Mac-Mekka zwischen Rhein und Kö

Nicht ´die längste Theke der Welt´, sondern die Deutschland-Premiere der G3-Macs dürfte die meisten der rund 35 000 MacWorld-Besucher in die Altbier-Metropole gezogen haben. Neben einigen Hard- und Software-News und Ausverkaufs-Schnäppchen gab es auch - nicht ganz unerwartet - eine Enttäuschung.

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Wer angereist war, um das sagenumwobene `Crypto Operating System´ der Sachsener Omega GmbH zu sehen, fand auf deren Stand nichts außer drei Handzettel verteilende Mitarbeiter hinter einem gänzlich leeren Tresen vor. Im Vorfeld hatte die Firma viel Aufsehen um ihr zur Messe angekündigtes `Crypto Operating System´ erregt. Geschäftsführer Manfred Schmitz wurde nicht müde zu versichern, das PowerPC-native, schlanke und schnelle MacOS-kompatible Betriebssystem mit Kryptomechanismen, präemptivem Multitasking, Speicherschutz und Mikro-Kernel käme - nur wann, das könne er nicht sagen. So seien die Entwickler die ganze Messe über mit dem Debugging von nicht dokumentiertem Assembler-Code beschäftigt gewesen. Man wollte weder Details zur Implementation verraten noch Betaversionen oder auch nur Screenshots zeigen - angeblich aus Furcht vor den Apple-Juristen: Obwohl sie angeblich keinerlei Copyrights verletzt habe, rechne die Firma fest mit einem Rechtsstreit.

Insider vermuten derweil, daß sich das Vorhaben entweder als PR-Gag oder wegen der angestrebten MacOS-Kompatibilität als schlicht unrealisierbar erweist.

Nach dem heftigen MacOS-Ernteschütteln hängen nur noch wenige Früchte an Apples Lizenz-Baum. Der alte Amiga-Mäzen Pios aus Hildesheim will Ende des Jahres endlich seinen `Pios One´ auf den Markt bringen, der schon auf der letzten CeBIT angekündigt wurde. Die Frage nach dem passenden Massenbetriebssystem blieb allerdings unbeantwortet: mangels Lizenz scheidet MacOS aus (zumal Apple die Entwicklungen an der CHRP-Variante von MacOS eingefroren hat), so daß zunächst nur BeOS sowie die Pios-eigene Linux-Implementation in Frage kommen. Pios will allerdings erfahren haben, daß Microsoft nun doch erwägt, das kommende Windows NT 5.0 in einer PowerPC-Version anzubieten.

Die Magna-Reihe der Pios-Clones basiert noch auf dem Tsunami-Design und wird je nach Modell mit Mach5- oder G3-Prozessor angeboten. Wo die 300-MHz-Version des `Magna Mach5´ mit PPC 604e rund 9000 Mark kostet (512 KByte Inline-Cache, 80 MByte RAM, IXMicro-Grafikkarte mit 8 MByte VRAM, 4 GByte Ultra-SCSI-HD, 24X-CD-ROM, Zip-Drive, ClarisWorks 5) macht sich die schlechte Verfügbarkeit des 300-MHz-PowerPC 750 im Preis des `Magna G3´ bemerkbar: samt 1 MByte Backside-Cache (1:1-Takt im Verhältnis zur CPU) soll der `schnellste Rechner der MacWorld´ rund 12 600 Mark (gleiche Ausstattung wie der Magna Mach5) kosten. Obwohl Tsunami seitens Apple nur für 50 MHz Bustakt ausgelegt wurde, betreiben die Hildesheimer das Board mit 60 MHz: Die D-Revision vertrage die Übertaktung, und die Rechner würden ja vor der Auslieferung geprüft. Sämtliche Pios-Rechner kommen mit MacOS 8 - allerdings ohne Apples Segen. `Wir haben keinen Apple-Lizenzvertrag nötig´, hieß es aus der Geschäftsleitung, `Apple-Boards und System-CDs kaufen darf jeder.´

