Zahlen, bitte! 21 Seiten ... die Steve Jobs zum Weinen brachten

Am 3. Januar 1983 hatten es die Leser des Time Magazine Schwarz auf Weiß: Statt einer Person hatte die Redaktion den Personal Computer zur "Machine of the Year" gekürt. Auf satten 21 Seiten erklärte sie die "Computer-Revolution".

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Zahlen, bitte! 21 Seiten ... die Steve Jobs zum Weinen brachten
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Zahlen, bitte!
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In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Die Ausgabe des Time Magazine vom 3. Januar 1983 gilt inzwischen als legendär. Statt das Gesicht von Margaret Thatcher, Ronald Reagan oder Steve Jobs zeigte das Cover die Skulptur eines Mannes vor einem Computer. Zahlreiche Geschichten über den 1981 vorgestellten IBM PC und seine Konkurrenten bewogen die Journalisten dazu, den Personal Computer auszuzeichnen.

"Machine of the Year": 1982 stach der Personal Computer unter anderem Steve Jobs bei der Wahl des "Man of The Year" aus.

(Bild: Time Magazine )

Auf 21 Seiten erläuterten sie die Auswirkungen der "Computer-Revolution", eben das, was passiert, wenn der Computer zu Hause einzieht (Link zur Ausgabe für Time-Abonnenten). Dazu gab es eine kleine Kaufberatung, ein nicht sehr schmeichelhaftes Porträt von Steve Jobs und eine Handreichung, wie man die Geheimsprache der PC-Experten, dieser "Geeks" (z.B. frobnitz oder glork) verstehen kann. Das Titelbild, ein vom Bildhauer George Segal geschaffenes Skulpturenensemble, musste aufgeklappt werden.

"Einige menschliche Kandidaten mögen 1982 geprägt haben, doch niemand symbolisiert das vergangene Jahr mehr oder wird in der künftigen Geschichte wichtiger sein als diese Maschine: der Computer". Mit diesen Worten begründete die Redaktion ihre Wahl der "Machine of the Year".

Massenhaft verbreitet war dieser Computer noch nicht: Als die Titelgeschichte des Magazins am 3. Januar 1983 erschien, gab es in den USA rund 2,8 Millionen Personal Computer (Europa: 392.000). Die meisten von ihnen standen in den Büros der "Fortune 500"-Unternehmen, wo sie im großen Stil die Schreibmaschinen ablösten.

Das hielt den Journalisten Otto Friedrich nicht davon ab, im Hauptartikel den PC als Zukunftsinstrument für den Wissensarbeiter zu beschreiben, der mit dem Computer im Heimbüro arbeitet und ihn als Buchungsautomat, Schreibmaschine und Datenbank-Durchsucher nutzt. "Was die Netze der Eisenbahnen, Autobahnen und Kanäle in einem anderen Zeitalter waren, sind heute die Telekommunikations-, Informations- und Computernetze" zitierte Friedrich den österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Aus heutiger Sicht mit Donald Trump als Person of the Year 2016 fällt auf, wie differenziert der Time-Artikel mit der Frage umgeht, was der Einzug der Computer für die Volkswirtschaft bedeuten kann. Schließlich erlebten die USA im Jahre 1982 unter dem noch neuen Präsidenten Ronald Reagan mit 12 Millionen Arbeitslosen das schlimmste Wirtschaftsjahr seit der großen Depresssion, was der Time-Artikel nicht unerwähnt lässt.

Aber der Computer wird 1982 als Ausweg aus der Misere gesehen, weil er nicht länger "Big Brother-Technologie" ist, sondern persönliches Werkzeug wird. "Mehr als die Hälfte aller beschäftigten Amerikaner verdienen ihren Unterhalt nicht durch das Produzieren von Dingen, sondern als 'knowledge workers', die verschiedenene Informationen austauschen. Der Personal Computer steht bereit, ihren Job zu verändern."

Ein Blick in die Zukunft: Die vollständige Szene der Time-Titelstory zeigt Mann und Frau gelangweilt vorm Computer ...

(Bild: Time Magazine)

Mehr noch, legt der Artikel später nach, der Computer wird neue Arbeitsplätze schaffen und auch das Lernen an den Schulen verändern, bis hin zum lebenslangen Lernen für alle. Theoretisch wäre es möglich, alle Arbeitslosen in Kursen zu Computernutzern und -Programmierern heranzubilden, womit Amerika auf Jahre hinaus als Weltmacht gesichert sei, so der Artikel. Prophetische Worte, geschrieben von einem Journalisten, der sich Zeit seines Lebens weigerte, einen Computer statt seiner Schreibmaschine zu benutzen.

Aber Otto Friedrich erzählte nicht nur die Erfolgsgeschichten, sondern brachte auch Zitate von Wissenschaftlern wie Sherry Turkle, Marvin Minsky, Alan Kay oder Joe Weizenbaum über den Einfluss der Computer. Selbst die Möglichkeit von umfassenden Computer-Hacks und Computer-Kriminalität wird anhand des Beispiels des Hackers Stanley Rifkin angesprochen. Auch die Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen wie der systematische Ausschluss von Schwarzen durch die Technologie fehlt nicht. Dennoch überwiegt der verhaltene Optimismus: Der Personal Computer ist eine amerikanische Erfindung und wird den USA viele Vorteile bringen.

Der Artikel schließt mit einem Zitat von Adam Osborne: "In Zukunft wird man Computer so designen und verkaufen, dass die Leute nicht merken, dass es überhaupt Computer sind. Nicht alle waren mit der Wahl des Computers zur Maschine des Jahres einverstanden. So lästerte die Infoworld über die "me-too-Entscheidung" des Time Magazines, nach Hunderten von Artikeln über den Nutzen des Personal Computers mit dem Hunderteinsten zu kommen. Wenn überhaupt, dann sei der Herzschrittmacher von Barney Clark die Maschine des Jahres.

Noch schlimmer traf es Steve Jobs, wie dieser später seinem Biographen Walter Isaacson erzählte: "Time wollte mich zum Mann des Jahres machen, und mir war so etwas damals ungeheuer wichtig – ich war ja erst 27. Ich hielt es für verdammt cool. /.../ Sie haben mir die Ausgabe per Federal Express geschickt und ich habe die Verpackung aufgerissen und wirklich erwartet, mein Gesicht auf dem Cover zu finden, und dann war es diese Computerskulptur. Ich dachte: Was soll das denn? Ich habe den Artikel gelesen, und er war so schrecklich, dass ich geweint habe." (vza)