Mobiles Musikarchiv
Endlich hat man seine Musiksammlung komplett auf MP3 umgestellt und kann das gesamte Archiv per Mausklick zu Ohren bringen. Zum Joggen befüllt man den Rio-Player, zur Arbeit nimmt man den MP3-CD-Player mit. Jetzt gilt es, die letzte Trutzburg leiernder Kassetten, altmodischer CD-Wechsler und Radiobesäuselung auf MP3 umzurüsten - das Auto.
- Sven Hansen
- Peter Monnerjahn
- Peter Nonhoff-Arps
Spätestens seit es Autoradios mit CD-Spieler gibt, kann der Audiofreund sein Musikprogramm in hoher Qualität und komfortabel - erst recht mit einem CD-Wechsler - auch im Auto genießen. Gemessen an der guten alten Musikkassette, die nach wenigen Jahren leiert, immer dumpfer klingt und die man auch noch mühsam ‘von Hand’ bespielen muss, ein gewaltiger Fortschritt.
Doch nicht jeder hat schon einen CD-Wechsler im Auto, und dessen nachträglicher Einbau ist beschwerlich - jedenfalls wenn man eigenhändig Kabelbäume in den Kofferraum legen soll. Mit MP3 hat man aber nun endlich ein Format, das handlich ist und die kompakte Speicherung bei hoher Qualität erlaubt. Wer einmal auf MP3 umgestellt hat, will es überall nutzen. Da darf des Deutschen liebster mobiler Abhörraum, die letzte Enklave, in der auch der Heavy-Fan noch ungestraft ‘druckvoll’ Musik hören darf, nicht ausgespart bleiben.
Doch Autoradios mit MP3-Fähigkeiten waren bislang rar und sehr teuer. Das ändert sich jetzt langsam, und spätestens zur IFA in Berlin werden auch die eher konservativen Radiohersteller wie Blaupunkt MP3-Lösungen offerieren. Ins Testfeld für diesen Artikel haben sie es aber nicht mehr geschafft.
Es muss auch nicht in jedem Fall ein komplett neues Autoradio her, denn mittlerweile gibt es kommerzielle Nachrüstlösungen, die ganz spezifisch auf den Einsatz im Auto abzielen - zwei davon haben wir ebenfalls im Test. Mehr und mehr halten auch einfachere Nachrüstlösungen ins Auto Einzug, etwa portable Player, die sich mit dem Autoradio verbünden können. Ambitionierte Selbermacher finden einen eigenen Artikel dazu im Anschluss an diesen Artikel.
Wir testeten insgesamt neun MP3-Spieler: Sieben davon sind klassische Autoradios mit CD-Laufwerk, auch als CD-Receiver bekannt. Sechs der Kandidaten spielen über das CD-Laufwerk wahlweise Audio-CDs oder mit MP3-Files bespielte CD-ROMs.
Der CD-Player im Panasonic-Radio kennt sich indes nur mit Audio-CDs aus - MP3-Dateien spielt er von SD-Card ab. Die beiden anderen Kandidaten fallen etwas aus dem Rahmen. Bei denen handelt es sich um MP3-Player, die Festplatten zur Speicherung der MP3-Dateien nutzen. Sie enthalten keine eigenen Endstufen, sondern sind als Nachrüstlösungen für bereits eingebaute Autoradios konzipiert.
Startaufstellung
Die Beurteilungskriterien für die MP3-Fähigkeiten sind letztlich dieselben wie bei portablen oder stationären MP3-Playern. Auf jeden Fall sollten sie die ganze Bandbreite möglicher MP3-Kodierungen unterstützen: von 8 kBit/s in Mono bis hin zu 320 kBit/s in Stereo; nicht zu vergessen Varianten der variablen Bitrate (VBR).
In der Praxis sammelt sich auf Festplatten und CD-ROMs des MP3-Liebhabers jede Menge unterschiedliches Material, von Hörbüchern in Mono mit 32 kBit/s bis zu Klassik, für die er sich 320 kBit/s gegönnt hat. Meist stellt der HiFi-Enthusiast später ernüchtert fest, dass er - einen guten Encoder vorausgesetzt - ab 128 kBit/s den Unterschied zur CD gar nicht mehr wahrnimmt, erst recht nicht beim vergleichsweise unkonzentrierten Hören im Auto. Das solcherart aufgelaufene Sortiment mit unterschiedlichsten Bitraten will niemand erst umständlich in eine einheitliche Bitrate konvertieren, sondern auf jedem Player direkt abspielen.
