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Was war. Was wird. Deutschland, ein Herbstsachstandsbericht

Was sind wir normal geworden! Unfähige Manager, korrupte Funktionäre, illegal operierende Geheimdienste, gerade so wie alle anderen. Hal Faber möchte aber lieber ein neues Lied, ein besseres Lied singen.

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Ăśberwachung, Kamera
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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Bislang ist die Welt durch Fortschritt doch immer ein Stück besser geworden, mit weniger Armut, mit weniger Menschen, die in Kriegen sterben. Warum sind wir bloß so pessimistisch? Ich verstehe das nicht, das ist doch irrational und macht wissenschaftlich keinen Sinn. Wir sollten viel optimistischer sein!" (Google-Gründer Larry Page in exklusiver Spiegel-Promotion anlässlich der Buchmesse)

Ja, Larry, alter Montessori-Knabe, Optimismus ist angesagt, allein schon deshalb, weil wissenschalftlich bewiesen ist, dass Optimisten mehr von halb gefüllten Gläsern haben als all die Miesepeter, die jetzt jammern und klagen. Es ist doch wunderbar, dass 404 namentlich bekannte Abgeordnete die neue deutsche Vorratsdatenspeicherung beschlossen haben und wir endlich das Gerede der Politiker los sind, die zu jedem Anlass ab der Größe eines Kindergeburtstages die Einführung der Vorratsdatenspeicherung fordern, wegen der Sicherheit. Lachen wir über die Pessimisten, die das neue Gesetz als ein Stück weiterer Verschlechterung der Polizeiarbeit empfinden und eine Ausweitung des Straftatenkataloges fordern. Bis hin zu dem per SMS an Mama mitgeteilten Handygummiklau auf der Geburtstagsfeier ist da noch Vieles drin. Oder ist alles nur eine harmlose kleine Pufferung gewesen?

*** Da mögen die Gegner der wunderbaren Datenspeicherung aller Netzteilnehmer noch so laut ihr Dauermantra Karlsruhe beschwören und verkennen, wie modern der Volkswille doch ist, all seine Daten bereit zu stellen. Wir haben nichts zu verbergen und zu vertälern in diesem wunderschönen Deutschland voller attraktiver Natur-Konstellationen. Wir müssen der Polizei doch helfen und mit unseren digitalen Spuren den Beweis dafür liefern, dass wir keine Cyberkriminelle sind und mit der Datenhehlerei nichts am Hut haben, keinen Scoop breit. So sehen wir auch dem nächsten Schritt gelassen optimistisch entgegen, wenn in den DNA-Datenbanken des Google-Appendix 23andme oder des abenteuergesättigten Ancestry nach DNA-Spuren von Clan-Mitgliedern gefahndet wird.

*** "Im traurigen Monat Oktober wars, die Tage wurden trüber, der Wind riss von den Bäumen das Laub, beim DFB gings drunter und drüber." So könnte man mit Heinrich Heine das Ende vom großen Schwindel des Fußball-Sommermärchens bedichten. Im Mittelpunkt, auch das passt, ein Franzose namens Robert Louis Dreyfuss, der laut Spiegel "dieselbe DNA wie Adidas" hatte. RLD, kürzte ihn der damalige DFB-Medienchef Wolfgang Niersbach ab, "das vereinbarte Honorar für RLD" soll er am Rande eines Geheimpapiers geschrieben haben. Das alles deckten der Spiegel und der Sportjournalist Jens Weinreich auf, was in den nächsten Tagen insofern die Medien beherrschen wird, weil der Beweis angetreten werden muss, dass Wahlstimmen der FIFA-Bonzen gekauft wurden. Wir müssen das unbedingt positiv sehen: Deutschland wird normal. Es hat nicht nur unfähige Manager wie bei Volkswagen, sondern auch korrupte Sportfunktionäre, wie jedes andere Land.

