Man sieht sich

Papa ist auf Dienstreise und winkt dem Sohnemann Gute Nacht, die Freundin im Auslandspraktikum hat nur noch halb so viel Heimweh - und wie sieht ĂŒberhaupt die neue Frisur aus? Keine Frage, ‘Videofonieren’ macht viel mehr Spaß als Telefonieren. Außer einem Internet-Zugang und einer billigen PC-Kamera brauchen beide GesprĂ€chspartner nur ein geeignetes Programm, damit sie sich live sehen und hören: weltweit, zu gĂŒnstigen Onlinetarifen.

vorlesen Druckansicht 26 Kommentare lesen
Lesezeit: 14 Min.
Von
Inhaltsverzeichnis

Viele Anwender haben noch nie von Videotelefonie gehört, obwohl sie seit Jahren ein geeignetes Programm auf ihrer Windows-Festplatte haben. Andere halten nichts davon, weil sie den Begriff noch immer mit Spezialapparaten Ă  la T-View 100 der Telekom (c't 7/99, S. 79) verbinden, welche die Konterfeis der GesprĂ€chspartner holpernd und ruckelnd ĂŒber die Leitung schickten. Doch wenn die Videotelefonie einen schlechten Ruf genießt, dann zu Unrecht. Heutzutage benötigt man eben kein teures Telefon mehr, sondern nur noch einen PC nebst Internetanschluss. Die QualitĂ€t ist durchaus brauchbar, schließlich hat sich seit den ersten Versuchen, das Ganze per Software zu erledigen, viel getan: Die Übertragungsraten haben zugenommen, die Kompressionstechniken sind besser geworden (man denke etwa an MPEG-4), die Rechner schneller. Videotelefonie gilt sogar als Killerapplikation fĂŒr den kommenden Mobilfunkstandard UMTS. Und dass sich auch mancher Nachrichtensender die Berichte seiner Korrespondenten - in ordentlicher QualitĂ€t - ĂŒber ISDN ins Studio schicken lĂ€sst, kann man jeden Abend im Fernsehen bewundern.

Die Hardware-Voraussetzungen fĂŒr internetbasierende Videotelefonie hat jeder PC-Besitzer schnell geschaffen: Eine passende USB-Kamera gibts schon ab 50 Euro. Wenn Sie eigens eine anschaffen, sollten Sie darauf achten, dass sie sich möglichst nah am Monitor anbringen lĂ€sst, dann schauen Sie nur wenig am GesprĂ€chspartner ‘vorbei’. Die ‘ToUcam’-Modelle von Philips etwa, die wir fĂŒr diesen Testbericht verwendet haben, bringen eine entsprechende Halterung mit. Freilich eignet sich auch jede andere Videoquelle, vorausgesetzt, Sie haben einen Treiber dafĂŒr. Einen Vergleichstest von USB-Cams hat c't vor kurzem erst veröffentlicht [1].

Perfekte Videokonferenzen mit bildschirmfĂŒllendem Format und 25 Bildern pro Sekunde wird kein Mensch ernsthaft erwarten, dazu ist das aktuelle Bandbreitenangebot noch zu schwach. Ein T-DSL-Anschluss - in Deutschland immerhin 2,5 Millionen Mal verlegt - bietet mit 768 kBit/s Downstream-Rate (von draußen) und 128 kBit/s Upstream-Rate (nach draußen) schon die Voraussetzungen fĂŒr Bewegtvideo im Fenster mit 10 bis 15 Frames pro Sekunde (fps). Die TonqualitĂ€t erreicht dann in etwa jene, die man vom Telefonieren gewohnt ist. Noch besser eignen sich natĂŒrlich breitbandige A-DSL- oder S-DSL-AnschlĂŒsse mit 192 oder 256 kBit Upstream-Rate.

Anwender, die zwei ISDN-B-KanĂ€le bĂŒndeln, erzielen damit immerhin auch schon eine Up- und Downstream-Rate von jeweils 128 kBit/s. Doch selbst eine einfache ISDN-Leitung (64 kBit/s) genĂŒgt, um ein einigermaßen ordentliches Bewegtbild inklusive Sprache zwischen zwei GesprĂ€chspartnern zu ĂŒbertragen, wiewohl sich die Programme in unserem Test bei solch schmaler Bandbreite zum Teil stark unterschieden. WĂ€hrend ein Kandidat knapp sieben Bilder pro Sekunde und gut verstĂ€ndlichen Ton ĂŒbertrug, war ein anderer mit einem Bild/s und abgehacktem, kaum verstĂ€ndlichem Ton nicht zu gebrauchen.

