Mit den Clones kamen die Tränen
Apples Hofstaat geht fremd. Auf der bislang erfolgreichsten Mac-Fachmesse in Deutschland sah sich der kalifornische Rechnerhersteller mit schwindender Loyalität konfrontiert: Co-Sponsor Power Computing, zum ersten Mal vertreten, will endlich in den Europa-Markt einziehen, und Gravis fährt demnächst eine eigene Clone-Reihe auf.
- Stephan Ehrmann
- Carsten Meyer
Apple Deutschland war nicht besonders gut zu sprechen auf die selbstbewußten Texaner. Besonders das MacWorld-Poster 'Sponsored by Apple Computer and Power Computing' erregte den Unmut der Münchener Geschäftsleitung. Hinter den Kulissen war dann auch zu erfahren, warum: Von den Lizenzgebühren, die Power Computing & Co. an Apple abführen, sehen die Europäer keinen Cent. Leider konkurrieren nun die verschiedenen Mac-Hersteller, statt nach Wegen zu suchen, wie man gemeinsam den Marktanteil verbessern könnte.
Neuer Mitspieler in der Clone-Liga ist die Handelskette Gravis mit der 'Gravision'-Serie. Die Modelle, die von Umax und Motorola (siehe auch S. 22) gebaut werden, sollen rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft als attraktive Bundles auf den Markt kommen. Darunter findet sich ein Performa-5400-ähnliches All-in-one-Modell (derzeit noch als Prototyp), das in einem Gehäuse neben dem 604e-Mainboard (!) noch einen 17-Zoll-Monitor integriert.
Solange es die schnellen 604e-Prozessoren nicht in den benötigten Stückzahlen gibt, will Apple die Leistungsgrenze bei 200 MHz belassen. Dort sind mittlerweile auch die Workgroup-Server 8550 und 7250 sowie der Network-Server 700 angelangt. Eine Wide-SCSI-Platte mit 9 Gigabyte Kapazität (die Ausbaugrenze liegt bei 65 GByte) sowie ein 8-mm-Bandlaufwerk zum Sichern von 20 respektive 40 GByte (komprimiert), das laut Apple mit 6 MByte/s schreibt, sollen höchsten Ansprüchen im Netzwerk gerecht werden. In der ersten Jahreshälfte '97 will Apple eine CPU-Karte mit zwei 200-MHz-CPUs samt passender Software vorstellen, die erstmals symmetrisches Multiprocessing in einem Macintosh erlauben soll.
Power mal vier
Einen ganz neuen Weg, den Macintosh mit mehreren Prozessoren auszustatten, schlägt Total Impact ein. Hinter 'PowerSMP' verbirgt sich ein kleines Mac-Mainboard auf PCI-Karte, das mindestens einen, höchstens vier 604(e)-CPUs mit je 132, 165, 198 oder 231 MHz birgt. Jedem Prozessor stehen 128, maximal 512 KByte Second Level Cache zur Seite; das Board nimmt bis zu 512 MByte eigenes RAM (72polige SIM-Module) auf. Die restliche Macintosh-Hardware teilt sich die Karte mit dem Mainboard. Das Software-Interface 'TotalFreedom' soll es Entwicklern ermöglichen, ihre Programme mit wenigen Arbeitsschritten anzugleichen. Angeblich läuft Software, die bereits für die Daystar/Apple-Dual-CPU-Karte (c't 10/96, S. 92), angepaßt wurde, ohne weitere Modifikationen. Die Preise sind allerdings gesalzen: 6300 DM (4x132-MHz-604) bis 13 000 DM für die 231-MHz-Version werden wohl allenfalls gutsituierte Grafik- und 3D-Anwender bezahlen wollen. Genau dort sieht der deutsche Distributor Kodiak, Karlsruhe, aber auch die angepeilte Zielgruppe.
Den ersten PCI-Grafikadapter mit QuickTime- und 3D-Beschleunigung kann jetzt Formac aus Blankenfelde liefern. Die 'ProFormance'-Karte kommt wahlweise mit 4 oder 8 MByte VRAM. Der Imagine-II-Grafikchip von Number Nine verhilft dank seiner Videobeschleunigung QuickTime-Movies im Vollbildmodus zu ruckfreier Darstellung - zum ersten Mal im Mac-Markt. In der großen Variante (ProFormance 80) für rund 2200 Mark stellt die Karte 1920 x 1080 Pixel bei 24 Bit Farbtiefe dar. Die kleine Version (ProFormance 40) kostet 1300 DM und ermöglicht Echtfarbauflösungen bis zu 1152 x 870 Pixel. Bis zu diesem Modus arbeiten beide Karten mit einer Bildwiederholfrequenz von 100 Hz, in den hohen Auflösungen sind immerhin noch mindestens 72 Hz drin.
Vier zusätzliche serielle Schnittstellen rüstet 'Quadriga S' von Hermstedt im PCI-Macintosh nach. Ein eigener Controller sorgt für 230 kBit/s Datendurchsatz pro Port. Hermstedt zufolge bleiben von den theoretisch gleich hohen Raten der Power Macs in der Praxis kaum mehr als 57 kBit übrig. Ein endgültiger Preis stand zum Redaktionsschluß nicht fest; er wird sich aber zwischen 500 und 600 Mark bewegen.
