Sorry Mr. Gates
Bill Gates feiert seinen 60. Geburtstag. Zeit, Abbitte zu leisten.
Bill Gates feiert seinen 60. Geburtstag. Zeit, Abbitte zu leisten.
Kinder, wie die Zeit vergeht. Am 28. Oktober feiert ein gewisser William Henry III - besser bekannt unter seinem Rufnamen "Bill" - Gates seinen 60. Geburtstag. Wollen wir diesmal einfach ganz freundlich gratulieren?
Für die jüngeren Leser, die eventuell die Frage nicht verstehen: Lange Zeit galt der Mann unter ernsthaften Nerds gewissermaßen als Inkarnation des Bösen, Oberkommandierender des "Evil Empire" und gnadenlose Borg-Drohne. Über die Persönlichkeit von Apple-Gründer Steve Jobs gab es Diskussionen - aber Sympathie für Bill Gates zu zeigen, das ging gar nicht. Sogar unter seinesgleichen, im Lager der IT-Unternehmen war Microsoft zwischenzeitlich das meistgehasste Unternehmen.
Warum? Weil es zwar viele Computer-Hersteller gab, aber nur ganz wenige Alternativen beim Betriebssystem. Heute würde man das wahrscheinlich Plattform-Kapitalismus nennen: Weil erst DOS und später Windows die am weitesten verbreiteten Betriebssysteme waren, gab es am meisten Software dafür. Weil es am meisten Software dafür gab, kauften die meisten Kunden IBM-PCs - oder dazu kompatible Nachbauten. Und deswegen entwickelten die meisten Programmierer für DOS und Windows.
Ein Zirkelschluss, der dazu führte, dass Microsoft nicht nur die Endkunden, sondern auch die Computer-Hersteller im eisenharten Griff halten konnte. Und dabei vielleicht ein kleines bisschen überrissen hat. Eine meiner ersten journalistischen Aufgaben hier im Haus war nämlich ab 1998 die Berichterstattung über das vier Jahre dauernde Kartellverfahren gegen das Software-Unternehmen.
Ein Prozess, in dem zwischenzeitlich so unangenehme Dinge auf der Tagesordnung standen wie die zwangsweise Offenlegung des Windows-Quellcodes oder eine Zerschlagung in mehrere unabhängige Betriebsteile - zum Beispiel für Betriebssysteme und Anwendungssoftware. Letztendlich ging die Sache für Microsoft ganz gut aus. Aber Bill Gates trat im Verlauf des Prozesses als CEO zurück.
Und heute? Nur 15 Jahre später? Ist Gates als humanistischer Wohltäter unterwegs, der mit seiner gigantischen Stiftung gegen Hunger und Armut in der Welt kämpft. Das "Reich des Bösen" liegt jetzt ganz woanders - die Internet-Schurken von Heute sind wahlweise Datenkraken, die alles, wirklich alles über uns wissen und dieses Wissen bereitwillig an jeden verkaufen, der die Brieftasche bei Drei noch nicht wieder eingesteckt hat. Oder wildgewordene Online-Marshalls, die das komplette Internet speichern, um eine Handvoll vermeintlicher Terroristen zu fangen. Oder nehmen wir die neuen Plattform-Kapitalisten, die sich einen Dreck um nationale Rechte, Gesetze und Vorschriften kümmern, Märkte erobern wie moderne Freibeuter und die Gesellschaft teilen in eine Handvoll gut situierter Programmierer und Manager – und die große Masse prekärer Tagelöhner.
Gegen all das war Bill Gates auch in seinen besten Zeiten harmlos. Hätte ich mir mal nicht träumen lassen. Aber nun sage ich völlig ironiefrei und ohne Groll: Herzlichen Glückwunsch und ein langes Leben, Mr. Gates. Ach ja, und nichts für ungut. (wst)