Es ist hoffnungslos
Der Mediziner und SPD-Politiker Karl Lauterbach beschreibt, warum es Krebskranken kĂĽnftig schlechter gehen wird, obwohl es so viele neue Mittel wie nie gibt.
Der Mediziner und SPD-Politiker Karl Lauterbach beschreibt, warum es Krebskranken kĂĽnftig schlechter gehen wird, obwohl es so viele neue Mittel wie nie gibt.
Es ist hoffnungslos (und kompliziert) – dieser Eindruck drängt sich nach der Lektüre von Karl Lauterbachs Buch "Die Krebs-Industrie" vorrangig auf. Und trotzdem sollte man sie lesen. Denn der Mediziner und SPD-Politiker liefert darin eine detaillierte Analyse der Situation für Krebspatienten.
Auf der einen Seite stehen die unbestreitbaren Forschungserfolge: Vor allem in der Immuntherapie gegen Krebs wurden große Fortschritte gemacht, teilweise scheinen wenige Behandlungen zu reichen, um die Patienten – voraussichtlich – zu heilen. Doch das war im Wesentlichen schon die Habenseite.
Auf der anderen Seite stehen die immer noch massiven Nebenwirkungen und die Tatsache, dass diese Mittel nur einem kleinen Teil der Patienten nützen. Zwar gab es viele Neuzulassungen, und die Pipelines der Pharmafirmen sind voll. Doch die Mittel verlängern die Überlebenszeit nach wie vor kaum. Sie sind zudem noch extrem überteuert, obwohl die von der Pharmaindustrie zitierten hohen Entwicklungskosten Experten zufolge oft nicht mehr stimmten.
Darüber hinaus handelt es sich häufig um sogenannte Me-too-Präparate, also Neuaufgüsse bereits bekannter Therapierezepte. Ihr Zusatznutzen ist laut Experten oft zweifelhaft. Die Unternehmen legten die klinischen Studien von vornherein so aus, dass sie Erfolge zeigen und fehlenden Nutzen verschleiern. Und zu guter Letzt zeigt die Forschung immer deutlicher, dass Krebs eine ungeheuer komplexe Krankheit ist, die den Angriffen fast immer auszuweichen weiß.
Lauterbach erklärt verständlich, welche markt- und (krankenhaus-) politischen Mechanismen die Probleme verursachen und an welchen Stellschrauben gedreht werden müsste, um die Zustände zu ändern. Dazu beschreibt er, wie Krebs entsteht, welche Mittel es dagegen gibt und welche Vorbeugungsmaßnahmen nützen. Vieles davon ist bekannt, aber das meiste als separate Einflussgrößen. Lauterbachs Verdienst ist es zu zeigen, wie sie ineinandergreifen.
Wenn er recht hat, steuern wir auf mehrere große Probleme zu: Die Zahl der Krebskranken wird massiv steigen, weil immer mehr Menschen das Risikoalter dafür erreichen. Die überteuerten Mittel drohen deshalb mittelfristig, das Gesundheitssystem in die Knie zu zwingen. Lauterbach skizziert zwar politische Maßnahmen, um die Preisfindung zu regulieren. Doch er beschreibt auch, wie Großbritannien ein wichtiges Instrument dazu einführte – und es ausgehebelt wurde. Es darf bezweifelt werden, dass die deutsche Gesundheits- und Krankenhauspolitik es besser hinbekommt.
Karl Lauterbach: "Die Krebs-Industrie", Rowohlt Verlag, 288 Seiten, 19,95 Euro (E-Book 16,99 Euro) (bsc)