Was war. Was wird: Weihnachten. WWWWW, ganz im Zeichen der paradiesischen transhumanen Verzückung
Mancher meint das Fegefeuer schon in der menschlichen Existenz zu entdecken, andere freuen sich auf die Überwindung alles Üblen in der transhumanistischen Reinigung. Hal Faber jedenfalls möchte genug Chaos, um auch nochmal einen tanzenden Stern zu gebären
Der Eingang ins Paradies ist möglicherweise genauso hypnotisch besetzt wie der Hinauswurf.
(Bild: Michael Schwarzenberger, gemeinfrei (Creative Commons CC0))
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Trasumanar significar per verba
non si poria; però l’essemplo basti
a cui esperienza grazia serba.
S’i’ era sol di me quel che creasti
novellamente, amor che ‘l ciel governi,
tu ‘l sai, che col tuo lume mi levasti.
Verzückung! sie vermöchte man durch Worte
Zu schildern nicht; drum gnüge jenes Beispiel,
Wem Gnad' es zu erfahren aufbewahret.
Ob ich von mir der Teil nur, den zuletzt du
Erschufst, o Liebe, die den Himmel lenket,
Du weißt's, die du mich hobst mit deinem Lichte.
Words may not tell of that trans-human change;
And therefore let the example serve, though weak,
For those whom grace hath better proof in store.
If I were only what thou didst create,
Then newly, Love! by whom the Heaven is ruled;
Thou know’st, who by Thy light didst bear me up.
Trasumanar? An Tagen wie diesen bietet die Göttliche Komödie von Dante Alighieri Trost und Erbauung. Der Ausschnitt aus dem ersten Gesang, gleich nachdem Dante und seine Beatrice im Paradies angelangt sind, gehört zu den Offenbarungen der Transhumanisten, jedenfalls im angelsächsischen Sprachraum. "Trans-human change" steht hier für den Leib, der dem Purgatorium der Hölle entronnen ist, abgelegt wird und sich dem ewigen Leben asymptotisch nähert. Was Dante besang, griff Pierre Teilhard de Chardin auf, um schließlich den Omegapunkt zu finden, an dem Menschen transhuman werden.
*** An diesem Punkt schalten sich die Maschinen in die Debatte ein, denn Donna Haraway studierte an der Teilhard de Chardin Foundation in Paris dessen Ideen und schrieb das Cyborg-Manifest "Lieber Cyborg als Göttin. Für eine sozialistisch-feministische Unterwanderung der Gentechnologie". Auf Deutsch erschien es 1984 im deutsch-englischen Jahrbuch Gulliver, das sich ausführlich mit Orwells 1984 befasste. Gegen die Informatik der Herrschaft setzte Haraway die feministische Informatik. "Kommunikations- und Biotechnologie sind die entscheidenden Werkzeuge zum Umbau unserer Körper", so ihr Leitsatz, mit dem sie für einen "grundlegenden Umbau der Reproduktionssysteme des nächsten Jahrhunderts" warb. Cyborgs im Inkubator ausbrüten? Warum nicht, entlastet es doch die Frau von der Reproduktionsaufgabe. Und welche komische Reproduktion hatte eigentlich da an Weihnachten im Jahre 0 ein Ergebnis gebracht?
*** Feiern wir also zeitgemäß den fröhlichen Transhumanismus als Bastelei, damit der Mensch endlich ein taugliches Sprungbrett zum Übermenschen abgibt. Die Anfänge sind niedlich, wenn sich passend zum Weihnachtsfest c't-Redakteur Julius Beineke mit seinem frisch eingedongelten Chip vorstellt. Die musikalische Untermalung gibt natürlich der Song IBM von Throbbing Gristle, der auf einer "IBM" beschrifteten Datasette basiert, die der pandrogyne Transhumanist Genesis P-Orridge auf der Straße fand. Der verlinkte Text verweist auf ein Theater-Interview und enthält den hübschen Anpfiff des Publikums durch Genesis, der prächtig zu diesem Weihnachten passt: "For fuck’s sake, wake up! The world’s collapsing around you, and all you’re worried about is whether you’ve got the right laptop. Wake up!"
*** Transhumanisten gibt es in der IT viele, von dem hier oft genug zitierten Google-Humanen Ray Kurzweil mit seiner technologischen Singularität bis hin zur Bill und Melinda Gates Foundation, die mit ihrem Impfprojekten der Menschheit neuen Anschwung geben will. Bekanntlich ist ja die staatliche Impfpflicht die erste Stufe der Transhuminierung. Festlich gestimmt sollte man sich daran erinnern, dass das erfolgreichste "human enhancement-Projekt" Viagra auch von transhumanistisch Gesinnten angestoßen wurde. Ganz im Sinne von Teilhard de Chardin gibt es sogar eine ordentliche Religion mit allem Drum und Dran und einem Papst. Unverständige Leute lassen es in der Print-Ausgabe in den Überschriften witzeln: Näher, mein Bot, zu dir, während die Online-Ausgabe es etwas ernster mit dem "Way of the Future" nimmt, der auf eine KI-gesteuerte Gottheit wartet.
