Nie wieder installieren
Fast alle Anwendungen, die man im Alltag brauchen kann, gibt es mittlerweile als dienstbare Geister im Web, ob Textverarbeitung, Präsentationssoftware, Virenscanner oder Bildbearbeitung. Man muss sich nicht um Updates kümmern und kann von jedem beliebigen Rechner seine online gespeicherten Dokumente bearbeiten. Voraussetzungen sind nur ein Internetzugang und ein Web-Browser.
Hunderte Unternehmen bieten Anwendungen an, die im Browser laufen und sich äußerlich kaum von den bekannten Desktop-Anwendungen unterscheiden. Thinkfree Office ähnelt Microsoft Office, Splashup erinnert an Photoshop, und Comapping bildet MindManager nach. Hohe Bandbreite, Flatrates in Millionen von Haushalten und Techniken wie Flash und Ajax machens möglich.
Als Name des Trends hört man neben Web-Dienst und Web-Anwendung in der Business-Welt oft „Software on demand“ und „Software as a Service“, kurz SaaS. Dabei geht es um das Konzept, Software nicht zu verkaufen, sondern online zu vermieten. Etliche Angebote wie Google Text & Tabellen tragen aber derzeit noch den Zusatz Beta und sind kostenlos nutzbar, vermutlich weil die Anbieter sich das Vermarktungskonzept noch offenhalten.
„Software as a Service“ beschreibt die Arbeitsteilung zwischen Server und Client: Die Anwendung läuft komplett auf dem Server und zeigt die Ergebnisse ihrer Arbeit über ein Web-Frontend im Browser des Kunden, etwa als HTML-Formular. Üppiger ausgestattete Flash-Frontends hebeln diese Definition bereits aus, da der Flash-Code im Browser auf dem Client-Rechner ausgeführt wird. Ein Online-Spiel, das auf dem Server die Züge der Gegner berechnet und die Darstellung der Szene komplett dem Browser überlässt, ist ein Grenzgänger. Java-Applets sind keine SaaS, da sie auf den eigenen Rechner heruntergeladen und lokal ausgeführt werden, wenn auch ohne Installation.
Aus Anwendersicht ist diese Unterscheidung spitzfindig. Egal, ob mit Ajax, Flash, Java oder Silverlight – im Folgenden wird von Programmen die Rede sein, die ohne Installation im Browser starten und sich trotz aller Unterschiede einigermaßen wie lokal installierte anfühlen.
Web-Anwendungen haben gegenüber Desktop-Installationen den Vorteil, dass sie immer auf dem neuesten Stand sind, denn der Anbieter aktualisiert und wartet die Software auf seinem Server. Der Endanwender wird beim Start weder mit Update-Popups belästigt, noch läuft er Gefahr, mit einem hoffnungslos veralteten Programm unterwegs zu sein.
Ein Kessel Buntes
Das Web steckt voller witziger bis absurder Angebote. Beim Online-Karaoke per Webcam und Mikrofon stellt man sich dem Urteil einer netzweiten Jury aus anderen Benutzern (c't 14/08, S. 208: www.talentrun.de und www.mikestar.com). Ăśber einen eigenen Radiosender im Netz berichtet man live per Telefon (c't 12/08 S. 198: www.1000mikes.com). An eine virtuelle WG-KĂĽhlschranktĂĽr kann man Fotos und Notizen heften (www.magnoto.de).
Wer gerne selbst kreativ wird, kann Phantombilder (c't 6/08, S. 226: http://flashface.ctapt.de) oder animierte Flash-Cartoons (c't 20/08, S. 204: www.goanimate.com) zusammenklicken, puzzelt aus Mosaiksteinchen im Web den eigenen TrueType-Font zusammen (c't 17/08, S. 198: http://fontstruct.fontshop.com) oder fĂĽgt Buchstaben zu typographischen Illustrationen (c't 16/08, S. 196: robotype.net/#). Im Web kann man die Diaschau fĂĽr den privaten Bilderabend zusammenstellen und online freigeben (c't 17/08, S. 198: http://slideshine.de) oder Vokabeln trainieren und mit richtigen Antworten Sponsoren dazu bringen, fĂĽr Hungerregionen der Welt zu spenden (c't 12/08, S. 198: www.freerice.org).