Die gute Nachricht vorweg: Die getesteten Player schlugen sich mit unterschiedlichsten Bitraten unerwartet gut. Bis auf den Car DVD Family von Microboss beherrschten alle VBR. Dieser schaffte auch einige konstante Bitraten nicht (siehe Tabelle). Ansonsten ließen nur der Likko- und der Panasonic-Player die durchaus wenig gebräuchlichen Raten 8 kBit/s mono und 32 kBit/s stereo aus.
Schockempfindlichkeit ist bei Playern, die fürs Auto entworfen wurden, heute kaum noch ein Thema, und wenn, dann liegt vermutlich ein Defekt vor (den man reklamieren sollte) oder es handelt sich um einen Einbaufehler. Die Testfahrten auch über hannoversches Kopfsteinpflaster steckten unsere Prüflinge jedenfalls kommentarlos weg.
Beim CD-Wechsler sorgt die Unterteilung in CDs und deren Tracks selbst schon für Ordnung und Übersicht. Auch die kleinen Displays sind nicht überfordert, solange sie nur CD- und Titelnummer anzeigen. Die Anwahl der CD (meist per Stationstaste) und das Überspringen von Titeln erfordert nur vertraute, an der HiFi-Anlage geübte Handgriffe.
Auf einer MP3-CD-ROM mit rund 200 Titeln behält man hingegen weit weniger leicht die Übersicht. Schon am heimischen PC kann die Navigation durch eine MP3-CD durchaus knifflig sein. Im Auto stellt eine umständliche Bedienung sogar ein Sicherheitsrisiko dar - der Fahrer wird von seiner eigentlichen Aufgabe abgelenkt.
Navigation
Dem sollte ein MP3-Player fürs Auto durch ein adäquates Konzept Rechnung tragen, indem er den Autofahrer bei der Titelwahl unterstützt: Wenig Ablenkung, logische Bedienerführung - letztlich all das, worüber sich die Ergonomen beim Autoradio-Design auch an anderer Stelle den Kopf zerbrechen.
So wünschenswert ein Mehr an Bedienkomfort - etwa schicke Wippen oder Jog-Dials - zur Navigation durch die Ordner und Dateien auch ist, so birgt es andererseits auch Ablenkungspotenzial für den Fahrer: Ohne längeren Blickkontakt zum Display ist da nichts zu machen. Allerdings gibt es oft genug Beifahrer, die helfen können, und in der Stadt beim Ampelstopp kann der Fahrer auch mal etwas länger aufs Display schauen.
Auf die ideale Integration der Bedienelemente etwa in ein Multifunktionslenkrad verzichten alle unsere Testkandidaten - das ist allerdings ohnehin die Domäne der hauseigenen Radiosysteme, die der Autohersteller ab Werk einbaut. Fast alle Kandidaten wurden mit einer Fernbedienung ausgeliefert, doch nur dem Aiwa lag eine nach unserer Meinung sinnvolle Variante bei, die man am Lenkrad befestigen kann.
Außerdem sollten die Player eine vorgegebene Verzeichnisstruktur auswerten und berücksichtigen können, damit der Anwender zusammengehörige Stücke (Alben, Sampler) in einem Ordner zusammenfassen und den Inhalt dieses Ordners gezielt abspielen kann.
Schon hier offenbart das Testfeld die ersten Ausfälle: Likko- und Microboss-Player ignorieren komplett die Ordnerstruktur. Die beiden schaffen auch die nächste Minimalanforderung nicht: Sie haben keine Resume-Funktion. Was heute jeder Audio-CD-Player im Auto kann, nämlich beim nächsten Einschalten an der Stelle weiterspielen, wo der Fahrer die Wiedergabe abgebrochen hat, muss auch der MP3-Player bieten. Zur Ehrenrettung des Microboss-Players sei jedoch angemerkt, dass er noch im Protoypenstadium steckt.
Richtig nobel wird es, wenn die Spieler den Umgang mit Playlists beherrschen. Das bieten das Panasonic-Radio und die beiden Festplatten-Player. So lässt sich dasselbe Musikmaterial zu unterschiedlichsten Programmen gruppieren. Spätestens bei der riesigen Kapazität, die die Festplattenlösungen (10 GByte, mehrere tausend Musikstücke) mitbringen, erfreut den Hörer auch eine Zufallsauswahl (Random-Funktion), die ihm seine Sammlung stets in neuer Reihenfolge präsentiert.
Das schnelle Springen von Track zu Track (Skip) bieten alle, Likko und Microboss müssen aber schon beim schnellen ‘Vorspulen’ innerhalb eines Tracks passen. Generell fielen uns Unterschiede in der Vorlaufgeschwindigkeit auf. Unsere zehnminütige Testdatei absolvierte das JVC-Radio in 34 Sekunden, während das Kenwood 75 Sekunden benötigte.
