Was war. Was wird. Von Geschichtsbüchern, Gefühlen und Gefährdern
Wenn das Original nur noch durch die Satire beschrieben werden kann und Skandale mit der Frage nach den Gefühlen von Protagonisten beendet werden, dann ist es 2017. Doch das goldene Zeitalter ist nicht mehr fern, resümiert Hal Faber.
(Bild: NSA Logo-Parodie: EFF/CC BY 2.0)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
(Bild: Illustration: Richard Stallman)
*** Das war eine Szene für die Geschichtsbücher. Sie passierte in den USA. General Chaos ist entlassen. Die Presse wartet auf den Pressesprecher des Weißen Hauses, der erklären will, wie es weiter geht bei der Suche nach dem nächsten nationalen Sicherheitsberater. Ein geistig verwirrter Mann stürmt Pressekonferenz im Weißen Haus und pöbelt Journalisten an. Auch wenn es das Satireblatt so geschrieben hat, entspricht es doch der Wahrheit (TM): Ein verwirrter Mann stand da und pöbelte. Natürlich passt die Langfassung der Szene nicht in die Geschichtsbücher, natürlich tut die Katachrese "geistig verwirrt" all denen bitter Unrecht, die unter einer echten narzisstischen Persönlichkeitstörung leiden, doch so ist es halt. Geschichte wird von den Siegern geschrieben und Trump ist ein Loser, aber einer, dem der narzisstische Absturz noch bevorsteht. Bis dahin hat er alle Freiheiten, via Twitter etablierte Medien als Fake Media und Feinde des Volkes zu bezeichnen, wenn sie ihre Arbeit machen. Weniger gut (oder ein Fake?) ist der Versuch des Präsidenten, Geld für eine Kampagne gegen die US-Medien einzusammeln. Wenn die Medien in den USA ihre Arbeit jetzt gut machen, werden sie "all the presidents men", ob es für den Ehrentitel "unbestechlich" reicht, wird man sehen müssen. Bei uns ist es halt braver. Zentraler Pfeiler der Demokratie ist ja ganz hübsch, nur irgendwie Fake News.
*** Ein Milliardär Trump, der sein Eigentum mal eben als Southern White House bezeichnet, dürfte ignorieren, wenn eine US-amerikanische Stadt mit dem benachbarten Mexiko demonstriert. An all den Papierlosen waren ja Obama und Hillary Clinton schuld. Die komplette Abwesenheit von Gedächtnis und Geschichte ist sein Programm. Er blendet aus, wie sein James Comey, sein Adjutant in spe, mit Gerüchten um Hillary Clinton Wahlkampf betrieb -- was übrigens zeigt, dass der "tiefe Staat" auf seiner Seite steht. Seine "fein laufende Maschine" rumpelt, was einem Strategen wie Bannon nur recht sein dürfte: Lesenswert die taz-Serie zur Alt-Right-Bewegung und was sie wirklich über Trump denkt. Das Gerücht über die großflächige Mobilisierung der Nationalgarde zur Erfassung illegaler Immigranten würde Alt-Right und Bannon außerordentlich erfreuen. Während Trump munter zum wochenendlichen Golfen in den Sümpfen von Florida pendelt, trauen sich nur noch wenige Republikaner, die traditionellen Town Hall-Meetings abzuhalten, bevor die Sitzungs-Saison in Washington beginnt.
*** "Wenn Sie schon nach Gefühlen fragen, was ja nicht der Gegenstand des Ausschusses ist: Ich habe mich gefühlt wie nach dem Parteispendenskandal." Mit diesem interessanten Vergleich von Bundeskanzlerin Angela Merkel endete die verdienstvolle Arbeit des NSA-Untersuchungsausschusses über die NSA und der befreundeten Gang, die nicht wusste, was sie tat, niemals fragte, sondern nur lauschte und tauschte. Das "Abhören unter Freunden, das gar nicht geht" mit dem Parteispendenskandal zu vergleichen, ist so etwas ähnliches wie eine Freudsche Fehlleistung. Denn so antwortete die Bundeskanzlerin auf die freundlich-mitleidende Frage ihres CDU-Kollegen Patrick Sensburg, wie sie sich nach den ersten Nachrichten über die Enthüllungen dieses Edward Snowden gefühlt habe. Mit der von Merkel gefühlt gemeinten Spendenaffäre der CDU hatten wir das letzte deutsche Staatsoberhaupt, das sich vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss ausschwieg und dann abdanken musste. Ob Merkel hier ihrem Ziehvater Kohl nachfolgt, ist noch nicht ausgemacht, auch wenn ihr Gegenspieler Schulz momentan eine Art Katzen-Bonus hat. Alles wird gut, das war früher so ein tröstlicher Satz. Alles wird legal, heißt es heute: Mit dem BND-Gesetz wurde die Lizenz zum Abhören bekanntermaßen nachgereicht. Und damit das mit dem Gefühl auch etwas besser geht, sollten wir die Petition der Verschmelzung der Nationalhymnen gleich gesetzlich regeln.