Das komplette Angebot der Browser-Anwendungen passt längst nicht mehr in einen einzigen c't-Artikel, deshalb haben wir uns beliebte, bekannte und erstaunliche Beispiele angesehen. Darunter finden sich außer den bereits Genannten Vertreter für Mind-Mapping und die Steuererklärung, für Aufgaben aus der Kreativabteilung wie Zeichnen und Web-Design, ferner PDF- und Multimediakonverter, Virenscanner sowie Online-Desktops. Über www.heise.de/software/download/liste_6 erreichen Sie alle hier vorgestellten Web-Dienste im Software-Verzeichnis. Die meisten lassen sich kostenlos ausprobieren. Sie laufen plattformübergreifend in Firefox und im Internet Explorer. Safari und Opera machen zuweilen Probleme.
Was strenggenommen auch eine Web-Anwendung, aber landläufig bekannt ist, wie Suchmaschinen, Web-Mailer, Kartendienste, soziale Netzwerke und Blogging-Plattformen, sparen wir an dieser Stelle aus. Online-Spiele kommen ab Seite 128 in c't 23/08, Business-Lösungen ab Seite 132 in c't 23/08 zur Sprache.
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 23/2008.
| "Software im Browser" | |
| Artikel zum Thema "Software im Browser" finden Sie in der c't 23/2008: | |
| Web-Anwendungen konkurrieren mit lokalen Programmen | S. 118 |
| Browserspiele mit wachsenden Fangemeinden | S. 128 |
| Unternehmensanwendungen aus dem Netz | S. 132 |
Vorsicht im Umgang mit Web-Diensten
Die Web-Anwendung ist überall präsent, wo ein Netzzugang besteht und hält auch die persönlichen Dokumente online vor. Das ist praktisch. Allerdings muss man sich überlegen, ob man den Anbietern von Web-Diensten vertraut. Schließlich läuft der gesamte Datenverkehr über ihre Server. Anbieter wie Amazon, Google und SchülerVZ geraten in die Kritik, weil sie private Daten sammeln und auswerten. Adobe behielt sich beim Start von Photoshop Express in den Nutzungsbedingungen noch das Recht vor, Fotos zu verändern und weiterzuverkaufen. Nach negativem Echo von Datenschützern und Medien änderte der Anbieter die AGBs. Wer sich über die Absichten des Anbieters nicht im Klaren ist, sollte ihm nicht gerade private Fotos oder sensible Dokumente überlassen.
Auch wenn der Anbieter tadellos ist, besteht immer noch die Gefahr, über einen Man-In-The-Middle-Angriff von Dritten belauscht zu werden. Das Passwort übertragen einige Dienste wie Photoshop Express, Buzzword, Google Text & Tabellen, Zoho und Mindmeister SSL-verschlüsselt über das HTTPS-Protokoll. Viele andere übermitteln es im Klartext. Als Passwort sollte man also nicht gerade das des E-Mail-Zugangs verwenden. Aber auch SSL-Verschlüsselung wiegt den Anwender häufig in trügerischer Sicherheit: Im Test von Online-Backup-Lösungen (c't 12/08, S. 124) ließ sich die Datenverschlüsselung vierer von sechs Anbietern mit einem selbst ausgestellten Zertifikat austricksen.
Außerdem gilt: Das Internet vergisst nichts! Es gestaltet sich oft unmöglich, ein Bild oder Dokument, das man einem Dienst anvertraut hat, wieder aus dem Verkehr zu ziehen. Häufig löscht der Anbieter nur die URL, nicht die Daten. Das Foto auf privat zu setzen hilft nicht, denn solche Einstellungen lassen sich häufig mit einfachen Mitteln umgehen. Einige Anbieter spezialisieren sich darauf, soziale Netzwerke zu durchforsten und sensible Fotos zu archivieren, während andere wie Reputationdefender.com, diese Fotos wieder aus dem Verkehr ziehen. Die Gefahr, selbst Daten in Umlauf gebracht zu haben, ist weitaus höher, als von Fremden belauscht zu werden. Grundsätzliche Regel im Umgang mit öffentlich zugänglichen Diensten sollte sein: Stelle nichts online, was du nicht auch am Bahnhof plakatieren würdest. (akr)