Es mĂŒssen ĂŒbrigens nicht beide GesprĂ€chspartner ĂŒber eine schnelle Leitung verfĂŒgen; manchem wird es auch genĂŒgen, in der einen Richtung (DSL) 15 fps, in der anderen Richtung (ISDN) vielleicht nur drei oder vier Frames pro Sekunde zu ĂŒbertragen: Um dem quĂ€ngeligen Kind, das nicht ins Bett gehen mag, nach Hause zu winken, reicht es schließlich allemal. Von der Videotelefonie auf Modembasis können wir hingegen nur abraten, es sei denn, Sie geben sich mit ein oder zwei Bildern pro Sekunde und reinem Text-Chat statt echten GesprĂ€chen zufrieden. Mehr ist mit den 33,6 kBit/s Upstream heute gĂ€ngiger V.90-Modems nicht drin. Neue V.92-GerĂ€te schaffen beim Senden zwar schon 48 kBit/s, passende Gegenstellen sind bei Providern aber kaum im Einsatz.

Auf unserem PrĂŒfstand trafen sich die Windows-Programme NetMeeting 3.01, Windows Messenger 4.6, CuSeeMe 5.0, InVDOChat 2.0, ICUII 5.5 und li-com 2.2 sowie drei Kandidaten, die unter Windows und Mac OS laufen - iVisit 2.8b4 beziehungsweise 2.7b6, DualView 3.11 und iSpQ Video Chat 5.02.

Einige Programme scheinen sich im Lauf der letzten Jahre vom Markt verabschiedet zu haben, obwohl man sie nach wie vor auf Download-Servern findet. Video VoxPhone Gold 2.0, ein Programm aus dem Jahre 1999, konnten wir nicht zum Übertragen von Video ĂŒberreden. Da der Hersteller nicht auf unsere wiederholten Anfragen reagierte, musste es außen vor bleiben. Von Iris Phone 3.0 scheint es den Hersteller schon gar nicht mehr zu geben; die Website ist offline. Honey Com 4.0 wird zwar auf der Homepage des Herstellers noch angeboten, wer es kaufen möchte, stĂ¶ĂŸt jedoch nur auf tote Links und abgemeldete Telefonnummern. Das Programm Alice von AVM hingegen, das in der neuen Version auch Videotelefonie ĂŒber DSL anbietet, erreichte uns zu spĂ€t fĂŒr diesen Test. Wir werden es in einer der kommenden Ausgaben einzeln vorstellen, ebenso wie die Linux-Software GnomeMeeting.

Außen vor gelassen haben wir reine Videochat-Applikationen, die keine ernsthafte Video- und Audio-Konferenz erlauben, zum Beispiel nur gelegentlich mal ein Standbild ohne Sprache oder ausschließlich Ton ĂŒbertragen. Dazu zĂ€hlen auch Add-ons zu Instant Messengern wie BuddyVision fĂŒr AOLs AIM.

Die GrĂ¶ĂŸe des ĂŒbertragenen Bildes variiert stark unter den Programmen. Manche senden nur ein briefmarkengroßes Konterfei, andere legen sich auf ordentliche 320 x 240 Pixel fest, wieder andere ĂŒberlassen dem Anwender die Wahl - und damit zum Teil auch die Qual einer jĂ€mmerlichen Framerate. Stellt man nĂ€mlich eine zu hohe Auflösung ein, kommt unter UmstĂ€nden beim virtuellen GegenĂŒber ĂŒberhaupt kein flĂŒssiges, sondern nur noch ein stehendes Bild an, weil der Rechner mit dem Komprimieren des Bildmaterials nicht nachkommt.

Die wĂ€hrend einer Verbindung erzielte Framerate ermittelten wir, indem wir mit einem Rechner per USB-Kamera einen einfachen Testaufbau ‘filmten’, der allen Kandidaten eine einheitliche Bewegung vorspielte und die Kompressionsalgorithmen mit einem sich drehenden Bildmuster herausforderte. Auf einem zweiten Rechner, der je nach Testdurchlauf via ISDN oder T-DSL mit dem ersten verbunden war, ließen wir einen so genannten Screen-Movie-Recorder laufen, der den Inhalt eines bestimmten Bildschirmteiles kontinuierlich in eine Videodatei auf Festplatte speicherte. In dieser konnten wir schließlich die Framerate zĂ€hlen. Da ĂŒblicherweise aber ein Mensch vor der Kamera sitzt, der sich nicht stĂ€ndig bewegt, sondern vielleicht nur alle paar Sekunden mal den Kopf schĂŒttelt oder nickt, ansonsten aber eher nur den Mund bewegt, sind die in der Checkliste auf Seite 106 in c't 17/02 angegebenen Frameraten als Mindestwerte zu verstehen. Unter ‘realen Bedingungen’ erreichten wir bis zu fĂŒnf Bilder pro Sekunde mehr.

