Strom aus dem Vulkan

Forscher wollen aus der Hitze von Vulkanen Strom gewinnen. Bei einem Projekt in Island melden sie nun erste Erfolge – und wecken die Hoffnung auf eine nie versiegende Energiequelle.

vorlesen Druckansicht 192 Kommentare lesen
Strom aus dem Vulkan

(Bild: Iceland Drilling)

Lesezeit: 2 Min.

Genau 4659 Meter erreichte die Bohrung des Iceland Deep Drilling Project (IDDP) Anfang 2017. Damit stießen die Ingenieure so tief vor wie kein Erdwärmeprojekt vor ihnen. Vor allem aber bohrten sie auf der Halbinsel Reykjanes im Südwesten Islands Vulkangestein an. Damit wecken sie die Hoffnung auf eine reichhaltige und über sehr lange Zeit ergiebige Energiequelle, berichtet Technology Review in seiner April-Ausgabe (am Kiosk oder online zu bestellen).

Die neue April-Ausgabe

Am Grund des Lochs haben die Ingenieure im Porenwasser des Gesteins eine Temperatur von 427 Grad Celsius bei einem Druck von 340 Bar gemessen. Unter diesen Bedingungen ist Wasser überkritisch, also weder flüssig noch gasförmig. Es enthält enorm viel Energie. Allein aus der Bohrung in Reykjanes ließen sich 50 Megawatt Leistung gewinnen, genug zur Versorgung von 50000 Einfamilienhäusern.

Das Projekt war durchaus riskant. Vulkane sind tückisch, die Lage ihrer Magmablasen schwer berechenbar. Bei dem Vorhaben hätte das IDDP sie anbohren und im Extremfall einen Vulkanausbruch auslösen können. "Bei oberflächennahen Quellen ist es natürlich gefährlich", kommentiert Ulrich Harms, Leiter des Zentrums für Wissenschaftliches Bohren am Geoforschungszentrum in Potsdam. Allerdings lässt sich "mit heutigen geophysikalischen Methoden sehr gut vorhersagen, was in einem Bohrgebiet zu erwarten ist."

Die erfolgreiche Vulkanbohrung ist jedoch nur ein Teil des Weges hin zu einer schier unerschöpflichen Energiequelle. Noch niemand hat auf Dauer aus überkritischem Wasser Strom gewonnen. Messungen müssen beispielsweise klären, ob in der Tiefe genug Porenwasser nachfließt, dessen Dampf dann an der Oberfläche direkt genutzt werden kann – oder ob es sinnvoller ist, kaltes Wasser von oben einzuleiten, damit es sich im hyperkritischen Bereich erhitzt. Auch müssen neue Materialkombinationen für die Rohre gesucht, vielleicht sogar neu entwickelt werden. Zum einen setzen die hohen Drücke und Temperaturen den Rohren extrem zu. Zum anderen können hochgradig korrosive Chemikalien aus dem Gestein entweichen und Ablagerungen die Rohre verstopfen. "Man muss ganz klar sagen: Es erfordert sehr viel an technischem Aufwand", kommentiert Harms. Bis zur kommerziellen Nutzung der neuen Energiequelle dürften daher noch einige Forschungsjahre vergehen.

Aber wenn es erfolgreich zum Abschluss geführt wird, kann das Projekt die Energielandschaft weltweit prägen. Verhältnisse wie auf Island gibt es auch in Italien, im Westen der USA, in Neuseeland, auf den Philippinen, in Indonesien oder im ostafrikanischen Grabenbruch. (Hanns-J. Neubert) / (bsc)