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Was war. Was wird. Von enthemmten Mittelschichten und Hilfs-Bundesinnenministern

Radikale Absteiger sind sie, diese Mittelschichtler. Gut, dass sie einen Innenminister haben, der auf alle aufpasst. Doch auch dem muss man auf die Finger schauen. Hal Faber rechnet mal nach.

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Was war. Was wird. Von enthemmten Mittelschichten und Hilfs-Bundesinnenministern
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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tuen könnten, war eine erschütternde Erfahrung. [...] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Lagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?“

Das Flüchtlingsdrama geht weiter mit neuen Rekordzahlen aus dem Mittelmeer, mit Berichten über grundrechtsverletzende Ausbootungen unter Aufsicht von Frontex und natürlich mit Konferenzen, in denen über Flüchtlingsquoten verhandelt wird. 100 Flüchtlinge pro Tag aus den türkischen Lagern, das kann Europa gerade noch verkraften, aber wehe, es sind zwei mehr, dann ist das Drama da.

*** Mittenmang in dieser Situation zerbricht der gehätschelte deutsche Mittelstand. Da sind die Bürger, die das Geschehen als Chance begreifen und helfen, die Sprachkurse geben und jede Menge Apps für Flüchtlinge entwickeln. Dafür werden sie vom Bundesinnenminister gelobt, der ihnen dieses Foto zeigt. Wir sehen acht Männer, kurz bevor sie in ein Boot steigen, um über das Mittelmeer zu kommen. Fünf von ihnen, rund 70 Prozent, hantieren dabei mit Smartphones.

*** Aber da sind auch die anderen in der Mittelschicht, die von der Statuspanik befallen sind. Besagter Thomas de Maizière ist in diesen Tagen der wichtigste Vertreter des sich selbst radikalisierenden Mittelstandes, wenn er davon fabuliert, dass 70 Prozent der männlichen Flüchtlinge von Ärzten krank geschrieben werden. Mit großer Mühe hat sein Ministerium diesen Unsinn zurechtgetwittert und von "spotlight-artigen" bis zu 70 Prozent gesprochen. Ja, wo das Smartphone nicht ausreichend Licht liefert, da muss schon ein greller Scheinwerfer her, gerichtet auf eine kleine Unterkunft. Und schwupps, ist bei fünf von acht untersuchten Flüchtlingen die geforderte Prozentigkeit erreicht. Und schwupps, ist de Maizière nach Frankreich entschwunden, zu einer Kabinettsitzung und der deutschen Fußballnationalmannschaft. Die in Evian logiert, dort, wo die Flüchtlingskonferenz von 1938 so kläglich scheiterte. Das Eingangszitat dieser Wochenschau stammt von Golda Meir, lediglich das Wort Konzentrationslager wurde von mir verändert.

*** Die Angst des besitzenden Mittelstandes treibt auch einen de Maizière um, weshalb er neben der 70-prozentigen Fehlleistung im Interview auch über eine Wachpolizei spekulierte und Videoüberwachung als "Element gegen die Einbruchskriminalität" in die Vorstädte bringen will: "Es gibt aber die Möglichkeit, auch Kreuzungen in Einfamilienhaussiedlungen zum Kriminalitätsschwerpunkt zu erklären und dort öffentliche Kameras zu installieren." Ein beruhigender Vorschlag, zu dem sicher eine ordentliche Deklaration gehört, was die Kameras alles können sollen. Sonst müssen sie, wie im schönen Hannover geurteilt, abgebaut oder dürfen erst gar nicht wie in Berlin aufgestellt werden. Viel beunruhigender sind scheinbar liberale :Kommentare wie der von Heribert Prantl zum Einbruchsproblem, wenn es unter Berufung auf Horst Herold heißt:

*** Wenn Einbrecher immer organisierter vorgehen, muss das auch die Polizei tun. Als einst Horst Herold, Präsident des Bundeskriminalamts zu RAF-Zeiten, in Nürnberg Polizeipräsident war, ließ er die Straftaten so penibel auswerten, dass er vorhersagen konnte, wo die nächsten passieren. Das heißt: Es kann im Idealfall die Polizei schon vor den Tätern da sein.

