Lob der Langsamkeit

IT-Pionier Niklaus Wirth empfiehlt Software-Entwicklern, sich mehr Zeit zu nehmen. Die Industrie will davon nichts wissen.

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IT-Pionier Niklaus Wirth empfiehlt Software-Entwicklern, sich mehr Zeit zu nehmen. Die Industrie will davon nichts wissen.

CeBIT 2016 - Dutzenden von Rednern, die mir den neusten Hype verkaufen wollen: disruptive Innovation, die D-Conomy, das Internet of Everything und was der Buzwwords noch mehr sind. Ausgerechnet in dieser PR-Maschine, die mit Hochgeschwindigkeit um sich selber kreist, treffe ich einen Mann, der das Lob der Langsamkeit verbreitet - den Nutzen des grĂĽndlichen Nachdenkens predigt.

Niklaus Wirth, Pionier der Informatik, hat bereits 1961 seinen ersten Compiler geschrieben - als die meinsten Leute das Wort Computer noch nicht mal kannten. Bekannt wurde Wirth aber vor allem damit, dass er die Programmiersprache Pascal geschaffen hat, was ihm 1984 den Turing Award eintrug - die höchste Auszeichnung in der Informatik.

"Wenn man heute über die CeBIT geht, da kommt man schon ins Staunen", sagt Wirth, der wenig später über den "Digitalen Wandel aus der Sicht der Wissenschaft" sprechen soll. "Aber ich bin sicher, es wäre möglich rascher und sicherer zu Fortschritt zu gelangen, als wir das heute tun", ergänzt er. "Wenn man sich nur Zeit ließe, in Ruhe nachzudenken, und die Dinge wirklich zu Ende zu konstruieren." Die aber werde den jungen Software-Entwicklern heute nicht mehr gelassen, klagt Wirth. "Alles dreht sich nur noch ums Geld".

Wie war. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich nicht über "Bananen-Software" ärgere. Produkte, die ganz offensichtlich "grün" ausgeliefert werden, und beim Kunden nachreifen. In Kombination mit Callcentern und Unternehmen, die sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, ist das die Pest des 21- Jahrhunderts: Amazons Videodienst zum Beispiel, kann ich trotz 50-Megabit-Internetzugang auf unserem Smart-TV nicht nutzen - weil die Amazon-App offenbar nicht richtig mit der Firmware des Fernsehers zusammenspielt. Das vermutet jedenfalls der Amazon-Kundendienst. Genaues weiß er auch nicht und muss schnell wieder auflegen, weil schon der nächste Kunde in der Warteschleife hängt.

Dabei ist das alles eigentlich ganz logisch: Wer wenig Aufwand in die Entwicklung steckt, muss später mehr Aufwand bei der Fehler-Behebung betreiben. Das kostet Geld. Wer das nicht ausgeben will, muss also vorher mehr Aufwand treiben. Programmieren sei dazu da, "Disziplin in das Denken zu bringen", sagt Wirth. "Eine gute Programmiersprache muss einen dazu zwingen, jede unnötige Kompliziertheit zu vermeiden. Denn nur wenn Sie ein System überblicken können, können sie es auch wirklich beherrschen".

Was die versammelten Unternehmer dazu sagen, mit denen er jetzt zur CeBIT gereist ist, will ich von Wirth wissen. "Was die dazu sagen"? Der bärtige alte Mann lächelt spitzbübisch."Für so etwas haben wir keine Zeit, Herr Wirth". Keine weiteren Fragen. (wst)