*** Und dann war da noch was ganz unverhofft Wunderbares in Normaloland: Wie jedes andere Land haben wir einen Auslandsgeheimdienst, der sich einen Deut drum schert, wer gerade ein Freund ist oder Feind. Im Zweifel hat das Anhäufen von Intelligence Vorfahrt vor der Intelligenz. 700 Personen, dazu Militärposten der USA in Afghanistan, französische Botschaftsangehörige oder Manager von Automobilfirmen - den BND interessierte alles. Ausspähen unter Freunden geht doch, denn Kompromat kann man immer gebrauchen. Insofern agierte der Bundesnachrichtendienst eben nicht außer Rand und Band. Im nächsten Schritt werden wir sicher erfahren, wie der BND Hotels für spezielle Gäste verwanzt, ganz wie in der Spionage-Hochburg Berlin nach 1989. Bis dahin dürfte der starckdeutsche Entrüstungs-Zeigefinger angesichts der Drone Papers und der neuesten Zeugen im NSA-Untersuchungsausschuss wieder mal nur auf die USA zeigen. Doch auch hier gibt es die positive Entwicklung mit der zauberhaften Möglichkeit, dass bald diese Drohnen auch über unseren Köpfen kreisen können wie in Afghanistan. Das Standard-Equipment von Rohde&Schwarz für Airbus-Flieger funktioniert bestens in den Drohnen, die die Bundeswehr beschaffen will; die Integration in den Luftverkehr macht große Fortschritte, auch wenn die Flieger so langsam wie eine Cessna sind.

*** In unserem schönen Deutschland steht das Projekt der Beheimatung gegen die veraltete Idee einer homogenen Gesellschaft, die "besorgte Bürger" aufgreifen, um sich im ISIS-Stil zu rechtsextremen Attentätern zu machen, nur ohne Selbstmord mit anschließender Belohnung im Jenseits. Die Tat muss uns Ansporn sein, die Vorratsdatenspeicherung noch schneller einzuführen, oder wie, oder was? Sie wird die Transformation Deutschlands nicht aufhalten können und die von Europa anstoßen müssen, denn was von allen denkenden Wesen unerwünscht ist, sind Grenzen und Zäune, an denen wieder Tote liegen, die aus Kriegsgebieten wie Afghanistan und sonstwoher gekommen sind. Deshalb ist an dieser Stelle der Optimismus des Dichters gefragt wie vor Jahrhunderten:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Die Misere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt.
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukĂĽnftigen Kinder!"

Was wird.

Überaus positiv gestimmt geht es damit in die nächste Woche, zurück in die Kindheit, wie immer, wenn ein neuer Asterix erscheint. Diesmal sogar mit schulischen Reminszenzen an den Lateinunterricht, wenn es heißt: Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae .... So begann eine faustdicke Lüge oder besser gesagt die Propaganda, die Julius Caesar nach einem verheerenden Massaker an den Germanen brauchte, um seinen Ruf aufzubessern. Mit von der Partie ist Julian Assange unter dem Namen Polemix. Ursprünglich sollte die Figur Wikilix heißen. Aktuell bieten die Nachrichten um Assange auch Stoff für einen Comic, wenn es stimmt, dass man in Ecuador ungehalten ist, weil Wikileaks die Mails von Hacking Team als Scoop veröffentlichte. In einem Interview geben sich die Macher ganz unpolitisch und interessieren sich nur "für den Weg der öffentlichen Meinung" und bezeichnen Assange als Ur-Journalisten, der immer auf der Suche nach dem Scoop ist. Diese Interpretation des Journalismus im Geiste der Political Correctness wird noch getoppt durch den farbigen Piraten Baba im Ausguck des Piratenschiffes von Kapitän Enternix. Er hat keine Schwierigkeiten mehr, das r auszusprechen. "Witze mit Schwarzen sind heute schwierig. Viele funktionieren nicht mehr. Deshalb sind auch wir vorsichtig, wir möchten ja niemanden provozieren." Die gelebte Gegenwärtigkeit 4.0 kann recht stillos sein. Wo bleibt denn da das Positive? Wie wäre es mit dem Konsum 4.0???

"Die Form des Konsums in der nächsten Gesellschaft ist vermutlich der Stil, der die wiederholbare Konsumentscheidung eines Individuums in Relation zu ihrer digitalen Berechenbarkeit und analogen Unberechenbarkeit, zu einer Konformität, die ihre Protokolle ausreizt, und zu einer Devianz, die fragile Idiosynkrasien testet, setzt." (jk)