Musik saugen legal
Statt des altbekannten Lamentos über die bösen Tauschbörsen stimmt die Musikindustrie dieses Jahr eine neue Weise an: Kommerzielle Musik-Download-Dienste sollen nach den USA nun auch den deutschen Markt erobern. Der Kunde schweigt, lauscht und genießt.
Drei Millionen Downloads pro Monat im Schnitt vermeldete Apples iTunes Music Store anlässlich der Musikmesse Midem. Apple USA spült damit willkommenes Geld in die gebeutelten Kassen der Musikindustrie: Für jeden verkauften 99-Cent-Track wandern 66 US-Cent in die Kasse der Rechteinhaber, was in etwa dem Anteil beim traditionellen CD-Verkauf entspricht. Ein guter Grund, die über Jahre fest geschlossen gehaltene Lizenz-Truhe nun mehr als einen Spalt weit zu öffnen. Die Zeiten haben sich gewandelt: Wer will, darf inzwischen Musik verkaufen und auch die Wege zu legaler Gratis-Musik sind zahlreicher geworden (siehe unseren Artikel auf Seite 190).
Obwohl sich das Angebot an legaler Kaufmusik in Deutschland immer noch recht bescheiden ausnimmt, hat sich seit Mitte 2003 (c't 14/03) einiges bewegt. Vieles spricht dafür, dass 2004 das Jahr wird, in dem die Weichen für die digitalen Vertriebswege in Deutschland neu gestellt werden. Nachdem der deutsche Musikmarkt bisher vorrangig als Testfeld für Kopierschutz-Varianten missbraucht wurde, steht nun der digitale Musikvertrieb kurz vor dem Durchbruch.
Die Angebote von Karstadt, Tiscali, Mediamarkt und MTV werden vom B2B-Anbieter OD2 bestritten. Die Briten waren lange Jahre einsame Streiter in Sachen digitaler Musik, doch nun scheint ihnen die Konkurrenz auf den Fersen zu sein. Der CD-Händler World of Music (WOM) wird OD2 untreu und setzt nun auf T-Onlines zur IFA gestartetes Musicload-Portal.
Musicload und seine geklonten Lizenz-Shops von Bild.T-Online, RTL und WOM werden von der ehemaligen Bertelsmann Tochter Digital World Services (DWS) und Siemens gespeist. Zur CeBIT soll Musicload 2.0 starten und einige Kinderkrankheiten des momentanen Angebots beseitigen. Auch AOL setzt mit den „Musik Downloads“ auf DWS/Siemens und will sein Angebot zunächst nur der AOL-Kundschaft zugänglich machen. Der Shop ist - entgegen der Darstellung des Online-Riesen - auch unabhängig von der Zugangs-Software via Webbrowser nutzbar und könnte daher durch Ergänzung anderer Bezahlverfahren schnell auch für Nicht-AOL-Kunden geöffnet werden.
Auf die eigentlich schon für Herbst angekündigte Branchenplattform Phonoline wollte man uns keinen Blick gewähren. Phonoline soll zur CeBIT starten, nach wie vor ist die Handelskette Saturn der Wunschkandidat für den ersten Shop. Eine weitere Vereinbarung wurde mit dem Online-Ticket-Anbieter CTS geschlossen. Mehr über die Hintergründe des stolperigen Phonoline-Starts erfahren Sie ab Seite 188.
Der einzige Phonoline-Anbieter, der zur CeBIT voll funktionsfähig ist, dürfte der deutsche Download-Pionier Popfile sein. Popfile und Phonoline nutzen mit dem Universal Delivery System der T-Com dieselbe technische Plattform. Mit Popfile 3.1 geht Universal Music Germany pünktlich zur CeBIT mit einer überarbeiteten Version von Webshop und des von MTG programmierten My-Playlist-Client an den Start. Letzterer bildet mit abgewandeltem Skin die Basis zukünftiger Phonoline-Shops. Neben dem direkten Brennen von Audio-CDs bietet der Client auch eine Unterstützung für externe Player.