Nach den MacWorld-Besuchern in Boston konnte die Be-Corporation nun auch die deutsche Mac-Gemeinde für das BeOS begeistern, das auf einem PowerTower als Alternative zum Apple-Betriebssystem präsentiert wurde. Es existiert zwar derzeit nur als Developer Release 8 (siehe S. 192), zeigt aber, was Apple aus einem Power Mac herausholen könnte, wenn es sein MacOS komplett neu schreiben würde, statt der Kompatibilität willen Altlasten weiterzupflegen. Im November will Be eine Betaversion für Entwickler freigeben.
Farallon hat soeben Timbuktu Pro 3.0 fertiggestellt. Die Software zur Fernsteuerung eines anderen Mac oder PC (c't 8/96, S. 86) braucht nun keine ARA- oder PPP-Software mehr zur Direktverbindung zwischen zwei Modems, ist aber weiterhin abwärtskompatibel, weshalb auch ein Gutschein zum Bezug der ARA-Software beiliegt. Trotz weiterer kleiner Ænderungen, zum Beispiel 'Notify when active', einem Chat-Fenster oder einem Netscape-Plug-in, ist der Versionssprung allerdings etwas hoch gegriffen.
Das 'fortschrittlichste Multimedia-Autorensystem' will mFactory mit mTropolis 1.1 entwickelt haben (siehe auch Seite 342). Die objektorientierte Entwicklungsumgebung kommt nahezu ohne Quelltextarbeiten seitens des Autoren aus und erzeugt dennoch mächtige Multimedia-Anwendungen für Windows und Macintosh. Der Hersteller sieht sich in Konkurrenz zu Werkzeugen wie Apples Media Tool oder dem Macromedia Director. Das Prinzip des Drag&Drop-'Programmierens' und der Steuerung von Elementen durch Messages kennt man aber auch von visuellen Programmiersprachen. Hierzulande gibt es mTropolis bei mLine, Würzburg.
Die zweite Generation der Rechtschreibkorrektursoftware PRIMUSmac aus dem Hause Fesh!, Berlin, will ab Ende November dem deutschen Mac-Anwender die Rechtschreibreform nahebringen. Das Programm holt sich seine Daten per Apple-Event oder über die Zwischenablage (Text, RTF) und korrigiert die Wörter, nachdem es sie in ihre Stammformen zerlegt hat. Dadurch kommt es auch mit komplexen Wortbildungen zurecht. Das immense Wörterbuch läßt sich um fremde Termini erweitern und beherrscht neben deutsch auch österreichisch und schwyzerdeutsch. Versionen mit britischem sowie amerikanischem Englisch und/oder Französisch sind lieferbar. Auf Wunsch berücksichtigt es bei der Kontrolle zwei Sprachen gleichzeitig. In der Einzelplatzversion wird PRIMUSmac 2.0 für 800, 1300 (zwei Sprachen) und 1600 (drei Sprachen) angeboten; Versionen für Arbeitsgruppen (ein Wörterbuch für alle Benutzer) sind ebenfalls erhältlich.
Sparsam
Durch einen kleinen optischen Trick - ein Interlace-ähnliches Verfahren, wie es beim Fernsehen eingesetzt wird - macht Power!Video von Horizons QuickTime-Movies zwar nicht schöner, aber bei gleicher Bildgröße sehr viel kompakter als JPEG oder Cinepak. Dadurch kann man Filme auch mit höheren Auflösungen etwa von CD-ROM oder aus dem Internet ruckfrei betrachten. Der Coder klinkt sich in QuickTime ein und steht so beim Kodieren unter Programmen wie etwa Premiere zur Verfügung. Die Pro-Version kostet 599, die Light-Version (weniger Einstellmöglichkeiten) 299 Mark. Die Decoder-Systemerweiterung zum Dekomprimieren in Echtzeit gibt es kostenlos.
Hermstedts LeoShare stellt eine ISDN-Hardware desselben Herstellers - ob auf NuBus- oder PCI-Karte - im Netzwerk über Ethernet oder LocalTalk zur Verfügung. Damit dürfte sich so manche Arbeitsgruppe zusätzliche Hardwareanschaffungen ersparen. Die Serverversion kostet rund 900 Mark, während die Treiber für die Clients kostenlos kopiert werden dürfen.
Was lange währt...
Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit und unzähligen Verzögerungen wird nun endlich RagTime 4, das Büropaket von B&E Software, ausgeliefert. Das Programm wurde komplett neu geschrieben und ist eine der ersten Container-Applikationen für Apples Komponententechnologie OpenDoc. Die rahmenorientierte Arbeitsweise funktioniert unabhängig vom bearbeiteten Datentyp, also zum Beispiel mit Text, Tabellen, Grafiken, QuickTime-Movies oder Cyberdog-Internet-Seiten. Statt unterschiedlicher Applikationen (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation) arbeitet man in RagTime mit nur einem Programm, das alle im Büro benötigten Funktionen anbietet - ohne die Starrheit üblicher Works-Pakete.
Metrowerks zog die Entwicklerscharen am Promo-Stand mit einer neuen Version des CodeWarriors an. Auffallend an der Version 10 ist vor allem die gründlich überarbeitete IDE, die keine hellseherischen Fähigkeiten beim Zusammensuchen der zum Projekt passenden Libraries mehr verlangt. Neben der BeOS-, Magic-Cap- und x86-Windows-Unterstützung (!) enthält das Paket nun auch die komplette Metrowerks-Java-Suite.
Der Veranstalter zeigte sich hochzufrieden: knapp 35 000 Fachbesucher zählte man in den drei Tagen der Veranstaltung. Trotzdem zieht die MacWorld um - nächstes Jahr, vom 13. bis 15. November, lockt man die Mac-Gemeinde nach Düsseldorf. (se) (ha)