Da ist er wieder, der Traum des Predictive Policing mit seiner Theorie von den near repeats und integrierten Suchfunktionen in der Social Media-Abteilung des Internet. Die Maßnahmen werden etwa in NRW als "Erfolg" ausgegeben, die Versuche auf andere Städte ausgeweitet, obwohl es vor 2017 keine Zahlen gibt und wissenschaftliche Studien Mangelware sind. Bei der vorgeschlagenen Wachpolizei ist man eigentlich schon schlauer und weiter, erinnert sei an die Freiwillige Polizei-Reserve in Berlin, bestückt mit Law and Order-Typen aus der rechtsradikalen Szene. Nein, hier muss man dem Bundesinnenminister kein rechtes Gedankengut unterstellen. Der Trick, mit Angestellten Polizeibeamte zu ersetzen, ist ökonomisches Kalkül und nur die Vorstufe für den Wachauftrag für private Sicherheitsdienste, damit der Mittelstand in seinen Einfamilienhausssiedlungen besser schlafen kann und nicht zur AfD rübermacht. Diese Form Haushaltsentlastung könnte man noch optimieren: Wie wäre es mit Hilfs-Bundesinnenministern, schnell an der VHS ausgebildet, mit einem zertifizierten Abschluss in Prozentrechnung?

*** Bei der privaten Sicherheitsfirma 4GS, ehemals als Falck Group bekannt, hat der Amokläufer gearbeitet, der am Sonntag in Orlando 49 Menschen erschoss. Angeblich gibt es einen islamistischen Hintergrund mit Bezug auf den Anschlag in Boston, vieles deutet jedoch auch darauf hin, dass ein misslungenes Coming-Out ein Grund sein könnte, von einem, der die zum Coming-Out nötige Übereinstimmung mit sich selbst nicht zulassen wollte. Kurz vor dem Christopher Street Day steht die LBGTTIQ*-Community unter Schock, wird den Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender-, Intersexuell-, Queer oder unbestimmtwollenden Menschen die Haut vom Leibe gezogen, in einem Stück. Die Zeiten für Minderheiten sind schlechter denn je und "schwule Orte" sind wieder ein Stück in das gesellschaftliche Abseits gerückt und in der Community wachsen die Ängste. Auch der Mord an Jo Cox könnte in diese schlimme Richtung zeigen, schließlich verurteilte sie die Bigotterie der britischen Regierung gegenüber der LBGTTIQ* -Community. Gegen die Fanatiker, die Amerika, Britannien, Deutschland oder einen Islamischen Staat wieder groß machen wollen, muss der Schutz der Menschenrechte und der Grundrechte für alle gelten.

Was wird.

Bei Microsoft gibt es eine Firmenbibel, das Buch Exponential Organisation von Salim Ismail, Michael Malone und Yuri van Geest. Wer diese MTP-Prediger (Massive Transformative Purpose) liest, bekommt eine Ahnung davon, dass der Kauf von LinkedIn mehr ist als der letzte Versuch, Karlchen Klammer mit berufsbegleitenden Tipps zu neuem Leben zu erwecken. Auch die Vision von einem netten Bluescreen mit der Aufforderung von Karlchen "Ich möchte Sie gerne zu meinem beruflichen Netzwerk auf LinkedIn hinzufügen" wird es so nicht geben.

Während heise online weiter unverdrossen den 20. Geburtstag feiert und sich die Riesensause am Ententeich nähert, ist es der 10. Geburtstag vom Web 2.0 eher einer von der stillen Sorte. So viel gibt es da nämlich nicht zu feiern, nicht nur wegen Hass und Trollerei, das zeigt die Juni-Ausgabe von First Monday. Aus dem Mitmach-Web ist ein Ablausch-Web geworden, im doppelten Sinne, denn NSA & Co sind mit von der Partie. Die Blogosphäre ist kommerzialisiert und ausgetrocknet, der Online-Aktivismus hat sich immens verbreitert, doch führte er nicht zum erhofften zivilgesellschaftlichen Widerstand. Zehn Jahre nach dem Start vom Web 2.0 ist das Rechnen in Beständen angesagt, gewinnt das Netzwerken eine immense Bedeutung für alle, die ihren Job-Status in Gefahr sehen.

Es gibt Länder wie Kanada, in denen eine Jobsuche ohne LinkedIn-Profil nicht mehr möglich ist, wenn es um mehr als eine Praktikantenjob geht. Aus dieser Sicht ist das Andocken von LinkedIn bei Microsoft der erste Schritt zu einem "Social Credit System", wie es in China aufgebaut wird. Die Verbesserung des gegenseitigen Vertrauens bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, einem neuen Kunden oder Geschäftspartner ist doch ein wunderbarer Ansatz, für den man vielleicht noch eine Drogen- und Finanzkontrolle braucht. Das mögen nicht alle so sehen. Darum, ganz im Sinne der anstehenden Party: Kopf hoch! Es gab schon immer lustige Kommentare.

(vbr)