Der Futurist: Fliegende Psycho-Patches
Was wäre, wenn Designer-Drogen legalisiert würden?
John Henderson war ein Entrepreneur, wie ihn das Silicon Valley liebte. Gezielt nachlässig gekleidet, eloquent und nie um Vokabeln wie "disruptive" oder "singularity" verlegen. Er wollte gleichzeitig die Welt retten und reich werden. Fehlte nur noch ein Geschäftsmodell.
Der entscheidende Einfall kam ihm ironischerweise, als sich sein sonst so blitzschneller Verstand gerade auf einem Rückzugsgefecht gegen eine repräsentative Auswahl der hipsten psychoaktiven Substanzen befand. "Diese ganze Digitalisierung ist ja schön und gut", dachte er, sein Hirn schon wohlig umwölkt von synthetischen Neurotransmittern. "Aber was das Leben wirklich besser gemacht hat, sind ja wohl anständige Drogen."
Wie es früher war, kannte er zur Genüge aus den Erzählungen seiner Großeltern: schmierige Dealer an dunklen Straßenecken, fragwürdiger Stoff zu überteuerten Preisen, und dann dieses dauernde Versteckspiel mit der Polizei. Gut, dass die US-Bundesstaaten der Reihe nach nicht nur Cannabis-Produkte, sondern auch die meisten synthetischen Drogen freigegeben hatten. Dank einer lange übersehenen TTIP-Klausel galt das automatisch auch für die EU.
Trotzdem spielte sich das Geschäft weiter vor allem im Dark Web ab. Dort begegnete den Käufern ein unübersichtliches Geflecht aus kleinen Händlern, die Qualität schwankte stark, es fehlten anonyme, aber vertrauenswürdige Bezahlsysteme. Henderson wollte damit aufräumen. Ihm schwebte eine Art Amazon für Bewusstseinserweiterung vor. Er wollte die neuen Designerdrogen bis in den letzten bürgerlichen Haushalt bringen. Dort war der Bedarf in der Tat riesig: Nachdem Alkohol dem Tabak in die gesellschaftliche Ächtung gefolgt war, suchten viele Leute verzweifelt nach einem Mittel gegen ihre lästig klaren Gedanken an langen Abenden.
Mit martialischen Markennamen wie "Headbanger" oder "Moodbooster", mit kontrollierter Qualität zu günstigen Preisen, überrollte Henderson bald den gesamten Weltmarkt. Dazu trug auch bei, dass Kunden die Produkte in Kategorien von "halluzinogene Wirkung" über "Verträglichkeit" bis zu "Preis-Leistungs-Verhältnis" mit Sternchen bewerten konnten.
Nur ein Land konnte Henderson nicht erobern: Mexiko. Dort gab es schon Drogen. Und zwar reichlich. Und einen scharf bewachten Zaun.
Ein erster Versuch, die neuen Psycho-Patches mit Drohnen einzufliegen, scheiterte kläglich. Sämtliche Quadrokopter wurden binnen weniger Tage von mexikanischen Banden abgeschossen. Die Wende brachten erst eigens entwickelte Stealth-Drohnen, die sich nicht mehr so einfach ausmachen ließen. Sie überschwemmten das Land mit preiswerten Pillen aus kontrolliertem Anbau und machten viele alteingesessene Dealer arbeitslos. Das Silicon Valley hat den Drogenkrieg mit Drogen gewonnen (und natürlich mit Technik, Geld und Marketing). Die Drogennutzer wurden dadurch zwar nicht weniger. Wohl aber die Gangster. (grh)