Die meisten Staaten nicht gegen Cyberkriminalität gewappnet
Eine Studie, die die Strafgesetze von 52 Staaten auf ihre Tauglichkeit für die Abwehr von Cyberkriminalität untersuchte, kam zu erschreckenden Ergebnissen.
Im Oktober hatte Bundesinnenminister Otto Schily bei einem Treffen von Experten aus den G8-Staaten zu "Sicherheit und Vertrauen im Cyberspace" bemängelt, dass es derzeit auf internationaler Ebene an umfassende Antworten auf die Kriminaliät im Internet fehle. Ob diese Behauptung stimmt, wurde nun in einer Studie des Washingtoner Consultingunternehmens McConnell International untersucht, die ein Netzwerk für die Vereinten Nationen betreibt, in denen sich offizielle Internetbeauftragte verschiedener Länder zusammengefunden haben. Hierzu wurden zehn verschiedene Arten von Cyberkriminalität in die vier Kategorien "Datenbezogene Vergehen", "Netzwerk-Kriminalität", "Zugangserschleichung" und "Mittäterschaft zu Cyberstraftaten" eingeteilt und geprüft, wieviele davon tatsächlich von den Strafgesetzen von 52 Staaten erfaßt werden.
Heraus kam schließlich, dass es 33 Nationen bis heute versäumt haben, überhaupt Strafgesetze für Computerkriminalität zu schaffen. Zehn der übrigen Staaten haben bislang nur nur fünf oder weniger Cybervergehen erfaßt. Gerade einmal neun Länder kannten Tatbestände für sechs oder mehr Computerstraftaten. Die USA kannten immerhin neun von zehn Computervergehen beziehungsweise -verbrechen. "Sieger" wurden jedoch die Philipinen, die als einiger Staat alle zehn Verbrechensarten verfolgen können. Überraschend ist dies allerdings nicht, da die Philipinen ihre Strafgesetze nach dem Vorfall mit dem ILOVEYOU-Wurm im Mai in diesem Bereich verschärft hatten und sich seither damit brüsteten, als einzige Nation für alle Arten von Cyberkriminalität Strafnormen zu besitzen. Daraufhin war die Studie überhaupt erst in Angriff genommen worden.
"Im Cyberspace machen veraltete Gesetze Verbrechen und Strafe zu eher entfernten Verwandten", so das Fazit des Hauptautors des Berichts, Bruce McConnell gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: "Es ist aber allgemein anerkannt, das die Anwendung der Gesetze im Cyberspace eine wichtige Rolle für die Verwirklichung aller Möglichkeiten spielt, die der E-Commerce bietet." Solange Cyberkriminalität nicht grenzübergreifend strafrechtlich erfaßt werde, sei eine internationale Verfolgung unmöglich. Damit könne auch E-Commerce nicht sein volles Potential entfalten.
Denkbar ist durchaus, dass sich Bruce McConnell selbst gerne an die Bewältigung des Problems machen möchte. Der Präsident der gleichnamigen Consultingfirma hatte bereits ein von der Weltbank finanziertes und von den Vereinten Nationen unterstütztes Center geleitet, das internationale Anstrengungen zur Vorbereitung auf das "Jahr-2000-Computerproblem" koordinieren sollte. (nij)