VDR-Alternativen
Nicht jeder, der seinen PC in eine Medienzentrale umfunktionieren möchte, mag sich mit dem auf das Wesentliche konzentrierten Bedienkonzept des VDR zufrieden geben. Wer dann trotzdem nicht gleich zur Windows XP Media Center Edition (MCE) greifen will, obwohl ihm eigentlich dieses Konzept vorschwebt, der sollte sich die anderen Linux-Projekte ansehen: Auf der Heft-CD liefern wir mit freevo, MythTV und NMM MMBox drei davon mit und geben Schützenhilfe bei deren Konfiguration.
Seitdem c't über den Linux VDR und die freie Konkurrenz des Windows Media Center myHTPC (siehe auch folgender Artikel) berichtete, häuften sich die Leserfragen, ob wir nicht auch einmal detaillierter auf die freien „Linux Media Center“ freevo und MythTV eingehen könnten. Die anstehende Aktualisierung der c't-VDR-Distribution war ein willkommener Anlass, um diesen Bitten nachzukommen und dem Leser eine kleine Linux-Distribution zu liefern, mit er freevo, MythTV und NMM MMBox ohne großen Kompilationsaufwand ausprobieren kann.
Im Unterschied zum VDR laufen alle drei unter X-Window und lassen sich über eine grafische Bedienoberfläche steuern. Dabei verzichten sie allerdings komplett auf Mausbedienung und begnügen sich mit meist intuitiver Navigation über die Tastatur, weshalb sie sich leicht mit der Linux Infra Red Control (LIRC) verheiraten lassen. Die kompletten Tastenbelegungen finden Sie unter dem Soft-Link.
Alle drei Projekte warten mit typischen Media-Center-Funktionen auf: TV, digitaler Videorecorder - teilweise inklusive Timeshift -, (S)VCD- und DVD-Wiedergabe (nur unverschlüsselte DVDs), Audio- und Videojukebox, CD-Ripper und mehr. So sehr sich die Projekte nach dieser Funktionsübersicht ähneln müssten, so unterschiedlich sind sie doch, sodass auf jeden Fall ein genauerer Blick auf die einzelnen „Konkurrenten“ lohnt - mehr dazu in den Abschnitten über das jeweilige Projekt.
Die drei Media Center können mit der WinTV PVR 250/350 Analog-TV empfangen und aufzeichnen, außer MMBox aber auch eingeschränkt mit klassischen analogen TV-Karten umgehen. MMBox entfaltet den gesamten Leistungsumfang nur bei DVB-Empfang (leider nur einfacher LNB), während freevo praktisch gar nicht dafür geeignet ist.
Installation und Vorarbeiten
Gibt man am Boot-Prompt der bootfähigen Heft-CD „install“ ein, lassen sich - nachdem Knoppix die Hardwareerkennung erledigt hat - wahlweise „freevo“, „mythtv“ oder „nmm“ (Network-integrated Multimedia Middleware) installieren. Leider müssen dazu je nach gewähltem Projekt weitere Pakete aus dem Internet heruntergeladen werden - die Erklärung dafür finden Sie im Kasten „Lizenzfragen und -plagen“ auf Seite 97.
Nach der Auswahl eines der Projekte läuft der erste Installationsteil genauso ab wie beim VDR (siehe Seite 102). Einzig die jeweiligen zusätzlich benötigten Pakete werden aus dem lokalen CD-Repository respektive aus dem Internet heruntergeladen und auf die Festplatte kopiert.