Wer wissen will, was in Sachen Musik-Downloads derzeit Stand der Technik ist, kommt um einen Blick auf die US-Portale nicht herum. Der Erfolg des iTunes Music Store hat der gesamten Musik-Branche einen Impuls gegeben. Schon jetzt gehen in den USA wöchentlich zwei Millionen Downloads über die virtuellen Tresen der Online-Shops. Mit Apple, Napster, MusicMatch, Rhapsody und MusicNow haben vier große Anbieter angekündigt, auch den europäischen Markt ins Visier zu nehmen. Apples iTunes Music Store könnte - so munkelt man - schon Mitte Mai zur Macworld UK in London sein europäisches Debüt geben. Nach dem Deutschland-Start sollen dann Großbritannien und Frankreich folgen. Was es den US-Shops so schwer macht, den Weg nach Europa zu finden, beantworten wir im Kasten auf Seite 185.
CD-Brennspezialist Roxio versuchte unterdessen, mit Napster 2.0 die Quadratur des Kreises zu bewerkstelligen: möglichst das positive Napster-Feeling erhalten, aber dabei einhundertprozentige Legalität gewährleisten. MusicNow bietet einen ähnlichen Abo-Dienst wie Napster 2.0. Beide Dienste planen den Sprung über den Atlantik. Musicmatch kann mit seinem Download-Angebot auf eine breite Basis bereits installierter Clients setzten - die aktuelle Version 8.2 der MP3-Rundum-Software MusicMatch Jukebox enthält bereits die Client-Software für den Shop.
Der spanische Anbieter Weblisten - von der hiesigen Plattenindustrie nach wie vor als illegal gescholten - feiert mit seinem Portal inzwischen seinen sechsten Geburtstag. Die rechtliche Situation ist demnach wohl doch nicht so fragwürdig. Mit Allofmp3 und Clubmp3search sind auch zwei Anbieter aus Russland mit im Test, deren Legalität die Musikindustrie gleichfalls anzweifelt. Die dortigen Track-Preise von wenigen Cent scheinen fast zu schön, um wahr zu sein. Doch letztendlich handelt es sich aus Kundenperspektive um einen gewöhnlichen Bezahldienst, auf keinen Fall um ein vom Kunden eindeutig als illegal zu erkennendes Angebot im Sinne des Urheberrechts. Die Entwirrung des internationalen Lizenzdurcheinanders kann wohl kaum dem Konsumenten abverlangt werden.
Der britische Anbieter Wippit.com versucht als einziger Testkandidat, ein kommerzielles Musikangebot auf Peer-to-Peer-Basis zu realisieren. Die Inhalte kommen wie bei den anderen Download-Diensten zunächst von einem zentralen Server. Sobald sie jedoch innerhalb des Wippit-Tauschnetzes kursieren, stellt die Client-Software zum Download eines Titels eine Verbindung zu einem anderen Wippit-Client her. In Kürze wollen die Briten mit der Version 2.0 Material des Majors EMI anbieten. Top-Acts wie Robbie Williams werden dann allerdings grundsätzlich über eine Server-Client-Verbindung mit zusätzlichem digitalen Rechtemanagement abgewickelt.
All you need is love
Sechs Anbieter setzten auf proprietäre Zugangssoftware, über die man auf die Online-Shops zugreifen kann. Alle Clients sind für aktuelle Windows-Versionen verfügbar. Für ältere Windows-Versionen, Mac OS oder Linux hat das Gros der Anbieter nicht vorgesorgt. Für Popfile - und damit auch die neue Branchenplattform Phonoline - existiert zumindest eine Mac-Version der My-Playlist-Software im Beta-Stadium. Bei Apple ist der Shop Bestandteil der Playersoftware iTunes 4.2, die es inzwischen auch in einer Windows-Version gibt. Ähnlich hält es Musicmatch mit seiner Jukebox 8.2, allerdings nur für Windows. Bei beiden muss man die gesamte Playersoftware herunterladen - etwas umständlich, wenn man sich schon an eine andere Verwaltungssoftware gewöhnt hatte.
