Russendisko
Der Kampf der internationalen Phonographischen Industrie gegen AllofMP3.com, eines der bekanntesten russischen Musik-Downloadportale, scheint gewonnen. Doch der PR-trächtige Coup könnte sich im Nachhinein als Pyrrhussieg erweisen.
Ende Juni war Schluss: Nach sechs Jahren im Download-Geschäft nahm der russische Anbieter AllofMP3 sein Musik-Portal vom Netz. Der DNS-Eintrag wurde gelöscht und auch die russische Domain allofmp3.ru ist nicht mehr erreichbar. Die Betreiberfirma Media Services Inc. scheint auf Tauchstation zu gehen, wobei sich das Unternehmen seit jeher gegenüber Presseanfragen sehr unzugänglich zeigte.
Spätestens seitdem AllofMP3 als zu entfernendes Übel zur Verhandlungsmasse in Russlands Beitrittsgesprächen zur Welthandelsorganisation WTO wurde, fand sich das Portal auf dem dünnen Eis der politischen Weltbühne wieder. Das US-Handelsministerium stellte klar: Mit AllofMP3 gibt es keinen Beitritt Russlands zur WTO. Der Verband der US-amerikanischen Musikindustrie (RIAA) und dieInternational Federation of the Phonographic Industry (IFPI) hatten ihren Einfluss geltend gemacht.
Bereits im April begann Media Services Inc., AllofMP3-Kunden auf die beinahe identische Seite MP3Sparks.com zu verweisen. Sämtliche Kunden konnten sich mit ihrem AllofMP3-Login anmelden und sofort auf ihre alten Kundendaten zugreifen. Das Manöver war zu offensichtlich - kurz nachdem Medien über alten Wein im neuen Schlauch berichteten, war auch MP3Sparks offline, seit einigen Tagen ist es jedoch wieder voll zugänglich.
Totgesagte
So „richtig“ offline scheint AllofMP3 also immer noch nicht zu sein. Besonders zahlfreudige Kundschaft mit einem Jahresmindestumsatz von 300 US-Dollar lud der Dienst im Vorfeld der Schließung in einen abgeschotteten Download-Club namens MemphisMembers.com ein. Wer der Einladung folgte, bekam einen Bonus von 15 US-Dollar und konnte hier auf sein bisheriges Kundenkonto zugreifen.
Doch auch ohne Club-Karte kauften eingefleischte AllofMP3-Kunden trotz Sperre weiter ein, selbst als das Schwesterportal MP3Sparks.com kurzzeitig geschlossen war. Die ĂĽber Alltunes.com vertriebene, gleichnamige Player-Software verfĂĽgt ĂĽber eine integrierte Download-Funktion, die auf den ehemaligen AllofMP3-Katalog zugreift - die Download-Server waren nie auĂźer Betrieb.
Wie genau die einzelnen Portale miteinander verknüpft sind, ist schwer ersichtlich. Glaubt man einer Whois-Abfrage, sitzt die Domain-Adminsitratorin von MemphisMembers zum Beispiel im selben Moskauer Bürogebäude wie die Firma Internet Audit, die für die Angebote von AllTunes und MP3Sparks verantwortlich ist.
Ein Anruf bei Internet Audit brachte keine Klärung. Eine nette Dame führte auf Anfrage von c't aus, man sei mit der falschen Firma verbunden. Den Namen der Firma wollte sie indes nicht preisgeben.
Ob es sich bei den angegebenen Postadressen tatsächlich um den jeweilige Firmensitze handelt, ist ohnehin fraglich - ein Spiegel-Online-Korrespondent fand bei einem AllofMP3-Besuch im Jahre 2005 unter der angeblichen Firmenadresse nicht mal einen passenden Briefkasten vor.
Whack-A-Mole
Nachdem der Maulwurf AllofMP3 durch einen energischen Schlag mit dem Gummihammer versenkt wurde, offenbart sich bei genauem Hinschauen ein viel größeres Problem: Zum einen stieg der Dienst in anderen Gewändern wieder aus der Versenkung auf, zum anderen haben die Phonoverbände die russischen Download-Portale erst richtig ins Rampenlicht gerückt. AllofMP3 war nur die Spitze des Eisbergs.
Eine Webrecherche spülte zahlreiche englischsprachige MP3-Downloaddienste zutage, die sich - wie AllofMP3 - auf ihre mit der russischen Verwertungsgesellschaft ROMS (Russian Organization on Collective Management of Rights of Authors and other Rightholders in Multimedia, Digital Networks & Visual Arts) geschlossenen Lizenzverträge berufen. Eines der größeren Portale, MP3Search.ru, geht mit englischsprachiger PR in die Offensive: Durch das Abführen von 50 Prozent ihrer Gewinne an die in Russland ansässige Rightholders Federation for Collective Copyright Management of Works Used Interactively (FAIR) wollen die Betreiber ihr Angebot legalisieren.
