heise online Polittalk: Gute Programmierer essen viel Lakritze
"Viele Menschen glauben nur noch Zahlen", warnte der Datenanalyst Markus Morgenroth im ersten heise online Polittalk vor Tücken der Statistik. Justizstaatssekretär Ulrich Kelber betonte: "Wir sollten den hohen Datenschutz pflegen."
Kritische Töne zur "datengetriebenen Digitalwirtschaft" schlug im ersten heise online Polittalk am Dienstag in Berlin just Markus Morgenroth an, der jahrelang für das im Silicon Valley sitzende Big-Data-Unternehmen Cataphora gearbeitet hat. "Viele Menschen glauben nur noch Zahlen", beklagte der Datenanalyst in der Debatte über den "mündigen Bürger in der digitalen Welt", die auch die Jubiläumsfeiern zu 20 Jahre heise online abschloss.
Lieber Daten als Vorstellungsgespräche
Selbst Personalchefs wollten gar keine Einstellungsgespräche mehr führen, sondern lieber Daten nutzen, um Menschen zu klassifizieren, erläuterte Morgenroth. Dabei sei das Big-Data-Geschäft alles andere als transparent und es würden – wie bei der guten alten Statistik – häufig wenig stichfeste Korrelationen und Kausalitäten konstruiert.
Sein früherer Arbeitgeber habe sich unter anderem darauf spezialisiert, Mitarbeiterdaten auszuwerten und dafür Millionen von E-Mails automatisiert zu analysieren. "Wir haben Kündigungswahrscheinlichkeiten von Mitarbeitern berechnet und verifiziert." Die Leistungseinschätzungen hätten bis hin zu Krankheitsvorhersagen für einzelne Beschäftigte gereicht.
Der Klassifizierungswahn mache auch nicht halt davor, die App-Nutzung oder die Frequenz von Tweets zu durchleuchten, führte Morgenroth aus. Auf dieser Basis würden sogar Aussagen über eine mögliche psychopathische Veranlagung der Untersuchten getroffen. Derlei Zahlenspiele gingen bis hin zu statistischen Zusammenhängen, dass ein guter Programmierer sei, "wer viel Lakritze isst".
Fehlende Digitalkompetenz
Große Defizite machte Morgenroth an der Digitalkompetenz der breiten Masse aus. Dies fange damit an, dass die Nutzer bei "kostenlosen" Diensten oft vergäßen, dass sie mit ihren eigenen Daten zahlten. Viele wüssten auch nicht, dass sich selbst bei "anonymen" Informationen häufig recht einfach wieder ein Personenbezug herstellen lasse. Die "negativen Dinge" passierten in Folge aber oft erst später offenbar aus heiterem Himmel: "Ich weiß nicht, dass ich einen Job nicht bekomme, weil ich vor fünf Jahren am Handy gespielt habe." Insgesamt seien Industrie und Verbraucher in der Datenwirtschaft so "absolut nicht auf Augenhöhe".
Kundenzufriedenheit und Datenschutz seien die obersten Prinzipien bei Amazon, betonte dagegen Carsten Kestermann, der in dem US-Internetriesen in Deutschland für Regulierungsfragen zuständig ist. Die Geschäftsmodelle hätten sich im Netz nicht umfassend geändert. Selbst bei Kaufempfehlungen wisse Amazon nicht, "welche Bücher Sie lesen wollen, sondern welche ganz viele andere gekauft haben, die auch Harry Potter lesen". Um den einzelnen Kunden gehe es bei der Datenanalyse gar nicht.
Gegen "diffuse Ängste" in Europa vor einem Verlust der informationellen Selbstbestimmung versuchte mit Oliver Grün auch der Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand (BITMi) einzutreten. Bei Big Data würden die Daten in der Regel anonymisiert ausgewertet, sodass die Politik dort nicht "per se dem Prinzip der Einwilligung" noch jahrelang nachjagen sollte. Wichtig sei es, ein Gegenrezept im positiven Sinne zu der wahnsinnigen Geschwindigkeit zu entwickeln, mit der die fünf größten US-Internetkonzerne zusammen wertvoller geworden sind als alle Dax-Unternehmen.
Datenschutz ein Grundrecht
"Wir sollten den hohen Datenschutz durchaus pflegen", forderte indes der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, Ulrich Kelber. Deutsche Autos seien in der Welt schließlich auch erfolgreich, "weil wir hohe Qualitätsstandards durchgesetzt haben". Der Schutz personenbezogener Informationen "ist vor allem ein Grundrecht", unterstrich der SPD-Politiker. Wer Daten nur noch als Öl oder Währung betrachte, liege falsch.
Kelber wandte sich so indirekt gegen die Vorstellung von "Datensouveränität", die in den drei federführenden Ressorts für die digitale Agenda der Bundesregierung vorherrscht: "Wir sind für frühestmögliche Anonymisierung und Löschung von Daten", erklärte er. Essenziell seien auch die Prinzipien der Zweckbindung und der "echten, freiwilligen Einwilligung". Letzteres schließe aber nicht aus, dass etwa der Google-Map-Server melden dürfe, dass Autos in einer bestimmten Straße nur Tempo 15 fahren. (anw)