***Alles nur hohle Phrasen? Das ist beim KI-Way of the future gar nicht so einfach zu bestimmen. Bereits in der letzten Wochenschau war die automatische Gesichtserkennung ein Thema, weil der geschäftsführende Bundesinnenminister sich von ihr wahre Wunderdinge erwartet. 70 Prozent der Gesuchten sofort gefasst! Kein juristisch grenzwertiges Fahndungsersuchen mit der Methode Barbie mehr. Aktuell gibt das Bundesinnenministerium nur raunende Hinweise zum Projekt am Bahnhof Südkreuz, was zu trefflichen Überlegungen führt, ob man nicht besser Schimpansen würfeln lassen sollte beim Verhaften der Straftäter. Das alles mag etwas ins Leere führen. Zwar testen Bundesbahn, Bundeskriminalamt und Bundespolizei am Südkreuz die Leistung der Gesichtserkennungssoftware von Herta, L1 Identity Solutions und Elbex., doch der sehnsuchtsvolle Blick von Thomas de Maizière & Co richtet sich nach China, wo Baidu eine Erkennung basierend auf wirklichen Bilderfluten, Massen von Trainingsdaten und Deep Learning entwickelt, oder in die USA., wo Google, Facebook bei der Gesichtserkennung eine Präzision erreichen, die 70 Prozent Erkennungsrate lächerlich erscheinen lassen. Hier ist der Gott der künstlichen Intelligenz am Werke und seinen Augen entgeht nichts.
*** Das Christentum, das heute feiert, ist eine Religion, für die der Mensch aus einem materiellen Körper und einer immateriellen Seele besteht. Diese kann transhuman wie bei Dante ins Paradies auffahren, oder eben in anderer Weise in einer KI gespeichert werden. Wo keine biologische Entität mehr da ist, mag die Identität im Cyberspace gespeichert werden. OK, so ganz gelöst ist das Seelen-Aufstiegs-Umstiegs-Problem des Mind Uploading bzw. der "Whole Brain Simulation" noch nicht, weshalb Vertreter wie FM-2030 in kryonischer Halteposition darauf warten müssen, dass es weitergehen kann. Das es überhaupt weitergeht, ist gar keine Frage, denn Transhumanisten sind die geborenen Optimisten schlechthin. Ihnen kann man nicht einmal mit dem Gattaca-Argument kommen, da zücken sie sofort das Smartphone, mit dem an diesem Tag Millionen gelangweilter Kinder spielen.
*** Müssen wir an etwas glauben, weil da nichts ist?? Es gibt jedenfalls keinen Zweifel, dass dieser Transhumanismus die besseren Karten hat. Was sagt T.C. Boyle nochmal im bezaubernden Weihnachtsinterview der tageszeitung über die transhumanen Gentechnologie? "Sie wird dazu führen, dass wir in einer Generation, so schätze ich, keine Menschen mehr sind. Ich bin davon überzeugt, dass Gene dann nicht mehr im Bett vermischt werden, sondern im Labor. Im Moment erzählen uns Genetiker und Molekularbiologen noch, die Technologie sei eine gute Sache, weil wir mit ihr Erbkrankheiten verdrängen können – das Brustkrebsgen BRCA1 zum Beispiel. Es kann aus der Keimbahn eines Menschen gelöscht werden. /../ Doch der nächste Schritt ist, wie meine Geschichte nahelegt, der zum perfekten Menschen. Der sich nicht mehr zufällig entwickelt, sondern mit Eigenschaften, die man sich aussuchen kann. Die Menschen werden Größe wollen. Intelligenz. Eine bestimmte Augenfarbe. Musisches Talent. Noch heißt es, mit so was würde niemals am Menschen experimentiert. Aber in bestimmten Ländern wird man das tun. Und dann werden auch wir aufholen müssen, weil man eine Superrasse kreiert. Jeder wird das intelligenteste Kind bekommen wollen, das er haben kann.
Was wird.
So verdrehen sich die Begriffe und wir drehen uns mit Ihnen. Wie war das noch mit dem Konzept der informationellen Selbstbestimmung? Ein Kampfbegriff gegen die Schnüffelgier des Staates, gegen den Einsatz von Staatstrojanern, gegen die Preisgabe von personenbezogenen Daten. In diesen festlichen Dezembertagen haben sich nun der Volkswagenkonzern und die von ihm beauftragte Rechtsanwaltskanzlei Jones Day auf genau dieses informationelle Selbstbestimmungsrecht berufen, um die Staatsanwaltschaft München daran zu hindern, die Hintergründe der Abgasaffäre bei VW und Audi zu klären. Die Firmen legten einen Einspruch beim Bundesverfassungsgericht ein, weil die Akteneinsicht durch die Strafverfolger dem informationellen Selbstbestimmungsrecht der Firmen widerspreche. Darüber muss Anfang Januar entscheiden werden. Die Argumentation ist gefährlich. "Dann könnten Konzerne mit eigenen Untersuchungen den staatlichen Ermittlern zuvorkommen; könnten brisante Akten in Anwaltskanzleien auslagern und vor dem Zugriff der Behörden schützen; könnten einen rechtsfreien Raum schaffen."
Interessante, gleichwohl nicht wirklich rechtsfreie Räume für die Liebhaber der persönlichen informationellen Selbstbestimmung werden in diesen Tagen in Leipzig installiert. Der Chaos Communication Congress versucht, gleich nach Weihnachten vier Tage lang ein ausgesprochen ödes Messezentrum zu bespielen. Anderen haben die Chaoten mit einem kleinen Hinweis eher stresshaltige Weihnachten beschert. Eine Erklärung zur beA-Panne zeigt freilich, dass Chaos auch ganz anders aussehen und sogar im Innern einer Bundesanwaltskammer existieren kann.
So endet die kleine transhumane Wochenschau natürlich mit Nietzsche und der Lehre von dem Übermenschen: "Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch." (jk)