Ärgerlich ist es, wenn sich die Programme bei jedem Start gegenseitig das Recht zum Abspielen bestimmter Dateitypen abspenstig machen. Auch die Angebote von Napster und Rapsody kommen nicht ohne eigene Clientsoftware aus. MusicNow geht einen Mittelweg und bindet den Shop nahtlos in den mit Windows gelieferten Media Player ein.
Anders sieht es bei den reinen Webshops aus. Bei Allofmp3, Clubmp3Search, eMusic und Weblisten benötigt man als Grundausstattung nur einen Browser, darf also mit allen Betriebssystemen eintreten. AOL, Musicload und die OD2-Shops setzten zudem den Windows Media Player 9 zum Abspielen der DRM-geschützten Dateien im Windows-Media-Audio-Format (WMA) voraus.
Bevor man sich auf die Suche nach Musik machen kann, muss man zunächst den Shop finden. Tiscali macht es der Laufkundschaft nicht dabei gerade leicht: Auf tiscali.de, dritte Ordnerlasche rechts auf „Services“, die halbe Seite runtergescrollt zwischen „Aktuell bei eBay“ und dem „Lottoservice“, findet sich der Link „Musikdownloads“ - voilà. Auf diese Art wird der Musik-Shop garantiert zum Geheimtipp.
Still having found
Das Angebot der Shops unterscheidet sich sowohl im Umfang als auch in der Qualität der Songauswahl. Gerade letzterer Aspekt ist so subjektiv wie das Musikempfinden selbst, weshalb wir mehrere Redakteure darauf angesetzt haben, die Kataloge nach Titeln ihres persönlichen Lieblings-Genres zu durchstöbern und zu bewerten. Was hilft es, wenn es bei OD2 vierundvierzig Treffer für Peter Alexander gibt, man als Popfan aber nur auf den einen Top-Track des DSDS-Gewinners Alexander aus war. Eine besondere Erwähnung verdient das Repertoire von eMusic, das auf hochwertige Titel abseits des Mainstream spezialisiert ist.
Zum Standardangebot aller Testkandidaten zählt die Suche nach Künstlern, Titeln und Alben. Wenn es um die Suche nach bestimmten Komponisten geht, wird man aber lediglich bei Apples Music Store und Rhapsody bedient. Doch hat man einen Bestand von Tausenden von Musikstücken vor sich, kommt der reinen Suche nach ABC-Muster ohnehin weniger Bedeutung zu. Viel schöner ist das Stöbern, denn in dieser Disziplin haben die virtuellen Shops den realen Vorbildern - zumindest potenziell - einiges voraus.
Es zeigt sich dabei, wie wichtig das sorgfältige Einpflegen der Metadaten seitens der Shop-Anbieter ist. Eine Suche nach „Ich und Elaine“ von „2raumwohnung“ fördert bei Musicload drei Treffer zu Tage. Schade nur, wenn Album-, Single- und Remix-Variante nicht klar ausgezeichnet sind. So mancher Kunde wird erst nach dem Herunterladen feststellen, dass er die falsche Version seines Wunschsongs erwischt hat.
Bei allen Online-Shops kann man schon vor dem Kauf in die Musikstücke hineinhören. Meistens bekommt man allerdings nur 30-Sekunden-Schnipsel geboten. Musicload und AOL stützen sich beim Vorhören auf die lückenhaften Phononet-Bestände, anstatt eigene Samples zu verwenden. So muss teils komplett auf das Vorhören verzichten.
| "Musik saugen ganz legal" | |
| Weitere Artikel zum Thema finden Sie in der c't 6/2004: | |
| Die deutsche Branchenplattform Phonoline | S. 188 |
| Legale Quellen für kostenlose Musik | S. 190 |
(sha)