Post aus Japan: Radarfallen ohne Folgen

Japan und Korea wenden modernste Radartechnik an, um TemposĂĽnder aufzuspĂĽren. Aber sie tun alles dafĂĽr, dass niemand bestraft wird.

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Von
  • Martin Kölling
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Autofahren ist für viele Fahrer in Deutschland ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei. Man merkt sich fest installierte Radarfallen, um hoffentlich rechtzeitig den Fuß vom Gas zu nehmen, um just innerhalb des Tempolimits den Gefahrenbereich zu durchgleiten. Oder man versucht, mobile Radarfallen zu erkennen. Ganz hartnäckige Tempobolzer schaffen sich vielleicht sogar Radarwarner an. Doch wehe dem, der erwischt wird.

Hier in Ostasien ist die Lage ganz anders. Nicht, dass es keine Radargeräte gebe. In Japan sind sie durchaus weitverbreitet. Und ich habe noch nie so viele fest installierte Kameras auf der Autobahn wie beim meinem jüngsten Korea-Trip gesehen. Aber sie werden ganz anders genutzt, nicht als Methode, jeden Schnellfahrer zu fassen oder als Finanzquelle, sondern eher als mehr oder weniger sanfte Mahnung an die Bürger, doch bitte nicht (viel) zu schnell zu fahren.

Post aus Japan
Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Japan und den Nachbarstaaten.

Beginnen wir ausnahmsweise mit Korea. Die Polizei dort blitzt eifrig, wenn einer auch nur etwas zu schnell ein Radargerät passiert. Aber damit bestrafen sie eher Dummheit als das Sündigen selbst. Schließlich gibt es heutzutage keinen Grund mehr in Korea, sich erwischen zu lassen. Denn die Navigationssysteme der Autos bieten einen ganz besonderen Dienst: Sie warnen rechtzeitig vor den verschiedenen Radarzonen, so dass die Fahrer genug Zeit haben, abzubremsen.

Drei verschiedene fest installierte Radarzonen gibt es dabei auf den Autobahnen: Die klassische mit einer festgeschraubten Radarkamera; eine mehrere Kilometer lange ZonenĂĽberwachung, in der die Kamera ĂĽberall stehen kann; und eine meist ĂĽber zehn Kilometer lange GeschwindigkeitsĂĽberwachungszone, in der die Fahrer im Durchschnitt nicht schneller als erlaubt fahren dĂĽrfen. Meist liegt das Tempolimit bei 100 km/h.

Die letzte ist Zonenüberwachung finde ich dabei besonders interessant. Dabei werden die Autos zu Beginn und am Ende der Zone erfasst. Und so kann das System dann rechnerisch die Durchschnittsgeschwindigkeit errechnen und notfalls blitzen. Die Fahrer wiederum können Entscheiden, dass sie auf einem Teil der Zone etwas zu schnell fahren, um das an anderer Stelle wieder durch Schleichen auszugleichen. Das regt zum Nachdenken an und nicht einfach nur zum Umgehen der Radarzonen.

Neueste Technik hilft nun komfortabel dabei, die Richtwerte einzuhalten. Im Navi-Display wird nämlich nicht nur der genaue Standort der Radarfalle oder Überwachungszone angegeben, sondern auch die genaue Geschwindigkeit zu diesem Zeitpunkt oder der derzeitige Durchschnittswert in einer Tempodurchschnittszone. Dabei zeigt die Navi nach meiner Erfahrung fünf bis sechs Kilometer pro Stunde weniger als der Tacho an.

In Japan wird das Thema anders geregelt. Dort führen die Navigationsgeräte zwar nicht die Radargeräte auf. Aber dies ist auch nicht wirklich nötig. Denn erstens müssen die Fahrer durch große Schilder über der Straße oder am Straßenrand über die Existenz einer Radarfalle informiert werden. Zweitens scheinen die Radargeräte sehr tolerant zu sein.

Es scheint die ungeschriebene Formel zu gelten, dass "Tempolimit plus 20 km/h" absolut ok und noch etwas mehr noch drin ist. Auf der Tokioter Stadtautobahn (Tempolimit 60) bin ich mit 80 km/h einer der langsamsten Verkehrsteilnehmer. Tempo 50-Zonen auf der Autobahn werden zudem gänzlich von den Fahrern ignoriert. Die meisten donnern einfach mit 100 km/h weiter, weil sie keinen rationalen Grund erkennen, warum die Polizei just an dieser Stelle Schneckentempo verordnet hat.

Selbst die Tempomaten der Autos laden zum Brechen der offiziellen Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen ein, die gerade einmal 100 Kilometer pro Stunde beträgt. Sie lassen sich nämlich auf 114 bis 115 km/h einstellen. Dies sei mit der Polizei so abgesprochen, sagte mir ein Ingenieur eines japanischen Herstellers einmal.

Die Polizei konzentriert allerdings auf die richtigen Raser, die mehr als 40 km/h zu schnell fahren. Doch die werden anscheinend weniger mit Radarfallen gefangen, sondern durch Zivilstreifen auf der Autobahn. Immer wieder sehe ich auf dem Standstreifen, wie ein meist sportlicher Wagen von einer recht schnellen, aber unauffälligen japanischen Limousine gestoppt wurde.

Aus deutscher Sicht wĂĽrde ich erwarten, dass es viele Zuschnellfahrer gibt, weil TemposĂĽnden entweder vermeidbar sind oder erst ab schnellem Rasen hart bestraft wird. Doch faszinierender Weise habe ich trotz des lockeren polizeilichen Umgangs mit Tempolimits weder in Japan noch in Korea viele Raser auf der Autobahn erlebt. Die meisten halten sich auch ohne drastische Ăśberwachung an das offizielle Tempolimit von 100 km/h (Tokioter Stadtautobahn ausgenommen). Denn irgendwie scheinen die Fahrer mehrheitlich davon ĂĽberzeugt worden zu sein, dass schnelles Fahren unsicher sei. Angesichts dieser Erfahrung stelle mir immer wieder die Frage: MĂĽssen es immer harte Kontrollen sein oder kann diese sanftere Tour nicht auch in Deutschland funktionieren?

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