 3.0' mit vielen neuen 3D-Effekten und einer wiederum epochal andersartigen Benutzerführung, sondern auch einen neuen Namen: Ab sofort firmiert HSC unter MetaTools. Astarte zeigte bei ComLine den Software-MPEG-Encoder 'M.Pack', der QuickTime-Filme in deutlich kleinere MPEG-Streams wandelt - mit einigem Zeitaufwand zwar, aber gänzlich ohne zusätzliche Hardware für 600 DM.
Mit dem Sprung von Version 5.0 auf 5.5 bei FreeHand stapelt Macromedia tief: Bildschirmdarstellung ohne Pixeltreppen (Anti-Aliasing), Import des Acrobat- Austauschformats, sogar von mehrseitigen PDF-Dateien, Ausgabe als Bitmap, PPC-604-Optimierung und eine allgemeine Beschleunigung des Programms lassen es als zur Zeit konkurrenzlos erscheinen. (se/cm) (ha)