Um die TonqualitĂ€t zu beurteilen, wĂ€ren Messungen etwa des Frequenzganges weit ĂŒbertrieben. Einige Programme schicken nĂ€mlich außer Sprache ein nicht zu ĂŒberhörendes Rauschen mit ĂŒber die Leitung. Unsere subjektive Bewertung ‘nach Gehör’, die Sie ebenfalls der Tabelle entnehmen können, sollte also vollkommen ausreichen.

Apropos Ton: Zwar bringen die meisten PC-Kameras bereits ein eingebautes Mikrofon mit, doch wer ein solches in Kombination mit PC-Lautsprechern verwendet, mutet dem GesprĂ€chspartner unschöne Echos zu: Er hört das von ihm selbst Gesagte noch einmal verzögert ĂŒber die Leitung. Ernsthafte Videotelefonierer sollten sich deshalb ein Headset zulegen, das es schon fĂŒr ein paar Euro gibt. Bessere SprachqualitĂ€t versprechen GerĂ€te ab 50 Euro. Eine GesprĂ€chsverzögerung von ein bis zwei Sekunden muss man allerdings immer in Kauf nehmen, nach unseren Erfahrungen gewöhnt man sich aber schnell daran.

Einige Videokonferenzprogramme bewerben sich mit weitaus mehr Funktionen beim Anwender als der bloßen Übertragung von Bild und Ton. Manche organisieren Konferenzen etwa fĂŒr die ganze Familie oder eine Arbeitsgruppe im Unternehmen, die Microsoft-Lösungen NetMeeting und Windows Messenger erlauben es ihren Teilnehmern, ein Dokument gleichzeitig zu bearbeiten oder gar den gesamten Desktop freizuschalten. So kann Söhnchen seiner Mutti auch gleich noch die neue Word-Version erklĂ€ren.

Eine Punkt-zu-Punkt- oder auch Direktverbindung zwischen zwei Teilnehmern ĂŒber Internet beherrschen alle Programme im Test. Vor allem, wenn Sie Videotelefonie mit Ihren Kindern anstreben, mĂŒssen wir Sie vor einer Gefahr aber explizit warnen: Einige Kandidaten bieten Chat-RĂ€ume, in denen sich Hobby-Exhibitionisten zum Cybersex treffen. WĂ€hrend es die meisten Erwachsenen wahrscheinlich nur kurz irritiert, Live-Aufnahmen eines masturbierenden Mannes zu sehen - bei manchen Programmen keine Seltenheit -, könnte es Kinder nachhaltig verstören. Obwohl die RĂ€ume ĂŒblicherweise eindeutige Namen tragen - ‘Adult’ oder ‘Nudes’ etwa -, kann es durchaus passieren, dass man sich beim ersten Herumprobieren ungewollt in einen solchen verirrt. Wir sind wĂ€hrend unserer Tests sogar einige Male außerhalb solcher RĂ€ume von halbnackten MĂ€nnern angerufen worden.

Wer ausschließen möchte, dass seine Kinder womöglich unbeaufsichtigt belĂ€stigt werden, sollte daher unbedingt Sicherheitsvorkehrungen treffen. Die der Programme reichen unseres Erachtens jedenfalls nicht aus: Einige sind zwar komplett passwortgeschĂŒtzt, doch kann man sie ohne Passwort gar nicht verwenden. Bei anderen benötigt man nur ein Passwort, um die RĂ€ume fĂŒr Erwachsene zu betreten. Üblicherweise definiert man das Passwort wĂ€hrend der Installation selbst. Vor ungebetenen Besuchern außerhalb der RĂ€ume kann aber auch das nicht schĂŒtzen. In einem Fall, iVisit, hat sich der Hersteller um den Jugendschutz offenbar besonders wenig Gedanken gemacht: Der Adults-Room ist zwar mit einem Passwort geschĂŒtzt, doch erfĂ€hrt man dieses nach einem einfachen Klick auf den leicht zugĂ€nglichen ‘Info’-Button! Neugierige Kinder, die lesen können, finden das sicher schnell heraus. Deshalb haben wir bei den einzelnen Programmbesprechungen mehr Platz fĂŒr die Jugendschutzmechanismen oder das, was die Hersteller dafĂŒr halten, investiert, als man es von einem Artikel ĂŒber Videotelefonie vielleicht erwarten wĂŒrde.

