Der Futurist: Die Wunschmaschine

Was wäre, wenn sich der IQ auf Knopfdruck steigern ließe?

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Da liegt er vor mir, der Brain-Booster von General Neuronix. Der mattschwarze Helm ist verblüffend leicht, fast gewichtslos. Die Aerographen-Schale fühlt sich warm an. Sie ist von einem Silizid-Nanogitter durchzogen, das pulsierende Lichtflecken über die Oberfläche irrlichtern lässt. Ein dünnes Kabel verbindet den Helm mit der Controller-Box auf dem Tisch: Ein kleines Kästchen mit Touch-Display, das nichts weiter zeigt als ein Timer-Symbol. Die Uhr steht auf fünf Minuten.

Es war ein hartes Stück Arbeit, dieses Ding zu bekommen. General Neuronix verkauft die Teile nicht einfach so. Jeder Kunde kann nur dann einen einzigen – individualisierten – Brain-Booster kaufen, wenn er sich zuvor erfolgreich beworben hat. Inklusive eines verpflichtenden Beratungsgesprächs.

Keiner weiß so genau, wie dieser Booster funktioniert. 2010 sind die ersten Studien über die positive Wirkung von transkranieller Stimulation auf die geistige Leistung im Internet aufgetaucht. Tausende von Amateuren spielten seitdem mit ihren selbst gebauten Stirnbändern herum. Als sich im Projekt Brain-Hack dann die besten Neuro-Bastler weltweit zusammenschlossen, folg- ten gezielte Studien. Sie variierten systematisch die Pulsform der Stimulation und luden ihre enzephalogra-fischen Muster in die Cloud, um sie von einem tiefen neuronalen Netz analysieren zu lassen.

2018 fand das neuronale Netz erstmals eine Pulsfolge, die das kognitive Potenzial des Menschen optimal ausreizt. Alles wird damit klar, einfach, logisch. Aus A folgt B folgt C folgt D und immer so weiter. Mit dem Brain-Booster können Sie kilometerlange logische Ketten bis zum Ende durchdenken und Dutzende von Abstraktionsebenen miteinander verschachteln.

Der kleine Nachteil: Nach fünf Minuten ist Schluss. Dafür sorgt der Timer. Danach setzt angeblich eine Art Vergiftungseffekt ein, gewissermaßen als Folge einer Überdosis Intelligenz. Jede Menge Leute haben versucht, den Timer zu hacken. Angeblich können Sie die meisten davon im Pflegeheim besuchen. Andere sollen tot sein.

Sie kennen diese Urban Legend, nach der ein Mensch normalerweise nur zehn Prozent seines Gehirns nutzt? Pretty much Bullshit, aber ein bisschen was ist eben doch dran, sagt General Neuronix. Ein erheblicher Teil unserer Hirnmasse sei mit sensomotorischen Funktionen beschäftigt, damit der Kontakt zur guten alten Offline-Welt erhalten bleibt. Realität eben. Diese Funktionen scheint der Booster zu unterdrücken, sodass die reine Kognition das gesamte Hirn benutzt. Das bleibe nicht ungestraft.

Aber ich glaube, das sind alles Gerüchte. Als könnte den Menschen etwas mehr Intelligenz schaden! Neuronix verbreitet sie, um die Hoheit über ihre Technologie zu behalten. Als das BrainHack-Netz die Sequenz gefunden hatte, beschlossen diese Techno-Hippies, den Algorithmus einer Stiftung zu überschreiben, die den Booster exklusiv weltweit vermarktet. Die Geräte sind individualisiert und kryptografisch verplombt. Man kann sie weder ausleihen noch gebraucht kaufen.

Beim Beratungsgespräch erklärte mir ein Typ – Auftreten wie ein japanischer Zen-Meister mit schlichtem schwarzen Rollkragenpullover – doch tatsächlich, dass der Booster ein Geschenk sei. Ein Geschenk an die Menschheit, das ich nicht vergeuden sollte. Fünf Minuten, fünf Boosts pro User, mehr erlaubt Neuronix nicht. Seitdem gibt es stapelweise Beratungsbücher darüber, welche fünf Situationen im Leben die richtigen seien. Sie werden es erraten haben, welcher Verlag dahintersteckt: Neuronix Publishing.

Da mache ich nicht mit. Ich werde dieses System hacken. Ich werde den Booster benutzen, um zu verstehen, wie er funktioniert und wie ich selbst einen bauen kann. Die Zeit läuft – jetzt. (wst)