Roboter schieĂźen scharf
In Bad Godesberg haben Vertreter von Bundeswehr, Industrie und Forschung den militärischen Einsatz unbemannter Systeme diskutiert.
- Hans-Arthur Marsiske
Einen Sinneswandel habe es nicht gegeben, erklärten Vertreter der Bundeswehr beim Forum "Unmanned Vehicles" in Bonn-Bad Godesberg. Gleichwohl fiel auf, dass gerade die Referenten der Streitkräfte während der zweitägigen Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) sehr viel offener und selbstverständlicher über die Bewaffnung unbemannter Systeme gesprochen haben als noch vor wenigen Monaten. Im Mai 2006 hatte Brigadegeneral Reinhard Kammerer vom Führungsstab des Heeres jedenfalls gesagt, das europäische Militär habe für bewaffnete Roboter bislang keinen Bedarf angemeldet. Und so hatte der stellvertretende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Günter Weiler, im vergangenen Juli bei der europäischen Leistungsschau Robotik (Elrob) erklärt, bewaffnete Systeme würden derzeit bewusst nicht angestrebt.
Das klang jetzt auf der von etwa 400 Teilnehmern besuchten Vortragsveranstaltung schon ganz anders. Ullrich Heym, Referatsleiter beim Bundesministerium der Verteidigung, stellte gleich in seinem Eröffnungsvortrag fest, dass die unbemannten Fluggeräte (UAV – Unmanned Aerial Vehicle) sich derzeit in einem Prozess der Erweiterung durch bewaffnete Systeme befinden. Sein Kollege Oberst Michael Färber sprach anschließend etwas verklausuliert von "Wirkmitteln" als möglicher Zuladung für unbemannte Systeme. Dafür nannte Joachim Kimpel vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung klar und deutlich die "Einrüstung letaler Waffen" als eine Option für unbemannte Seefahrzeuge.
Einen Sinneswandel hat es also offensichtlich doch gegeben, wenn nicht hinsichtlich der Bewaffnung unbemannter Systeme, dann zumindest hinsichtlich der Frage, ob in der Öffentlichkeit darüber diskutiert werden darf. Die neue Offenheit kann nur begrüßt werden. Die in dieser Angelegenheit zur Schau getragene Zurückhaltung des deutschen Militärs hätte ohnehin kaum noch jemand geglaubt.
Schließlich sind bewaffnete unbemannte Plattformen bei anderen Armeen längst im Einsatz. So wurde der Terrorist Abu Musab al-Zarqawi 2006 im Irak in einem fahrenden Auto durch eine vom unbemannten US-Flugkörper Predator abgefeuerte Hellfire-Rakete getötet. Auch an der Zerstörung eines Hauses in einem pakistanischen Dorf einen Tag nach Barak Obamas Amtsantritt als neuer US-Präsident, bei der 22 Menschen ums Leben kamen, dürfte dieses Waffensystem beteiligt gewesen sein.
Die Hauptaufgabe unbemannter Systeme ist indessen Aufklärung und Überwachung. Allerdings lieferten diese Drohnen auch früher schon die Zielkoordinaten für weiter entfernte Raketenbasen und Artillerie. Die Geschosse stattdessen von dem unbemannten Fluggerät direkt abzufeuern, ist eine im Sinne der militärischen Logik eigentlich unausweichliche Konsequenz, da sie das Fähigkeitsspektrum der Streitkräfte erweitert. Ein bewegliches Ziel wie ein fahrendes Auto wäre auf andere Weise kaum zu treffen.
Neben dem Schutz der Soldaten geht es bei der Einführung unbemannter Systeme vor allem um die Erweiterung der Fähigkeiten. Das betonten mehrere Redner beim DWT-Forum und nannten wiederholt die "asymmetrische Bedrohung" etwa durch Selbstmordattentäter, die verstärkte Aufklärungs- und Überwachungsaktivitäten erfordere. Joachim Kimpel etwa brachte das Beispiel eines in einem Hafen stationierten Militärschiffs, das auf Angriffe durch mit Sprengstoff gefüllte Boote vorbereitet sein müsse. "Mit Technik allein ist diese Bedrohung nicht zu erkennen", so Kimpel. "Sie muss aus den Kontakten herausgefiltert werden." Hierbei sollen "abgesetzte Sensorträger" helfen. Dazu zählen unbemannte Vehikel, die sich sowohl auf der Wasseroberfläche (USV – Unmanned Surface Vehicle) als auch unter Wasser (UUV – Unmanned Underwater Vehicle) bewegen können.