Da die amerikanische PowerTools bislang noch nicht verlauten ließ, ob, wann und wie sie ihre Systeme hierzulande anbieten wird, verbleibt derzeit nur ein Clone-Hersteller in Deutschland: Umax verkauft derzeit fleißig Einsteigersysteme (Apus), weil Apple keinen Spar-Mac im Angebot hat. Doch auch die leistungsstärkeren Aegis-Modelle sind noch recht erfolgreich: über 1000 Clones setzt Umax Deutschland derzeit pro Monat ab. Mit dem SuperPulsar will Umax ab Ende November auch ein 250 MHz schnelles G3-System mit 1 MByte Backside-Cache, SCSI- Harddisk und 4-MByte-Grafikkarte anbieten. Die Umax-Sublizenznehmer Storm und Gravis verkaufen ihre G3-Modelle ab sofort: 8000 DM kostet der Storm Surge Arthur mit 250 MHz (512 KByte Backside-Cache), 9999 DM der Gravis TT Pro 266 - mit 266 MHz schnellem PPC 750 auf einer Prozessorkarte von Newer Technology mit 1 MByte L2- und 512 KByte L3-Cache sowie 80 MByte RAM, 4,5-GByte-Platte, 12X-CD-ROM und Zip-Drive. Obwohl die aufgelöteteten Cache-RAMs nicht für solch hohe Taktraten spezifiziert sind, soll der Rechner auch bei einer 1:1-Taktung des Backside-Cache noch stabil arbeiten. Die passenden Cache-RAMs mit 2 ns Zugriffszeit sind bis dato unbezahlbar, angeblich produzieren die Hersteller noch 95 Prozent Ausschuß.

Apple selbst will keine Prozessorkarten mit dem G3 für die PCI-Macs der ersten Generation anbieten, was Drittanbietern wie Newer Technology, PowerLogix und Total Impact die Tür öffnet. Wer einen `Arthur´ in seinen Prozessor-Slot stecken will, muß dafür allerdings noch sehr teuer bezahlen: mit 4500 Mark schlägt bei Pios beispielsweise die kleine Variante der PowerLogix-Karte (250 MHz, 1 MByte Cache) zu Buche, während die große (275 MHz) stolze 6000 Mark kostet. Ähnliche Preise veranschlagt Kodiak aus Karlsruhe, Anbieter der Total-Impakt-Karten. Verschiedene Hersteller offerieren ohne Rücksicht auf die Spezifikation gnadenlos übertaktete Prozessorkarten und Boards - der 275-MHz-G3 soll auch bei 310 MHz noch halbwegs stabil arbeiten.

Nach der groĂźen Welle im PC-Markt rollt jetzt auch in MacOS-Gefilden langsam die 3D-Beschleuniger-Welle heran, wohl nicht zuletzt durch Ballerspiele wie etwa Quake. Wie ĂĽblich muĂź man im Apple-Umfeld aber mehr fĂĽrs VergnĂĽgen berappen. Mac-Neuling Elsa etwa will fĂĽr seine MACRaver-S (Permedia-Chip, GLINT-Coprozessor, 8 MByte SGRAM) knapp 600 Mark haben. Selbst die modernere und schnellere PC-Variante (Permedia II mit integriertem Coprozessor) kostet rund 100 Mark weniger.

Von Formac ist die Mac-Gemeinde die etwas höheren Preise gewohnt, und die anspruchsvolle Grafikerzunft wird wohl auch weiterhin rund 2000 DM hinlegen, wenn sie die laut Formac leistungsstärkste Grafikkarte für den Macintosh benötigt: die ProFormance II kommt mit einem deutlich schnelleren 128-Bit-Grafikchip, dem Imagine III, und besseren Treibern (schneller, 3D auch mit Texturen) als ihre Vorgängerin. Die drei Varianten unterscheiden sich in der Speicherausstattung (4, 8 oder 16 MByte VRAM) und im Pixeltakt (220 oder 250 MHz).

Auch Hermstedt langt gerne kräftiger hin, trotzdem können die Mannheimer ein weiteres Umsatzplus verbuchen. Die 999 DM teure Zweikanal-ISDN-Karte `Marco´ für den PC-Card-Slot der PowerBooks kommt als erste mit MacOS-Treibern.

In der Riege der teuren Hardware-Erweiterungen darf natĂĽrlich der OrangePC von Orange Micro (Vertrieb: Makro CDE, GroĂźwallstadt) nicht fehlen: Wer mag, kann sich jetzt einen Pentium-MMX-233 in den PCI-Slot seines Macintosh stecken, muĂź dafĂĽr aber immerhin rund 3000 Mark (ohne RAM) investieren.

