Gib mir Zucker
Mit einem Tweet über Homöopathie tritt die Techniker-Krankenkasse einen Shitstorm los. Leider argumentieren die Kritiker der Krankenkasse dabei nicht immer sauber.
Eigentlich finde ich selbstreferentielle Internet-Geschichten nach dem Strickmuster "Was das Internet zu xxx sagt" nicht besonders aufregend. Aber der Shitstorm, den die Techniker-Krankenkasse jetzt zum Thema Homöopathie losgetreten hat, ist mir ausnahmsweise doch einen Blog wert. Die ganze Sache ist nämlich nicht nur unterhaltsam, sondern auch recht lehrreich.
Aber der Reihe nach: Auf die Frage eines Versicherten, warum man denn Homöopathie finanziere und ob die TK denn saubere, wissenschaftliche Studien nennen könnte, die die Wirksamkeit von Homöopathie belegen, antwortete das Social-Media-Team auf Twitter mit einer schlichten Gegenfrage: "Lieber@IlloSZ , können sie uns saubere,wissenschaftliche Studien nennen, die die Nicht-Wirksamkeit von Homöopathie belegen?"
PR-technisch ist das erst mal nicht schlecht: Nicht direkt widersprechen, das GegenĂĽber in eine Diskussion um Details verwickeln, Offenheit und Dialogbereitschaft signalisieren und die implizite Kritik kann auf diese Weise runterkommen.
Im Prinzip.
Leider hatten die Social-Media-Diensthabenden nicht bedacht, dass so eine Twitter-Nachricht nicht nur direkt an den fragenden User geht, sondern gleichzeitig auch an die gesamte Twitter-Öffentlichkeit (also etwa so, als ob man mit lauter Stimme in einer Nazi-Kneipe zu seinem Gegenüber sagt: "Was hast Du da grade öber den Föhrer gesagt, Du ehrrrloserrr Lump?").
Was folgte war absehbar: Hohn, Spott, und gegenseitige Beschimpfungen, schlieĂźlich ist die Diskussion um die kleinen ZuckerkĂĽgelchen emotional hoch aufgeladen und eng mit dem Placebo-Effekt verknĂĽpft.
An einer Stelle muss ich der TK allerdings leider recht geben: Philosophisch betrachtet ist die Widerlegung einer wissenschaftlichen These das einzige, was wirklich zählt (behaupten jedenfalls die Positivisten). So ganz theoretisch betrachtet ist der Ruf nach einer Studie, die die Unwirksamkeit von Heilervoodoo belegen würde, tatsächlich korrekt.
Das Argument hat aber mindestens zwei Haken. Zum einen funktioniert Wissenschaft im echten Leben nicht so: Pharma-Forschung ist teuer und Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Die allermeisten wissenschaftlichen Studien beschäftigen sich daher damit, dass und wie etwas funktioniert, und nicht, dass etwas nicht funktioniert. Für solche Widerlegungen gibt es in der Regel kein Geld.
Zum anderen sind die Mittel von Krankenkassen naturgemäß begrenzt. Um mit begrenzten Mitteln den größten Nutzen zu erzielen sollte man das Geld also für Dinge ausgeben, die erwiesenermaßen funktionieren. Was nicht heißt, dass es Dinge gibt, die vielleicht sogar noch besser funktionieren, über die ich aber noch kein gesichertes Wissen habe. Es ist aber unvernünftig und unlogisch genau auf solche Wunder zu spekulieren. (wst)