*** Es ist natürlich einer dieser einfältigen Zufälle, wenn Bill Gates genau dann in München auftritt und sich für Afrika stark macht, wenn Limux abgewürgt wird. Wobei man Gates natürlich freisprechen kann, der sieht das große Ganze und kann sich sogar mit einer Automatisierungssteuer für Roboter und autonome Autos anfreunden. Limux dürfte ihm herzlich egal sein. Ganz nebenbei: Limux scheiterte nicht allein am unpraktischen Desktop oder an kräftiger Lobbyarbeit made in Unterschleißheim, sondern daran, dass andere Kommunen nicht mitzogen. Mit Hammux, Hannux, Berlux, Bremux, Bonnux, Ulmux und Frankfux würde die Situation ganz anders aussehen.
Was wird
Vor uns liegt das goldene Zeitalter. Wenn alle auf Facebook sind, wird die KI von Facebook Terroristen erkennen können, verspricht uns Mark Zuckerberg. Wer dann nicht auf dieser großkotzigen Plattform des sozialen Wandels ist, ist schon mal ein Hilfs-Terrorist, denn bitte, wer ist denn das "wir", von dem der Mann in seiner "politischen Vision" spricht?
Ist es das "wir", das die Bertelsmann-Stiftung meint, wenn sie sich fragt, was "unsere" Gesellschaft zusammenhält, während sie den Vordenker der europäischen Digitalisierung feiert? Der von der Münchener Sicherheitskonferenz zurückfahrend erst einmal einen Zwischenstopp in Berlin einlegt und einen Vortrag über den Soft cyberwar hält, der aus Hacking und Fake News besteht. Toomas Hendrik Ilves muss es ja wissen, denn in seiner Regierungszeit gab es Internetangriffe auf sein Estland, von denen wir heute wissen, dass sie von der Jugendorganisation Naschi ausgingen. Doch hoppla, bei der Bertelsmann-Stiftung wird nächste Woche in Berlin über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert, als Voraussetzung für den Zusammenhalt der Gesellschaft. "Ist das bedingungslose Grundeinkommen eine realisierbare Idee für mehr soziale Gerechtigkeit und werden wir in Deutschland daher womöglich bald neidvoll nach Finnland blicken. Oder muss das Einkommen weiterhin an Bedingungen geknüpft bleiben, damit die Einsatzbereitschaft des Einzelnen als Bedingung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt keinen Schaden nimmt." Das ist schwer die Frage.
(Bild: Illustration: Richard Stallman)
Nach der Sicherheitskonferenz ist vor dem Europäischen Polizeikongress, wo IBMs Watson sich dran macht, Lügen zu entlarven. Manchmal sind es auch keine Lügen, sondern Schusseligkeiten, wie sie ein Justizminister begeht, der mit einer Rede über Fußfesseln startet, wo es doch um den Schutz der Polizei vor Rainer Wendt ging, oder so. Auf dem Polizeikongress wird über Smart Policing gesprochen, und die vorbeugende Verbrechensvorhersage mit ihren Erfolgen präsentiert; die Gesichtserkennung mit oder ohne Facebook wird bejubelt, die elende Fluggastdatenspeicherung sowieso. Die Polizei hat ja so viel zu tun, jetzt, wo neben den Straftätern sich auch noch diese Gefährder in unseren Alltag eingeschlichen haben. Von denen die dreistesten Gefährder fußgefesselt werden müssen, weil sie die Gefährderansprache nicht verstehen, die ihnen die Sache mit den Jungfrauen ausreden wollen. Wem das alles zu bedrohlich klingt, dem sei gesagt, dass es das Ganze auch in freundlich gibt und Grüner Polizeikongress heißt. (mho)