Bei den Dateimengen, die es hier zu verwalten gilt, ist man ferner darauf angewiesen, dass die Player die benutzten Ordnernamen ebenso wie die Titel- und Interpreteninformationen anzeigen. Idealerweise beherrscht ein heutiges Autoradio dann sowohl CD-Text als auch die Auswertung der ID3-Tags in den MP3-Dateien. Das Radio von RockfordFosgate beschränkt sich auf die Ausgabe von Ordner- und Dateinamen, während Likko und Microboss an dieser Stelle schon aufgrund ihres rein numerischen Displays die Waffen strecken.
Generell ist das Display bei den meisten Testkandidaten das begrenzende Element für eine komfortable Navigation: Oft nur einzeilig oder gar numerisch kommen etliche Hersteller über Notlösungen nicht hinaus. Was möglich und wünschenswert ist, zeigt das Rio Car, eine der Festplattenlösungen mit eigenem großen Display.
Der Sound
Daneben gibt es noch einige typische Merkmale, auf die man beim Kauf jedes Autoradios Wert legen würde. So sollte ein Radio aus Sicherheitsgründen in Sekundenbruchteilen zum Schweigen zu bringen sein. Das muss auch gelingen, ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen. Große Lautstärkesteller, ebensolche Ein-/Ausschalter oder gut auffindbare Mute-Tasten sind daher lebensnotwendig. Bei unseren Testkandidaten dominieren die eher wenig intuitiven Lautstärkewippen, einen Mute-Taster bieten nur einige Geräte. Nach unseren Maßstäben überzeugt keiner der Kandidaten, wenn es ums schnelle Stummschalten geht.
Für den guten Sound spielen sowohl die Verstärker in den Radios als auch deren MP3-Decoder eine Rolle. Um die gesamte Signalkette zu erfassen - MP3-Decoder, D/A-Wandler, Vor- und Endverstärker -, haben wir von CD (respektive SD-Card) Test-Dateien in 128 kBit/s abgespielt und bei 1 W Ausgangsleistung am Lautsprecherausgang gemessen. Bei den Festplattenlösungen fand die Messung von Klirrfaktor und Störabstand direkt an deren Ausgang statt.
Als Referenz - auch um zu demonstrieren, wie klirrarm eine MP3-Datei wiedergegeben werden kann, haben wir die Werte eines Consumer-Players von Terratec daneben gestellt. Das Microboss-Gerät musste wegen defekter Endstufen bei diesen Messungen außen vor bleiben. Die übrigen Testkandidaten zeigten keine Ausfälle. Selbst die Werte der schlechtesten Systeme mit einem Klirrfaktor von etwa 0,26 Prozent sind im Auto noch völlig okay.
Außerdem haben wir gemessen, wie viel Leistung die Endstufen tatsächlich halbwegs unverzerrt liefern können. Die markigen Angaben der Hersteller (40 Watt oder mehr pro Kanal ‘Spitzenleistung’) sind durchaus fragwürdig. Kein Gerät im Testfeld enthält einen eigenen Spannungswandler in der Stromversorgung, sodass alle den Beschränkungen der 14,4 V Bordspannung unterliegen. Danach kann eine Endstufe in Brückenschaltung an 4 Ohm nur rund 15 bis 17 Watt mit einem Klirrfaktor unter einem Prozent liefern. An 2 Ohm ist dementsprechend die doppelte Leistung möglich - aber nur, wenn der Hersteller die damit einhergehende größere Strombelastung und Erwärmung explizit erlaubt.
Wir haben unsere Messung auf den Standardfall bei 4 Ohm und 14 Volt reduziert und geben die tatsächliche Leistung für eine Endstufe bei einem Prozent Klirrfaktor in der Tabelle an.
Bei der Frequenzgangmessung mussten wir überrascht feststellen, dass das Likko-Gerät deutlich hörbar die Höhen begrenzt - das ist nicht Stand der Technik. Beim JVC ist der Bassboost ab Werk aktiviert, was die ‘Beule’ im Frequenzgang bei 50 Hz erklärt. Ansonsten verlaufen die Frequenzgänge hinreichend gerade mit einem durchaus sinnvollen Abfall kurz vor 20 kHz. Der Störabstand, also das Verhältnis aus Nutz- und Störsignalen, streute etwas stärker, aber selbst Werte unter 70 dB (96 ist das Optimum bei 16 Bit Stereo auf einer Audio-CD) sind im Auto kein Makel. Zum Vergleich: Ein Plattenspieler liegt zwischen 45 bis 55 dB. (sha)