Auf der Software-Seite zu überzeugen wußte die Firma Digital Arts, die einen einfach anzuwendenden digitalen Bildverbesserer auf der Basis genetischer Algorithmen entwickelt hat. Der `Genetic Photo Optimizer´ zeigt zwei Varianten auf dem Bildschirm an - das Original und einen Verbesserungsvorschlag, der beispielsweise mit mehr Helligkeit, einem kräftigeren Kontrast oder einer anderen Farbbalance ausgestattet wurde. Der Anwender entscheidet über einen `Evaluator´ genannten Schieberegler, wieviel besser der Vorschlag aussieht als das Original: überhaupt nicht (`Fitneß Null´) oder `optimal besser´ (`Fitneß hundert´), wobei subjektive und spontane Entscheidungen oft die besten Ergebnisse bringen. Über eine Plug-In-Schnittstelle kann man vorliegende Photoshop-Filter anwenden. Der Hersteller peilt in erster Linie Zielgruppen wie etwa Digitalfotografen an, wiewohl der Preis mit 350 Mark auch den einen oder anderen Hobbyisten anlocken dürfte. Eine kostenlose Demoversion findet sich auf http://www.digital-arts.de.

Direct CD heißt ein Kontrollfeld von Adaptec, das es ermöglicht, CD-RW-Medien wie eine Wechselplatte zu bearbeiten - das Universal Disk Format (UDF) macht´s möglich: im Finder kopiert man Dateien, legt Ordner an oder zieht Objekte in den Papierkorb. Bislang brauchte man zum Beschreiben der Medien klassische CD-Brennersoftware. Direct CD wird allerdings erst zum Ende des Jahres fertig werden, so der Distributor Comline. Toast 4.0 wird mit Direct CD gebundelt werden.

Der DVD Video Player von Astarte macht die Bedienung eines DVD-Laufwerks am Mac so einfach wie im Consumer-Gerät: er spielt MPEG-2-Videos auf Mausklick ab, vorausgesetzt, ein passender Hardware-Dekoder ist installiert. DVD-Scheiben selbst produzieren kann man mit der UDF-Suite von den Software Architects Inc. (SAI), die aus den Programmen Write UDF, Format UDF, Formatter Five und optional dem UDF Developers Toolkit besteht. SAI erweitert seinen SCSI-Werkzeugkasten mit dem Paket `Disk Drive TuneUp´, bestehend aus einem Laufwerks-Cache zur Zugriffsbeschleunigung und einem Partitionier- und Formatier-Utility, das so gut wie alle derzeit erhältlichen SCSI-Geräte unterstützt.

Epson zeigte das `Proof System´, bestehend aus einem A3-Überformat-Tintenstrahldrucker mit 1440 dpi und sechs Druckfarben sowie einem Fiery-basierten Hardware-RIP.

Techno-Kids kamen bei Steinberg auf ihre Kosten - die in Software nachgestrickten 303er-Kultmodule von Roland ließen bei der Vorführung des ReBirth 338 so manches gepiercte Ohrläppchen wackeln.

Zeitgleich mit dieser c't soll die Rechtschreibsoftware Primus!Mac 2.1 erscheinen, die ganze Web-Sites korrigiert, indem sie den Links in den einzelnen Dokumenten folgt. Fesh! aus Berlin hat neuerdings auch eine 99 DM teure Einsteigerversion PrimusWeb im Angebot, die lediglich Fehler in einzelnen HTML-Seiten berichtigt.

Macromedia will mit dem Dreamweaver den Markt der HTML-Editoren aufmischen: Per Mausklick erweitert man seine Site um anspruchsvolle Features wie Dynamic HTML, Cascading Style Sheets und JavaScript. Auf einen eigenen Editor verzichtet das Programm und benutzt statt dessen einen beliebigen. Vorkonfiguriert sind BBEdit (Mac-Version) und HomeSite (Windows). Eine Betaversion steht zum Download bereit.

Ähnlich wie Claris Works Office 5.0 (Testbericht in c't 13/97) exportiert nun auch die Version 4.2 von B&E´s RagTime Dokumente ins HTML-Format. Das Update von 4.x ist kostenlos.

Die lang angekündigte XL-Version von Cinema 4D wurde noch einmal verschoben - auf Dezember. Latitude, Metrowerks´ Bibliothekensammlung zur Portierung von MacOS-Applikationen, beinhaltet in seiner Developer Release 2 nun endlich auch die Rhapsody-Libraries. Beim Distributor Promo, Hamburg, war darüber hinaus die integrierte Entwicklungsumgebung CodeWarrior Pro 2 zu sehen. (se) (ha)