Was war. Was wird. Von runden Dingen, Atombomben und diesem Cyber-Dingens
Am Baggersee Enten füttern ist wahrlich besser als sich für das, ähem, schlechte Benehmen in den Tropen entschuldigen zu müssen. Hal Faber aber lenkt den Blick lieber auf einen (noch) funktionierenden Rechtsstaat.
"Wäre es nicht praktischer, wenn da wo vorher Deutschland war, in ein paar Jahren ein Baggersee entsteht? Alle könnten schwimmen da, Enten füttern, Tretboot fahren. Wär' das nicht die Lösung des Problems?"
(Bild: Lyrics: Antilopen Gang)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Natürlich muss diese kleine Wochenschau mit der wichtigsten Nachricht der vergangenen Woche beginnen; Deutschland hat eine neue Münze, hach, mit einem roten Polymer-Ring drinnen, denn das ist das Symbol für die tropische Zone. Irgendwo im Süden, wo sich Menschen aufmachen, den miserablen Lebensbedingungen zu entkommen, die dem Drama in den "Klimazonen der Erde" – so der Münzrand – entkommen wollen. Nicht nur die Münzpräger, auch die Texter geben ihr Bestes: "Der rote Ring definiert den Übergang in eine luftige Freifläche, die die Münze ‚glanzvoll‘ zur Geltung kommen lässt. Die Typografie balanciert dabei bewusst außerhalb der Mitte und erzeugt eine zusätzliche Dynamik." So eine Dynamik ist immer gut, denn Deutschland kam immer gut in den Tropen zurecht, 'Tschuldigense mal. Und so eine Münze ist doch ein nettes Symbol inmitten der Migrationskrise, deren Anfang wir gerade mit dem "Flüchtlingsstrom" erleben, einem Rinnsal im Vergleich mit dem Aufbruch aus Afrika. Vier weitere glanzvolle Münzen werden noch geprägt, weil die Erde fünf Klimazonen hat, noch. Wie beschrieb es Kwame Anthony Appiah in seinem Buch "Kosmopolit": Die Übervölkerung der Welt wird noch weiter zunehmen. Innerhalb des nächsten halben Jahrhunderts wird unsere fruchtbare Spezies auf neun Milliarden Seelen anwachsen. Gespräche, die über Grenzen hinweg geführt werden, können ein Genuss oder eine Qual sein – je nach den Umständen. Aber eines sind sie meistens ganz gewiss: unvermeidlich".
*** Die Nachrichten vom Anti-Kosmopoliten sind eine Qual, heißt es im "Brief zur Lage" "und es tut körperlich weh, die Erkenntnisse dieser ersten Tage hinzuschreiben: Der Präsident der USA ist ein pathologischer Lügner." Die Zeiten werden härter, nicht nur für die Züchter und Freunde der Hommingberger Gepardenforelle. Die Nachrichten der letzten Woche erschüttern uns, das Gedenken an das Massaker von Bowling Green ist noch frisch in Erinnerung. Nach der aufwühlenden Rede von US-Präsident Trump zum National Prayer Breakfast betet ganz Amerika, dass Arnold Schwarzenegger bessere Einschaltquoten bekommt. Was gibt es schon Wichtigeres als eine gute Show oder ein ein guter Super Bowl? OK, manchmal sind unabhängige Gerichte mit "sogenannten Richtern" eine feine Sache – und Staatsanwälte, die ihre Arbeit machen. Der Streit über den Bann wird sicher vor dem Supreme Court landen und damit in einer kommenden Wochenschau.
*** In letzter Minute hat Donald Trump inmitten seiner Serie von Dekreten ein bereits angekündigtes Dekret zur Cybersicherheit zurückgezogen, dank dem das Amt für Verwaltung und Haushaltswesen als oberste Cyberbehörde den Kampf um die Sicherheit "unserer wertvollen und heiligen Netze" führen sollte. Die zentrale Website mit allen Cyber-Direktiven ist derzeit noch gähnend leer und unklar ist, ob der noch von Präsident Obama berufene oberste Cyberkämpfer Brigadegeneral Greg Touhill weiterhin im Amt ist oder durch einen Trumpisten abgelöst wurde. Die Sache ist deshalb interessant, weil auf der Seite von Trump der "Einbruch russischer Hacker" in US-Regierungssystemen heruntergespielt worden ist. Echte Verschwörungstheoretiker würden hier noch das Telefonat zwischen Putin und Trump hinzurechnen, von dem es auf US-Seite keine Aufzeichnungen gibt, doch soweit muss man nicht gehen.
