Eigendynamik
Eigendynamik
Nach Thomas Kuhns Theorie wissenschaftlicher Revolutionen verläuft Erkenntnisgewinn immer gleich. Ein einfaches Modell erklärt die beobachtete Welt: Norddeutschland ist flach, also ist es die ganze Welt. Reicht das Modell für weitere Beobachtungen nicht aus, wird es erweitert, gestützt und geflickt. Komplexe Mechanik treibt dann die Sterne an, am Horizont lauern See-Ungeheuer sowie tiefer Absturz und über allem thront Hausmeister Gott.
Irgendwann kommt der Punkt, da kein Flicken mehr hilft: Jemand fährt trotz Ungeheuerwarnung stur in eine Richtung, kommt aus der anderen zurück und bringt damit das windschiefe Kartenhaus zum Einsturz. Der radikale Paradigmenwechsel ist eingetreten. Ab sofort ist die Welt - zumindest für die Avantgarde - eine Kugel.
Leider ist Derartiges in der Software-Entwicklung nahezu ebenso selten wie im Welterklärungsgeschäft. Seit etlichen Jahren werden Klassiker wie Nero, Windows Media Player, Photoshop und viele andere nach dem Kartenhaus-Muster weiterentwickelt: Mit jedem Release bauen die Software-Schmieden neue Funktionen hinzu. Technik und Tools werden mitsamt deren Anbietern eingekauft und eingebaut. Photoshop besitzt plötzlich ein Extrahieren-Werkzeug, das komplett anders aussieht und weniger gut funktioniert als die anderen Werkzeuge.
Ob das neue Produkt tatsächlich besser ist als das alte, fragt niemand im Rausch der Neuigkeit. Office 2003 statt 2007, Nero 6 statt 8, Windows Media Player 6 statt 11? Brennprogramme besitzen Video-Player, Video-Player bekommen Web-Browser eingebaut und nahezu jede Software versendet E-Mails. Unnötige Funktionen gibt es nicht, nur clevere Erweiterungen. Never feel complete!
Das Kartenhaus wird fortwährend größer, unübersichtlicher, unlogischer und ressourcenhungriger. Es stürzt allerdings nicht ein. Bei allen Nachteilen wie langwieriger Einarbeitung und langwierigem Programmstart bleibt der praxistaugliche Kern, und natürlich sind neue Funktionen häufig sinnvoll und praktisch. Der erfahrene Nutzer wird den Neubau schon verstehen. Lediglich der Neuling hat Probleme, das aus verschiedenen Bauperioden gewachsene Ganze zu überblicken.
Gut, dass manchmal doch Paradigmenwechsel eintreten. Mit Lightroom und anderen Vertretern der Zunft erwächst aus Raw-Konvertern mit eng umrissenem Daseinszweck mittlerweile eine neue Generation von Bildbearbeitungsprogrammen. In der Blüte ihrer Jugend präsentieren sie einen logisch aufgebauten Werkzeugkasten ohne Altlasten. Bald könnte diese Programmsparte die klassischen Bildbearbeitungswerkzeuge ablösen.
Es geht doch. Bleibt nur zu hoffen, dass die Hersteller anderer Programmkategorien über kurz oder lang ähnliche Verjüngungskuren schaffen, sonst sind die Nutzer künftiger Software-Generationen nicht zu beneiden. (akr)