Nach Reboot, Auswahl des Passwortes für root und Netzwerkkonfiguration gilt es eine ganze Litanei von Fragen des Konfigurationsprogramms Debconf zu beantworten. Im Unterschied zur VDR-Installation haben wir dem Konfigurationsprogramm nicht alle Fragen vorab beantwortet. Sie können das nachholen, indem Sie die Datei /var/cache/debconf/config.dat bearbeiten und ein neues Image erstellen. In der Regel kann man aber einfach die vorgeschlagene Option durch Druck auf „Return“ akzeptieren, einzig die im Folgenden aufgelisteten Abfragen sollte man individuell beantworten (vorangestellt ist jeweils die auf dem Bildschirm rote Überschrift des Dialogs „Configuring ...“):
Fontconfig: Enable sub-pixel text rendering? Tvtime: PAL
Mit Abstand die meisten Fragen stellt die Xserver-Konfiguration:
Xserver-xfree86: installierten Kartentyp wählen keyboard model: pc105 keyboard layout: de mouse port: (in der Regel /dev/psaux) mouse description: Mausprotokoll, meist (Im)PS/2 Is your monitor an LCD device? Method for selecting monitor characteristics: Medium Select your monitor's best video mode: (vorzugsweise eine Auflösung von 1024 x 768) Video modes you would like the X server to use: 1024 x 768 (bei freevo 800 x 600)
nur freevo:
freevo: TV-Standard: pal Channel list: europe-west automatically start on bootup: Ja
Bei der MythTV-Konfiguration können Sie beherzt alle Vorgaben direkt übernehmen. Bitte zunächst auch kein Passwort für den MySQL-Administrator setzen. Es erhöht den Konfigurationsaufwand und lohnt sich de facto nur, wenn Sie MythTV tatsächlich auf längere Sicht verwenden wollen.
Im Anschluss fragt die Distribution, ob es die glibc erneuern und diverse Dienste neu starten soll. Bitte auch hier einfach Bejahen. Danach sollte der Rest der Installation ohne weitere Zwischenfragen ablaufen und die Installation erfolgreich zum Abschluss gebracht werden. Nach einem letzten Druck auf die Eingabetaste ist das System einsatzbereit.
Wer eine Nvidia- (TNT2, GeForce) oder ATI-Radeon-Karte einsetzt, der sollte, bevor er das X-Window-System startet, noch dafür sorgen, dass der korrekte Treiber für seinen Grafikchip verwendet wird. Zwar funktioniert X-Window auch mit dem „nv“-Treiber, doch leider nur ohne die Xvideo-Extension (Xv), die für Video-Overlays nötig ist. Daher bringt unsere Distribution einen beschleunigten „nvidia“-Xserver mit. Diesen rüsten Sie durch den Aufruf von apt-get install nvidia-glx nach. Danach gilt es, die Datei /etc/X11/XF86Config-4 anzupassen. Wahlweise kann man dies mit einem Texteditor tun (etwa nano -w /etc/X11/XF86Config-4) oder mittels folgender Zeile
cd /etc/X11/; sed s/nv/nvidia/ XF86Config-4 XF86Config-4.temp; mv XF86Config-4.temp XF86Config-4
Obwohl wir das aktualisierte Xserver-Paket für XFree86 4.3.0 ins System eingespielt haben, taucht auch der Radeon-Treiber für aktuelle ATI-Karten nicht in der Auswahlliste der X-Konfiguration auf. Daher müssen Besitzer solcher Karten die XF86Config-4 ebenfalls editieren (also im obigen Ausdruck den Aufruf des Stream-Editors durch „sed s/ati/radeon/“ ersetzen).
Nach diesen Kunstgriffen sollte ein „startx“ das X-Window-System mit dem ressourcenschonenden icewm-Window-Manager starten. Ist bei der Konfiguration von X dennoch etwas schief gegangen, kann man mittels
dpkg-reconfigure xserver-xfree86
einen weiteren Versuch unternehmen.
Das jeweilige installierte Programmpaket taucht im icewm-Startmenü unter „Programme, Media Center Software“ auf und sollte sich per Mausklick starten lassen.
Unser Kernel bringt zunächst nur das Open Sound System (OSS) mit, kommt daher nur mit einer begrenzten Zahl Soundchips zurecht. Obwohl das zur Hardwareerkennung eingesetzte Knoppix diese meist erkennt, klappt es beispielweise bei neuen Intel-Chipsätzen i8xx nicht korrekt. Hier sollte „modprobe i810_audio“ den Onboard-Sound zum Erklingen bringen.