*** Derweil arbeiten die fiesen russischen Hacker weiter, im NATO-Land Norwegen, wo im vergangenen Herbst ein Batallion US-Marines abgesetzt wurde. Und der engste Verbündete der USA im britischen GCHQ spricht davon, dass all das aufgeregte Reden von Cyber, Cyber nur ein Marketing-Trick der IT-Firmen ist, die Cyberkrams verkaufen. Während die Frage noch unbeantwortet ist, ob Donald Trump der IT-Branche schadet, ist es schon lustig, wenn in Australien ein weiteres missglücktes Telefonat von Präsident zu Präsident als Chance gesehen wird, qualifizierte IT-Fachkräfte nach Australien zu holen. Schließlich sind die Zeiten von Crocodile Dundee längst vorbei, abgelöst durch Gel-Roboter, die auch ein Krokodil schnappen können.
*** In Deutschland ist unterdessen ein neues BKA-Gesetz vorgestellt worden, das die IT-Branche entfesseln soll. Neben der Einführung der elektronischen Fußfessel will Bundesinnenminister de Maizière eine komplett neue IT-Infrastuktur für alle deutschen Polizeien aufbauen lassen, mit dem hübschen Argument, dass die IT-Architektur der Polizei "im Grunde aus der Zeit von Horst Herold" stammen würde. Statt dem unter Herold angeschafften Zentralrechner Siemens 4o04 soll ein "phänomenübergreifendes IT-System" angeschafft werden, in dem Informationen leichter fließen. Außerdem werde mit dem bundesweit einheitlichen IT-System ein "modernes Zugriffsmanagement" kommen, das durch Zweckbindung der Daten den höchstmöglichen Datenschutz gewährleisten werde.
*** Das mit der vom Innenministerium ausdrücklich erwähnten hypothetischen Datenneuerhebung gerade diese Zweckbindung der Daten durch ein fluides Modell abgelöst wird, macht die Sache spannend. Denn die Zweckänderung kennt mach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes Grenzen, gerade beim Superstar der Polizei-IT, der Online-Durchsuchung: "Wegen des besonderen Eingriffsgewichts von Wohnraumüberwachungen und Online-Durchsuchungen darf demgegenüber eine Zweckänderung von Daten aus solchen Maßnahmen nur erlaubt werden, wenn auch die für die Datenerhebung maßgeblichen Anforderungen an die Gefahrenlage erfüllt sind." Damit sind wir praktisch schon in der Rubrik "Was wird" angekommen, denn zu den aparten Nachrichten dieser Woche gehörte die Mitteilung, dass ZITIS, die Zentralstelle für die Online-Durchsuchungssoftware und die Kryptoknackerei, an einen besonderen Ort in München kommt. Wegen der "Bündelung von Ressourcen und Energien" und dadurch zu erzielenden Synergie-Effekten wird sie direkt bei der Universität der Bundeswehr angesiedelt. Ist bekanntlich alles ein großer Cyberkampf, da ist es gut, wenn Polizei und Militär gemeinsam marschieren. Cyberhelm ab zum Gebet – oder Trojaner, Feuer frei!
*** Da bleibt ja nur noch das Lied vom Baggersee. "Atombombe auf Deutschland, dann ist Ruhe im Karton": "Ich sehe das ja eigentlich schon seit Jahren vor mir: Diese Wasserrutschen und die sinnlos installierten bunten Ballons, die überall sind und ein fröhliches Ambiente schaffen. Ich sehe schon ganz visuell die Freude vor mir, die an diesem Baggersee entsteht." Statt Tauben vergiften im Park lieber Enten füttern am Baggersee. Und Tretboot fahren, jawoll! Oder doch die weniger radikale Variante und nach Australien auswandern? Man träfe dort bald auf liebe Kollegen, die hoffentlich auch Down Under weiter Interviews führen und Wissenswertes zum Besten geben. Hustenbonbons zum Puscheln gibt's da auch.
Was wird.
Wie immer nach dem Zug der Jecken und sonstigen Karnevalisten beginnt im der Reigen der Sicherheitskongresse, ob sie nun Münchener Sicherheitskonferenz, Europäischer Polizeikongress oder Grüner Polizeikongress heißen. Dabei kommt "Precrime" groß in Mode. Was zunächst als Werkzeug gegen den serienmäßigen Wohnungseinbruch angedacht war, wird dabei laut diesem Programm inzwischen als "Predictive Analytics" Werkzeug für alle Blaulichtorganisationen "Polizei, Verkehr, Feuerwehr, BOS" gehandelt. Zusammen mit der Ausweitung des europäischen Passagierdaten-Abkommens auf Bus und Bahnreisen, der Gesichtserkennung bei der immer besser werdenden Videoüberwachung können wir uns dann beruhigt und erleichtert zurücklehnen und seufzen, Ach, Europa, und diese deine verwegene Sehnsucht nach einer bipolaren Gemeinsamkeit mit der USA. Oder sollen wir, bestens aufgezeichnet, analysiert und datenumschlungen lieber grinsen? Ach Europa, du bist ja so grenzenlos gemein. Und damit ein aufmunternder Gruß aus Italien. (jk)