Gewerkschaften: Die Kinder des Industriezeitalters in der New Economy

Mit einer ganzen Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Neu denken – Neu handeln" wollen die "alten" Gewerkschaften ihre Position in der "neuen" Ökonomie bestimmen.

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  • Monika Ermert

Ist die Frage nach dem Überleben der Gewerkschaften, der "Kinder des ausgehenden Industriezeitalters", nur noch Anlass für eine kleine Rechnung, wann die letzten Gewerkschaftssekretäre in den Ruhestand treten? Rund 100 Gewerkschaftsfunktionäre trafen sich in der vergangenen Woche in Stuttgart zum Auftakt einer ganzen Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Neu denken – Neu handeln", mit dem die "alten" Gewerkschaften ihre Position in der New Economy bestimmen wollen.

Wenn aus Unternehmen "Wandervölker" werden, deren Firmenzentrale als reine Datenbank dort angesiedelt ist, wo der Speicherplatz besonders billig zu haben ist, und aus Angestellten "Jobnomaden", die niemals mehr als 100 Arbeitstage an ein bestimmtes Unternehmen verkaufen und ihre Dienste mobil anbieten, bedarf es grundsätzlich neuer Organisationsformen für die Arbeitnehmer-Vertretung. Die SZ-Redakteurin Dagmar Deckstein konfrontierte die Gewerkschafter mit dieser Vision und empfahl als Antwort gewerkschaftliche "Agenten", die den Jobnomaden bei der optimalen Vermarktung ihrer Arbeitskraft, der Organisation von Kinderbetreuung und Weiterbildung helfen.

Mehr Individualisierung und mehr Beratung statt gebetsmühlenartig wiederholter Tarifforderungen sind angesichts der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses notwendig, bekannten Michael Sommer und Lothar Schröder von der Deutschen Postgewerkschaft (DPG), die die Veranstaltung organisiert hatte. In den Unternehmen der New Economy, bei kleinen Startups und unter den projektbezogen arbeitenden neuen Soloselbstständigen tun sich die Gewerkschaften schwer. Bei SAP etwa gibt es bis heute keinen Betriebsrat, die Arbeitnehmer sind vielmehr selbst Teilhaber über ihre Aktienoptionen. "Die Gewerkschaften verharren immer noch beim Ideal des klassischen Facharbeiters", sagte Deckstein den Gewerkschaftsvertretern, müssten sich aber schleunigst dem neuen Prototyp des Arbeitnehmers zuwenden, dem Wissensarbeiter und Jobnomaden.

Ganz ohne kollektive Regeln werde es auch in Zukunft nicht gehen, meint aber Lothar Schröder, Mitglied des DPG-Vorstands. Auch in Zukunft etwa müsse etwa geregelt werden, wie Menschen in unproduktiven Zeiten geschützt würden. Schließlich, so hatte der DPG-Vizevorsitzende Sommer zum Auftakt der Veranstaltung angemerkt, blieben Kapitalisten Kapitalisten, auch wenn sie Zigarre und Bowler gegen Microscooter und Pappkarton-Pizza eingetauscht hätten.

Mit dem wachsenden Angebot an IT-fähigen Wissensarbeitern wird, so Schröder, auch die starke Verhandlungsposition der jetzt gesuchten Spezialisten abnehmen. Zudem werde es noch lange Zeit auch in der New Economy schlechte Jobs geben. Das Beispiel einer Gewerkschaftsbewegung beim Ur-Vater der E-Commerce-Unternehmen Amazon zeigt diesen Trend, meinen die Gewerkschafter.

Dennoch sieht man den Anpassungsbedarf an den digitalen Kapitalismus. Schröder, der seit 1996 im gewerkschaftsübergreifenden Multimedia-Büro von DPG, IG Medien, HBV und der DAG aktiv, stellte den Gewerkschaftssektretären eine ganze Reihe neuer Ansätze für die Gewerkschaftsarbeit vor. Beispielsweise hat das Büro eine Benchmarking-Initiative für den Datenschutz im Unternehmen gestartet, an der sich über 70 verschiedene Unternehmen und Institutionen beteiligten. Das Ergebnis soll ein arbeitnehmerfreundliches Gütesiegel für den Datenschutz sein, quid genannt. "Warum sollen wir das Benchmarking allein den Unternehmen überlassen", meinte Schröder.

Er kann sich die Gewerkschaften auch als Motor arbeitnehmerfreundlicher Innovationspolitik vorstellen. Auch eine Studie zur steigenden Arbeitsbelastung plant das Büro. Denn trotz dem "Spaßfaktor" der Wissensarbeiter stelle sich die Frage, wie lange die Workaholics das Tempo der New Economy durchhalten könnten. Auch im Projekt "Multimedia-Arbeitsplätze" hat sich erstmals ein Gewerkschaftsgremium mit eingeschaltet: Das Forum Soziale Technikgestaltung will sich dabei den von der Gewerkschaft bisher immer noch vernachlässigten neuen "Freiberuflern" am Telearbeitsplatz zuwenden.

Darüber hinaus müssen Gewerkschaften zu virtuellen Organisationen umgebaut werden. "Ich will ein virtuelles Gewerkschaftsbüro ausprobieren", sagt Schröder und: "Warum nicht eine elektronische Betriebsratswahl?" Kommunikationskompetenz im Netz und über Sprachgrenzen hinweg sind ebenfalls Thema in verschiedenen Teilprojekten.

Vielleicht der wichtigste Anpassungsschritt an die New Economy aber dürfte die von Schröder beschworene Anpassung an die Geschwindigkeit der Informationsgesellschaft sein. "Wenn jemand eine Anfrage schickt und Wochen auf einen Brief von der Gewerkschaft wartet, wird er kein zweites Mal kommen." Leute, die in einer extrem hektischen Arbeitsumgebung zu Hause seien, hätten für solche Verzögerungen kein Verständnis. Die Beschleunigung von gewerkschaftlicher Arbeit, auch ganz allgemein bei der schnellen Reaktion auf neue Fragen im schnelllebigen Business der New Economy, würde der Gewerkschaft dasselbe abverlangen, was sie der Wirtschaft abverlangt: flache Hierarchien, teilautonome Institutionen, Mut zum Experiment. Nur so könne auch die neue Super-Gewerkschaft Ver.di funktionieren, meint Schröder. "Die Pflege von Zuständigkeiten muss ein Ende haben."

Aber nicht alle sind vollständig überzeugt, dass die Gewerkschaften es noch schaffen können. Die Gewerkschaften täten sich heute wohl leichter, die Menschen aus der New Economy als Mitglieder zu gewinnen, wenn solche Veranstaltungen wie die DPG-Konferenz bereits vor 10 Jahren stattgefunden hätten, meint Uli Klotz von der IG Metall; es sei zwar spät, aber noch nicht zu spät. Zu sehr aber werde die herrschende Meinung in der "feudalistischen" Struktur der Gewerkschaften reproduziert, zu schwer tue sich der Apparat bei der Auseinandersetzung mit immer schneller sich entwickelnden, immer neuen Aufgaben. (Monika Ermert) / (jk)