Es gibt aber auch durchaus ‘anstĂ€ndige’ Programme im Test, bei denen die Gefahr sexueller BelĂ€stigung nicht unmittelbar besteht, weil es gar keine Chat-RĂ€ume gibt. Noch etwas sicherer ist die Methode, die Microsoft beim Windows Messenger verwendet: Verbindungen kommen nur zwischen eingetragenen Kontakten zu Stande; ‘versehentlich’ kann sich kein Benutzer bei einem anderen melden.

Alle Programme im Test initiieren ihre Verbindungen ĂŒber Internet. NetMeeting kann man darĂŒber hinaus auch so konfigurieren, dass GesprĂ€che ĂŒber WĂ€hlleitungen von einem Computer zum anderen stattfinden, doch haben wir diese Funktion nicht getestet. Die IP-basierende Videotelefonie stand im Vordergrund, und sie bringt ja auch einen entscheidenden Vorteil mit: Man bezahlt nur OnlinegebĂŒhren, die weit unter OrtsgesprĂ€chstarifen liegen und bei Flatrate-Besitzern gar nicht erst anfallen.

Über eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung kommt man nicht nur an Chat-RĂ€umen vorbei, sondern erreicht auch eine höhere ÜbertragungsqualitĂ€t. Bei den eher Chat-orientierten Programmen trifft man hĂ€ufig auch den Verbindungsaufbau mit Hilfe eines Servers an. Welche Benutzer ein Programm gerade verwenden, zeigt ein Userverzeichnis an, manchmal auch ILS (Internet Locator Server), Directory oder Reflektor genannt. Eine Buddy-Liste gibt hingegen Aufschluss darĂŒber, welcher der regelmĂ€ĂŸigeren GesprĂ€chspartner momentan fĂŒr eine Unterhaltung zur VerfĂŒgung steht. WĂ€hrend das Userverzeichnis fĂŒr alle Chatter interessant ist, die neue Kontakte knĂŒpfen wollen, ist eine Buddy-Liste angenehmer Komfort fĂŒr jeden Videotelefonierer, allerdings keineswegs bei allen Programmen Standard. Genauso groß sind auch die Unterschiede, wie man einen anderen Benutzer ‘anruft’: ob via IP-Adresse (umstĂ€ndlich, weil die sich bei Privatanwendern nach jeder Einwahl Ă€ndert), E-Mail-Adresse oder einen Nick- oder Spitznamen. Einige Kandidaten klinken sich in einen Instant Messenger, etwa den von Microsoft oder ICQ, ein, um die An- oder Abwesenheit eines anderen Benutzers anzuzeigen. Eine Option, dass eingehende Anrufe nicht automatisch angenommen, sondern erst in einem aufpoppenden Fenster angekĂŒndigt werden sollen, bieten alle Programme im Test. Die eigentliche Verbindung findet bei allen Kandidaten dann direkt von der einen IP-Adresse zur anderen statt.

Der Text-Chat ist fĂŒr manchen Anwender eine willkommene Alternative zur SprachĂŒbertragung; vor allem in Konferenzen nervt es, wenn alle durcheinander plappern. Wer sich ĂŒber bestimmte Teilnehmer Ă€rgert, kann diese in manchen Programmen sperren. Damit man zwischendurch auch mal in Ruhe arbeiten kann, gibt es ĂŒblicherweise einen ‘Nicht-stören’-Modus.

Die verwendeten Übertragungsprotokolle sowie die Audio- und Video-Codecs unterscheiden sich bei den Programmen so stark, dass kaum eines zu einem anderen kompatibel ist (siehe Checkliste auf Seite 106 in c't 17/02). Fast alle Kandidaten basieren auf proprietĂ€ren Techniken anstelle einheitlicher Standards wie etwa H.323 oder SIP fĂŒr die Verbindung und H.263 oder H.261 fĂŒr die Videokodierung [2]. Weil ĂŒberdies auch noch bestimmte TCP-Ports verwendet werden, kommt man mit keinem der Programme auf Anhieb durch eine Firewall oder einen Router. Wie es doch geht und wie ein Verbindungsaufbau ĂŒberhaupt funktioniert, verrĂ€t der Praxisartikel im Anschluss.

[1] Klaus Peeck: Fern-Seher, 21 Webcams mit und ohne Foto-Funktion, c't 8/02, Seite 146

[2] Details zu H.263- und anderen Videocodecs: www-mobile.ecs.soton.ac.uk/peter/h263/h263.html, www.4i2i.com/h263_video_codec.htm

[3] Harald Bögeholz, Stephan Ehrmann: Wir sehen uns, Kostenlos bildtelefonieren ĂŒber Internet, c't 9/99, S. 134 (se)