E-Sports statt Football
FĂĽr Millennials in den USA ist das Ansehen von professionellen Computerspielern mittlerweile genauso hoch wie bei echtem Sport.
- Jamie Condliffe
Die Wahrheit liegt in den Zahlen: Die Quoten der amerikanischen Football-Liga NFL im US-Fernsehen sind 2016 abgestürzt. Kommentatoren machen die verrückten Präsidentschaftswahlen, die sich veränderte TV-Landschaft und das Fehlen großer Football-Stars verantwortlich. Was die wenigsten Marktforscher auf dem Zettel haben, ist etwas ganz Neues: E-Sports, also professionelles Computerspielen.
Denn der Sektor boomt als Unterhaltungsbranche. Schon lange ist er kein Bereich mehr, in dem sich nur Nerds tummeln, E-Sports und seine Live-Übertragung sind zum großen Geschäft geworden, bei dem es hohe Preisgelder zu verdienen gibt. Und wie bei jedem anderen Sport, in dem es um etwas Handfestes geht, gibt es auch zahllose Zuschauer, die das Spektakel ansehen wollen – sie müssen, ähnlich wie reguläre Sportfans, das Game, das am Bildschirm gezockt wird, nicht einmal selbst beherrschen.
E-Sports statt normalem Sport
Eine neue Untersuchung der Marktforschungsfirma Newzoo legt nun nahe, dass E-Sports dem klassischen US-Sportfernsehen Zuschauer abjagt. 76 Prozent der von Newzoo befragten E-Sports-Fans gaben nämlich an, dass die Disziplin sie davon abhält, normalen Sport zu gucken, dem sie sonst Stunden gegönnt hätten. Die Zahl der Personenstunden, die für das Betrachten von Videospielen verwendet werden, geht nach oben. Die E-Sports-Zuschauerzahlen auf der ganzen Erde wachsen: Von 115 Millionen im vergangenen Jahr auf 144 Millionen in diesem. 2019 könnten es schon 215 Millionen E-Sports-Gucker sein.
Der Einfluss, den das auf die Quoten der NFL hat, dürfte zunächst klein bleiben. Aber das hat auch mit der Altersverteilung zu tun: 56 Prozent der Football-Fans sind laut Newzoo älter als 35 Jahre, während 73 Prozent der E-Sports-Freunde unter 35 sind. Baseball und Hockey dürften den Effekt aber schnell mitbekommen: Bei männlichen Millennials ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie so häufig E-Sports gucken wie diese beiden Sportarten. Baseball und Hockey besitzen wiederum keine ausgleichende alte Zielgruppe wie Football. Stunden, die diesen Sportarten bei den Zuschauern verloren gehen, sind laut Newzoo weg.
Erstmals E-Sports-Stipendium
Entsprechend verwundert es nicht, dass professionelle Sportteams sich mittlerweile für E-Sports interessieren. Auch Colleges suchen den Profi-Nachwuchs. Im September kaufte so das Basketballteam Philadelphia 76ers zwei E-Sports-Teams, die laut Wall Street Journal die Games "Overwatch" und "League of Legends" zocken und nun Zugriff auf die Ernährungsexperten, Psychologen und Trainer der Profisportler bekommen. Premiere-League-Soccer-Teams werben mittlerweile Spieler des Konsolenspiels "FIFA" an. An der University of California in Irvine gibt es unterdessen erstmals ein E-Sports-Stipendium samt passender Spielearena auf dem Campus. Diese Vorbereitung lohnt sich: Was hartgesottene Echtweltsportler derzeit vielleicht noch grinsen lässt, könnte in einigen Jahren den Markt überrollen. (bsc)