Amazons Preisvergleich bevorzugt angeblich teurere eigene Produkte
Auf Amazon dürfen auch andere Anbieter Produkte verkaufen, Preisvergleichslisten sollen dem Kunden bei der Auswahl helfen. Hier bevorzugt Amazon aber wohl eigene Produkte, beispielsweise indem fällige Versandkosten nicht eingepreist werden.
Obwohl Amazon sich als kundenfreundlichstes Unternehmen der Welt bezeichnet, führt seine Kunden aber in die Irre, wenn es darum geht, das jeweils günstigste Angebot für ein Produkt anzuzeigen. Das hat das US-Recherchenetzwerk ProPublica durch eine Auswertung von Produktlisten ermittelt, die eigentlich nach Preis sortiert sein sollten. Bei 250 Produkten zeigte das Unternehmen demnach in drei Vierteln der Fälle eigene Angebote oder die von Kooperationspartnern weiter oben an, als sie nach ihrem eigentlichen Preis hätten erscheinen sollen. Wer jeweils die von Amazon als bestes Angebot angepriesenen Produkte gekauft hätte, hätte 20 Prozent oder rund 1400 US-Dollar zu viel bezahlt.
Kampf um den besten Listenplatz
Amazon hebt seine eigenen Angebote beziehungsweise die von Partnern im Programm "Fulfilled by Amazon" demnach an vordere Positionen in den Preisvergleichslisten, indem die Versandkosten nicht zum Preis addiert werden. Den höheren Gesamtpreis sehen Kunden – die nicht das Prime-Angebot nutzen – erst am Ende des Einkaufsprozesses. Über Amazons Gründe für diese Ungleichbehandlung der auf Amazon angebotenen Produkte spekuliert ProPublica: Entweder halte das Unternehmen seine eigenen Versandbedingungen für so viel besser, das sie auch zu dem höheren Preis gerechtfertigt seien oder wolle damit für Prime werben – für dessen Kunden die Versandkosten wegfallen. Amazon selbst habe nach Veröffentlichung des Artikels erklärt, der Algorithmus sei so gebaut, dass er die Preise für Prime-Kunden nutze.
(Bild:Â Screenshot)
Für Verkäufer, die ihre Artikel direkt auf Amazon anbieten, wird diese Ungleichbehandlung laut ProPublica mehr und mehr zum Problem. Vor allem seit Amazon in immer mehr Kategorien selbst Produkte anbietet. Es sei ungemein wichtig, eine obere Position in den Preisvergleichslisten zu bekommen, da die meisten Kunden das am prominentesten platzierte Angebot anklicken würden. Indem Amazon eigene Produkte dorthin schiebe, dränge es andere Anbieter dazu, ihre Preise weiter zu senken. Aber selbst wenn sie inklusive der Versandkosten günstiger seien, als Amazon-Angebote ohne Extrakosten, garantiere das nicht die prominenteste Position. Amazon Algorithmen bevorzugten also eigene Angebote, andere Anbieter hätten aber mangels Konkurrenz keine alternativen Marktplätze.
Offenbar auch in Deutschland
Von ProPublica genannte Beispiele zeigen, dass Amazon in Deutschland offenbar ähnlich verfährt: Sucht man als Nicht-Prime-Kunde nach dem Kleber "Loctite Liquid Präzision" in der 10-Gramm-Packung, wird der Amazon-Preis mit 6,65 Euro – für Prime-Kunden – angegeben. Klickt man auf "Andere Angebote", die bei 2,69 Euro anfangen, findet man tatsächlich deutlich günstigere Alternativen. Hier liegt Amazons Angebot auf Platz 3 unter lauter Angeboten, bei denen die Versandkosten eingepreist werden. Legt man es dann aber tatsächlich in den Einkaufswagen, steht am Ende ein Preis von 9,65 Euro, womit das Angebot eigentlich sogar erst auf Platz 6 hätte stehen dürfen.
[Update 21.09.2016 – 15:20 Uhr] Inzwischen hat Amazon auch gegenüber heise online Stellung zu den Recherchen genommen und erklärt – wie gegenüber ProPublica: "Mit Prime und Super Saver Shipping (das keine Mitgliedschaft erfordert und für Bestellungen ab 49$ kostenfreien Versand bietet) kann die überwiegende Mehrheit bestellter Artikel – 9 von 10 – kostenfrei versandt werden. Die im Artikel benannten Algorithmen beziehen sich auf diese 90% aller bestellten Produkte, bei denen keine Versandkosten anfallen." (mho)