Amazon-Gewerkschafter: "Mitarbeiter fĂĽr Wall Street geopfert"

Seit Wochen versuchen Gewerkschafter, die Amazon-Mitarbeiter in Seattle zu mobilisieren. Die SchlieĂźung des dortigen Kundendienstzentrum soll jedoch reine KostengrĂĽnde haben.

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Von
  • Angela Meyer

"Es ist kaum zu glauben, dass die erfahrensten Mitarbeiter, diejenigen, die am längsten zum Unternehmen gehören, so leicht beiseite geworfen werden", zitieren die Wash Tech News Jen McDaeth, einen der von den Entlassungen bei Amazon.com betroffenen Kundendienstmitarbeiter. Vermutungen, die Gewerkschaftsaktivitäten im Kundendienstcenter in Seattle seien der Grund, dass dort fast ein Drittel der 1300 Entlassungen geplant werden, wies Amazons Finanzchef Warren Jensen zurück: "Wir respektieren die Rechte jedes Angestellten in diesem Unternehmen und wir werden weiterhin alles tun, was wir können, um es zu einem großartigen Arbeitsplatz zu machen." Die Entscheidung habe lediglich Kostengründe: Das Kundenzentrum in Seattle sei das teuerste von allen gewesen.

Genau diese Haltung empfinden die Mitarbeiter als Mangel an Respekt. "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass meine Kollegen nur für Wall Street geopfert wurden", meinte Zach Works, ein Gewerkschaftsvertreter, der seinen Job bei Amazon weiter behält. "Diese Entlassungen kommen in einem Moment, zu dem gleichzeitig unser Bereich expandiert. Wir haben zusätzliches Personal an unseren anderen amerikanischen Standorten in Norddakota und Westvirginia bekommen und Amazon weitet seine Outsourcing-Aktivitäten im indischen Neu Delhi aus." Offenbar bezweifeln in seltener Einmütigkeit Gewerkschafter ebenso wie Anleger, dass die Entlassungen wirklich der richtige Weg sind. "Ich sehe nicht, wie Jeff Bezos nach dieser Kehrtwende beanspruchen kann, dass Amazon das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt ist", meint nicht nur Works.

Einem Teil der Entlassenen wurden neue Jobs in den anderen amerikanischen Kundendienstcentern angeboten – zu geringeren Sätzen, als Amazon ihnen in Seattle bisher gezahlt hat. Amazon begründet diese geringere Bezahlung mit den niedrigeren Lebenshaltungskosten in den eher ländlichen Gebieten. Die Mitarbeiter, für die ein Wechsel in einen anderen Bundesstaat nicht in Frage kommt, sollen eine Abfindung erhalten. Unter anderem will Amazon ein Aktienpaket im Wert von 2,5 Millionen US-Dollar in einen Treuhandfonds zu Gunsten entlassener Mitarbeiter einbringen, dessen Gewinne aus dem geplanten Verkauf Mitte 2003 an die Gefeuerten ausgeschüttet werden sollen.

Die in Seattle noch weiter beschäftigten Day2-Mitglieder wollen sich auch nach den Entlassungen weiter für eine gewerkschaftliche Organisation der Amazon-Mitarbeiter einsetzen. "Nach einem Schlag wie diesem, wie sollen sich die verbleibenden Kundendienstmitarbeiter sicher oder geschätzt fühlen?", fragt sich Courtney. "Mit der Anerkennung einer Gewerkschaft und einem ausgehandelten Vertrag könnten sie etwas von dieser Sicherheit zurückgewinnen." (anm)