Kräutergarten im Supermarkt

Wenn es nach einem Start-up geht, wachsen Nahrungsmittel kĂĽnftig direkt in ihrer Verkaufsstelle.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 3 Min.

Infarm, eine junge Firma aus Berlin, will den Trend zu lokal produzierten Lebensmitteln, der sich auch in Deutschland mehr und mehr durchsetzt, auf die Spitze treiben: Das Start-up hat eine Pflanzenzuchtstation entwickelt, die sich direkt in Supermärkten installieren lässt.

So soll frisches Gemüse künftig in den Verkaufsstellen gezogen werden und somit keine unnötigen Wege mehr zurücklegen müssen. Klimagase fallen nur in der Produktion an, sollte der notwendige Strom nicht CO2-neutral hergestellt werden. Lkws mit der Tagesproduktion oder im Lieferverkehr müssen nicht mehr bewegt werden.

Soll lecker schmecken: Infarm-Produkt.

(Bild: Infarm)

Dass das tatsächlich funktioniert, zeigt ein Demonstrator im Live-Betrieb. In einer Berliner Filiale des Cash & Carry-Großmarkts Metro steht der sogenannte Kräutergarten bereits. Das System basiert auf dem gärtnerischen Ansatz des Vertical Farming, bei dem verschiedene Gemüse- und Kräutersorten auf verschiedenen "Etagen" platzsparend produziert werden.

Das Praktische daran: Die Umweltbedingungen in solchen Minigewächshäusern lassen sich bis ins Detail steuern – vom zugegebenen Wasser über die energiesparende Bescheinung mittels LED-Leuchten bis hin zu Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftaustausch. Eine Steuerung der Anlage ist über eine App möglich, die Infarm entwickelt hat. Sie soll es auch Menschen ohne grünen Daumen – in diesem Fall ganz normalen Supermarktangestellten – erlauben, die Zucht sowie die Ernte ohne große Mühen oder Einweisungen zu betreiben. Eines Tages könnte der Kräutergarten auch bei Kunden zuhause stehen. Auch Restaurants sind eine interessante Zielgruppe für die Firma.

Metro-Märkte wenden sich vor allem an Händler und Selbständige.

(Bild: Metro)

Das Ziel von Infarm ist es, die Nahrungsmittelproduktion zu dezentralisieren. Der Kräutergarten soll im Vergleich zur regulären Produktion auf dem Feld bis zu 90 Prozent weniger Wasser und 70 Prozent weniger Dünger benötigen. Die Anlage bei Metro hat eine Grundfläche von nur fünf Quadratmetern, passt also in einen Bereich, in dem sonst ein Verkaufsregal stünde.

Pestizide müssen dank der kontrollierten Umgebung gar nicht erst eingesetzt werden, was die Qualität und den Geschmack des Endprodukts verbessert und unerwünschte Rückstände vermeidet.

Infarm-Anbau in einer Metro-Filiale.

(Bild: Infarm)

Das Start-up existiert seit 2013 und hat Fördergelder von der EU sowie von Angel-Investoren eingesammelt. Die Zucht erfolgt auf einer dünnen Wasserschicht, die mit Dünger und Sauerstoff durchsetzt ist. LEDs ersetzen das Sonnenlicht. Eine Sensorik kontrolliert die Umweltbedingungen und hilft dabei, die Zucht feinabzustimmen.

Infarm will durch die Indoor-Pflanzenzucht auch dabei helfen, wieder mehr Naturräume zu schaffen – für Wälder etwa, die bekanntlich weltweit aufgrund landwirtschaftlicher Nutzung Jahr für Jahr mehr Fläche einbüßen. "Wenn jede Stadt auf dem Planeten nur zehn Prozent ihres Gemüses in Innenräumen anbauen würde, könnten wir 880.000 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche zurück in Wälder verwandeln." Das wiederum würde – rein rechnerisch – so viel CO2 aus der Atmosphäre ziehen, dass die Werte des Jahres 1980 erreicht sind. (bsc)