Der gute Ton
Ein Blick auf die Liste der geladenen Kernelmodule (lsmod | more) gibt Aufschluss darĂĽber, ob der gewĂĽnschte Kerneltreiber erfolgreich geladen wurde.
Wenn es klappt, sorgt der Befehl echo "i810_audio" >> /etc/modules dafĂĽr, dass das Modul ab sofort automatisch beim Systemstart geladen wird.
Sollten Sie den Sound partout nicht zum Klingen bekommen, lohnt sich ein Versuch mit den online bereitgestellten ALSA-Modulen fĂĽr unseren Kernel. Dazu mĂĽssen Sie die Datei /etc/apt/sources.list um folgende Zeilen erweitern:
deb http://ftp.de.debian.org/pub/debian testing main deb ftp://ftp.heise.de/pub/ct/projekte/vdr/stable/binary base/
AnschlieĂźend rufen Sie bitte
apt-get update; apt-get install alsa-modules-2.4.24-ctvdr-2
auf.
Die letzte der beiden deb-Zeilen muss man der sources.list übrigens auch manuell hinzufügen, wenn man mit NMM oder MythTV DVB empfangen will. In diesem Fall muss nämlich noch das DVB-Treibermodul „dvb-driver-2.4.24-ctvdr-2“ installiert werden. Das Modul lädt man einfach mit modprobe dvb.
Nach der Installation finden sich nicht nur freevo & Co im Startmenü von icewm wieder. Unter „Programme, TV-Software (nur BTTV)“ finden sich nicht ganz grundlos einige den klassischen TV-Karten vorbehaltene Applikationen (der Hinweis „nur BTTV“ soll keineswegs die momentane Noch-Minderheit der Besitzer von TV-Karten mit SAA713x diskrimieren, sondern lediglich darauf hinweisen, dass die Software nicht mit PVR-Karten funktioniert).
Da es momentan keinen offiziellen XMLTV-Grabber für Deutschland gibt und auch die anderen Quellen für TV-Programminformationen jederzeit versiegen können, lohnt sich der Weg über das nexTView EPG. Um die Daten aus der vertikalen Austastlücke (VBI: Vertical Blanking Interval) des Kabel-TV auslesen zu können, benötigt man neben der PVR- auch eine klassische v4l-kompatible Karte. Karte und nexTView EPG konfiguriert man wie im Artikel auf Seite 98 beschrieben. Anschließend gilt es nur noch in regelmäßigen Abständen die EPG-Daten als XML zu exportieren. Bei den kryptischen Kürzeln - etwa „CNI0DC7“ -, die in den XMLTV-Dateien auftauchen, handelt es sich übrigens um eindeutige von nexTView EPG vergebene Senderkennungen, die bei allen Programmen lediglich als Label für die Senderzuordnung genutzt und später nirgends angezeigt werden.
Wer einfach nur mal TV gucken will, der findet in tvtime das momentan beste Programm. Es ist schnell, hat ein hervorragendes Onscreen-Display und vermeidet störende Kammartefakte mit Hilfe der mitgelieferten Deinterlacing-Filter von DScaler. Das Programm lässt sich leicht über Onscreen-Menüs konfigurieren („F1“ drücken“) und zeigt EPG-Infos an, wenn man ihm beim Start eine aktuelle XMLTV-Datei mitgibt, etwa tvtime -t ~/XMLTV.xml. Damit die Programminformationen tatsächlich mit dem gewählten Sender korrelieren, muss allerdings noch die stationlist.xml angepasst werden - zu finden im Verzeichnis ~/.tvtime/.
Während voriges für alle Projekte gleichermaßen gilt, geht es im Folgenden um die Besonderheiten der einzelnen Applikationen.