„Wir haben Gespräche mit den hiesigen Geschäftsstellen von Universal und BMG geführt - leider ohne Erfolg“, so MP3Search-Pressesprecher Vladimir Nivontov gegenüber c't. „Die Gesprächspartner waren interessiert, konnten aber jeweils nur über Lizenzen für den russischen Markt entscheiden - wir sind international ausgerichtet.“ Inzwischen versucht MP3Search über andere Wege mit den Musiklabels ins Gespräch zu kommen: Mit Thomas Hedström hat man einen Kontaktmann angeheuert, der in den Konzernzentralen der Plattenfirmen Deals für den legalen Musikdownload aushandeln soll. Hedström ist in der Branche kein Unbekannter: Zu seinen ehemaligen Arbeitgebern zählt EMI und zuletzt Universal Music, wo er für das Osteuropageschäft verantwortlich war. „In den westlichen Medien entsteht oft der Eindruck, aus Russland kämen nur Piraten-Seiten“, so Nivontov, „das ist so nicht korrekt.“
Als Partnerseiten listet allein MP3Search fast fünfzig Unter-Shops, die das MP3-Angebot für verschiedene Länder und Musikgeschmäcker mundgerecht aufbereiten. Allein über seine Hauptseite wickelt MP3Search nach eigenen Angaben täglich etwa 50 000 Downloads ab. Solange es keine direkten Verträge mit den Labels gebe, führe man Gelder an ROMS und FAIR ab.
„Man wird mit Sicherheit auch weiterhin gegen Angebote wie AllofMP3 vorgehen müssen“, so IFPI-Sprecher Stefan Michalk im Gespräch gegenüber c't. „Auch Länder wie Russland oder China müssen sich den Spielregeln des internationalen Handels fügen, wenn sie an ihm teilhaben wollen.“
Eine Sprecherin von AllofMP3 brachte das Problem in einem Interview auf eine andere Formel: „Ein 99-Cent-Download entspricht in Russland etwa zwei Flaschen Wodka. Niemand in Russland kann so viel Geld für ein Musikstück ausgeben.“
Die bisher gefahrene Doppelstrategie der Musikindustrie bei der Bekämpfung des russischen Download-Marktes scheint indes ins Leere zu laufen. Neben dem Sperren von Domains und dem Versuch, Internet-Service-Providern die Durchleitung ihrer Kundschaft auf entsprechende Angebote zu verweigern, wollte man auch die Bezahlwege blockieren.
In den letzten Monaten vor der SchlieĂźung hatten Visa und Mastercard keine weiteren Zahlungen fĂĽr AllofMP3 mehr abgewickelt. Durch EinfĂĽhrung eines Gutscheinsystems mit ausgelagerten Bezahl-Sites gelang es Media Services, die Sperre zu umgehen.
Ein kürzlich ergangenes Urteil eines Moskauer Gerichtes dürfte die IFPI empfindlich treffen: AllTunes-Betreiber Internet Audit verklagte einen Visa-Agenten, der auf Druck der US-amerikanischen Konzernzentrale keine Kreditkartenzahlungen mehr abwickeln durfte. Internet Audit gewann den Prozess, sodass Visa weiterhin Download-Kunden von AllTunes bedienen muss. Während das Kreditkartenunternehmen das Urteil umsetzen wollte, sprach sich ein IFPI-Sprecher vor Ort für eine Revision aus.
Fazit
Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Schlag gegen die russischen Musikdienste vor allem ein Schlag ins Wasser. Die Download-Portale, die durch fehlende Werbung und die sprachliche Entfernung eigentlich im Abseits stehen, finden sich ein weiteres Mal im Licht der Öffentlichkeit wieder. MP3Sparks fängt AllofMP3-Kunden auf und die Betreiber dürften mit der Medienpräsenz ihres Ersatzangebotes mehr als zufrieden sein.
Für die phonographische Wirtschaft könnte sich die Russendisko auf längere Sicht als größeres Ärgernis entpuppen als die verhassten Tauschbörsen: Die Angebote sind übersichtlich gestaltet, lassen sich direkt über den Webbrowser nutzen, erlauben schnelle Downloads und haben das Format im Angebot, das alle Kunden wünschen: MP3.
Immer drängender stellt sich dabei die Frage, warum sich Dienste wie AllofMP3 oder MP3Search mit national gestaffelten Downloadpreisen nicht legalisieren können. Nach wie vor scheint man in den Konzernzentralen eher regional zu denken, während sich die Musik auf den internationalen Märkten selbstständig macht.
Das Major-Label EMI hat mit dem Verzicht auf aktives digitales Rechtemanagement immerhin eines der größten Hindernisse aus dem Weg geräumt: Ein legales MP3-Download-Angebot mit Major-Inhalten oder gar die freie Codec-Wahl ist nun zumindest möglich.
Solange es diese Angebote nicht gibt, wird man es schwer haben, die Kunden in die nationalen DRM-vernagelten Spartenshops zu locken. Viele Kunden werden den russischen Anbietern weiterhin die Treue halten und ihre Musik im Osten kaufen - fĂĽr ein Glas Wodka pro CD. (sha)