Elektronisches Publizieren stellt Buchmarkt vor neue Herausforderung
So langsam dämmert es den bislang noch zurückhaltenden Verlagen und Buchhändlern, dass sie sich auf die neuen elektronischen Möglichkeiten wie E-Books und Books on Demand einstellen sollten.
Die digitale Technik stellt den Buchmarkt vor neue Herausforderungen. So langsam dämmert es den bislang noch zurückhaltenden Verlagen und Buchhändlern, dass sie sich auf die neuen elektronischen Möglichkeiten wie E-Books (elektronische Bücher) und Books on Demand (BoD, Buchdruck auf Anforderung) einstellen sollten, wenn sie nicht den Anschluss verpassen wollen. Das elektronische Publizieren war daher auf der Frankfurter Buchmesse, die morgigen Montag zu Ende geht, eines der am meisten diskutierten Themen.
Content Syndication lautet das neue Zauberwort der Branche: Die Mehrfachverwertung von einmal digitalisierten Inhalten als Buch, Taschenbuch, CD-ROM, Hörbuch oder auch Film verspricht größtmöglichen Ertrag, und in dieser Kette bilden E-Books und Books on Demand neue Verwertungsglieder. Immer mehr Unternehmen entstehen, die Software für das Herunterladen und Lesen von E-Books am PC erstellen oder PC-unabhängige Lesegeräte für E-Books anbieten.
Mit BoD-Digitaldruck lassen sich relativ günstig kleinste Auflagen herstellen, so dass auch Hobby-Autoren ohne Verlag ihre Werke gedruckt in Händen halten können. "Books on Demand werden für Spezialauflagen unter 500 Exemplaren oder zum Wiederauflegen vergriffener Titel in wenigen Jahren Standard bei vielen Verlagen sein", glaubt der Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Eugen Emmerling. Mittlerweile gibt es auch so genannte Individualbücher, die genau nach den Wünschen des Bestellers produziert werden. So bietet Booktailor.com maßgeschneiderte Reiseführer an, und bei einigen Internet-Buchhändlern gibt es Geschenkbücher zum Geburtstag oder zur Hochzeit mit einem individuellen Glückwunschtext des Bestellers.
Bislang stoßen E-Books und Books on Demand allerdings noch auf kein sehr großes Leserinteresse. Daher scheuen viele Verlage noch vor den hohen Investitionen zurück, die der Einstieg in die digitale Buch- und Informationswelt erfordert. "E-Books haben eine große Zukunft – aber keiner weiß, wann sie wirklich beginnt", brachte das Wall Street Journal kürzlich die Lage auf den Punkt. In Deutschland werden unter dem Namen Rocket eBook seit Juni Lesegeräte verkauft, die man im Internet mit bis zu 50 digitalisierten Büchern speisen kann. Bei einem Preis von 675 Mark haben nach Angaben des Anbieters Gemstar bisher 500 Leser zugegriffen. Dass es noch nicht mehr sind, liegt außer am hohen Preis auch an fehlendem Lesestoff: Bislang bieten erst 50 der 2.000 deutschen Verlage Titel an. Insgesamt gibt es derzeit erst rund 600 elektronische Bücher.
Als Vorteil für die Verlage preist Gemstar-Sprecher Gerd Ribbeck den Kopierschutz der Lesegeräte: E-Books für das Rocket eBook können nicht weitergegeben oder verliehen werden, sie sind immer nur auf dem individuellen Gerät lesbar, für das ein Anwender sie gekauft hat. Die nächste Geräte-Generation, die im Frühjahr auf den deutschen Markt kommen soll, habe zudem integrierte Modems. "Die können Sie direkt an die Telefonbuchse anschließen. Sie brauchen keinen Computer und kein Internet mehr."
Eines der beiden neuen Geräte biete einen hoch auflösenden Farbbildschirm, auf dem auch Tabellen, Bilder und Grafiken besser lesbar sein sollen als bisher. Damit sollen E-Books auch für Leser wissenschaftlicher Zeitschriften und Fachbücher interessant werden. Denn anders als viele Belletristik-Verlage haben die großen Wissenschaftsverlage das elektronische Publizieren bereits für sich entdeckt. Für sie bietet das Internet den Vorteil, einzelne Artikel oder komplette Zeitschriften schon vor Erscheinen des gedruckten Heftes weltweit verbreiten zu können. Der wissenschaftliche Springer-Verlag (Heidelberg) etwa stellt bereits 98 Prozent seiner rund 500 Zeitschriftentitel ins Netz.
Ein Problem ist jedoch der mangelnde Urheberrechtsschutz. "Das Internet ist kein anarchistischer Raum, wir brauchen verlässliche Spielregeln", fordert Wolfgang Scheuren vom Arbeitskreis Elektronisches Publizieren im Börsenverein. Bislang gebe es noch keine Verschlüsselungstechnik, die Autoren und Verlagen zuverlässigen Schutz vor Internet-Piraterie biete.
Noch ist auch nicht klar, welche Form des E-Book-Lesens sich durchsetzen wird: Die Lektüre auf PC oder Laptop oder aber auf einem separaten Gerät wie den E-Book-Readern. "Der Computer ist ein Gerät, mit dem man arbeitet, aber nicht seine Freizeit verbringt. Deshalb braucht man ein zusätzliches Gerät", meint der Gemstar-Sprecher. Medientheoretiker zeichnen ein anderes Szenario: Sie glauben, "dass wir vor demselben Bildschirm zukünftig unsere Arbeit erledigen, unseren Haushalt organisieren und unsere Freizeit gestalten werden. Im Internet werden wir lesen und Radio hören, sowohl fernsehen wie mit unseren Nachbarn plaudern, natürlich Reisen planen, Autos kaufen und Videos ordern, aber auch der jüngsten Einspielung von Mahlers 9. Symphonie lauschen." (Nicola Prietze, dpa) (jk)