Insbesondere bei Unterwassersystemen gibt es einen starken Entwicklungsdruck hin zu autonomen Funktionen, da die Kommunikation mit den Plattformen und damit auch deren Fernsteuerung ansonsten sehr schwierig ist. Einsatzreife militärische AUVs (Autonomous Underwater Vehicle) gebe es jedoch noch nicht, sagte Jörg Schmidt vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung. Er berichtete von einer Kooperation mit Singapur, wo in die Kaimauer des Hafens Unterwassergaragen gebaut werden sollen, um von dort aus mit Robotern eine kontinuierliche Überwachung des potenziellen Angriffsziels zu gewährleisten. Die angestrebten autonomen Funktionen solcher Unterwasserwächter beinhalten Hindernisvermeidung, die automatische Identifikation und Klassifikation von Kontakten und die missionskonforme Reaktion auf unerwartete Ereignisse. Auch der Einsatz in Schwärmen und Verbänden ist ein Ziel der Entwickler.
Wenn es um die rasche Reaktion auf Bedrohungen geht, sind USVs den Unterwasservehikeln klar überlegen. Danny Anbary von der israelischen Firma Elbit Systems präsentierte das System Silver Marlin, ein 45 Knoten schnelles Boot, das Zielkoordinaten an die Kontrollstation übermitteln, mit einem 7,62-Millimeter-Maschinengewehr aber auch selbst das Feuer eröffnen kann. Anbary demonstrierte diese Fähigkeiten mit einem mit martialischer Musik unterlegten Promotionsvideo. Auf Nachfrage versicherte er, dass das Gewehr über einen eigenen Kommunikationskanal ausgelöst werde. Das Boot könne autonom vorgegebene Koordinaten ansteuern und sich an Wind und Wellen anpassen. Vergleichbare Systeme sind in Deutschland noch in der Entwicklung. Dazu zählen RoboShip von der Firma Rheinmetall und das von der Veers GmbH entwickelte Seewiesel II.
Am weitesten von der Einsatzreife entfernt sind derzeit noch die Landsysteme. Anders als die Luft- und Wassersysteme bewegen sie sich nicht in einem homogenen Medium und müssen sich in einer sehr unstrukturierten Umgebung orientieren. Oberst Ulrich Pohl vom Heeresamt in Köln räumte ein, dass "manche funktionelle Forderungen nicht zeitnah realisierbar" seien, namentlich autonome Funktionen. Das habe insbesondere die Elrob gezeigt, Pohl zufolge ein "wesentlicher Meilenstein". "Langfristig wird am Ziel Autonomie festgehalten", so Pohl. "Doch der Schutz der Soldaten hat Priorität."
Zu den kurzfristig realisierbaren Landsystemen zählt Axel Stephenson vom Streitkräfteamt in Bonn unbemannte Transportsysteme. Tatsächlich sind Techniken etwa zum automatischen Konvoifahren von Kfz-Herstellern bereits recht weit entwickelt. Allerdings gab Stephenson zu bedenken: "Was hier auf einer Autobahn realisiert werden kann, ist nicht das, was wir brauchen."
Jens Hanke von der Firma Robowatch nannte als Probleme, mit denen Konvois etwa in Afghanistan rechnen mĂĽssten, Sichtbehinderungen durch Staub oder GPS-Abschattung in Schluchten. Das von Robowatch entwickelte Autonomous Transport Kit will Fahrzeugkolonnen durch das Ausbringen einer speziellen FlĂĽssigkeit durch das FĂĽhrungsfahrzeug zusammenhalten, analog zur Markierung von AmeisenstraĂźen durch Duftstoffe. Eine erste VorfĂĽhrung des Systems ist fĂĽr Mai geplant.
In der Diskussion von Hankes Beitrag konnte ein Missverständnis ausgeräumt werden. Manche Forumsteilnehmer hatten sich gefragt, ob ein automatisierter Konvoi nicht ein leichtes Ziel für Überfälle wäre. Daraufhin erklärte ein Bundeswehrvertreter, dass auch Konvois mit unbemannten Fahrzeugen weiterhin durch bemannte Fahrzeuge geschützt würden. Auch ein Sanitätsfahrzeug gehöre immer dazu. Für den Schutz der Soldaten sei es jedoch ein großer Vorteil, wenn Munitions- und Kraftstofftransporter keine Fahrer mehr bräuchten.
Zukünftig, das legt die Entwicklung bei Wasser- und Luftsystemen nahe, dürften aber wohl auch unbemannte Landfahrzeuge zunehmend über Bewaffnungen zum Selbstschutz verfügen. Auch wenn heute noch niemand öffentlich darüber reden mag. (anw)