Spazierfahrt mit Antimaterie

Wie das CERN den Aluhüten neue Nahrung gibt.

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Erinnert sich noch jemand an den Film Illuminati? Ein Thriller von Dan Brown, in dem $(LEAntimaterie eine ganz wichtige Rolle spielt. Das Zeug wird - natürlich - hergestellt am Cern für irgendein wichtiges Experiment. Normalerweise befindet sich diese Antimaterie in einem speziellen Isolationsbehälter, abgeschirmt durch elektromagnetische Felder und ein Vakuum, denn wenn Antimaterie mit Materie in Berührung kommt, knallt es. Die so genannte "Annihilation" - fachchinesisch für Auslöschung - sorgt dafür, dass Materie und Antimaterie auf einen Schlag in Energie umgewandelt werden. In dem Film stiehlt ein Auftragskiller nun genau solch einen Antimaterie-Behälter und will ihn als Bombe verwenden.

Das Magazin Welt der Physik hat den Film seinerzeit kritisch gewürdigt, und festgestellt, dass Brown und seine Kollegen nicht völlig frei phantasiert haben. Denn am Cern wird tasächlich Antimaterie hergestellt. Der so genannte Antiproton-Entschleuniger bremst Antiprotonen, die bei der Kollission von schnellen Protonen mit einem massiven Metallblock entstehen. Und die Antiprotonen werden dann tatsächlich in einer elektromagnetischen Falle gespeichert, die durch ein Vakuum von der Umwelt isoliert ist.

Im Film bezieht der Antimaterie-Speicher seine Energie allerdings aus einer Batterie - die langsam leer läuft, was der Handlung eine zusätzliche Dramatik verleiht. "In der echten Physik sind die Antimateriespeicher nie batteriebetrieben", urteilen die Experten, "die benötigten Energiemengen, um die Speicherfelder zu erzeugen, sind viel zu groß, um aus Akkus gespeichert werden zu können." Im übrgen, versichern die Experten, könne man gar nicht genügend Antimaterie in so einer echten Falle speichern, um eine wirklich katastrophale Explosionswirkung zu erzeugen.

Aber jetzt kommt's: Wissenschaftler am Cern wollen eine Milliarde Antiprotonen erzeugen, speichern, den Behälter mit einem Lastwagen durch die Gegend fahren, um die Anti-Teilchen dann in einem anderen Labor auf ein Target mit radioaktivem Lithium zu schießen. Das PUMA genannte Projekt ist keine Fiktion. Das Experiment soll 2022 realisiert werden und Auskunft über die Verteilung von Neutronen im Atomkern geben.

Die haben Nerven, muss ich sagen. Nicht, weil das Experiment an sich besonders gefährlich wäre. Es ist sicherlich nicht ganz ohne Risiko, aber wehr routinemäßig tonnenschwere Magnete mit Helium kühlt, entwickelt natürgemäß eine gewisse Vorsicht. Aber das Experiment wird den Verschwörungstheoretikern und Aluhüten, die sich mit dem Cern beschäftigen, jede Menge neue Munition liefern. Beim letzten mal richteten sich deren Befürchtungen darauf, mit den Hochenergie-Exerimenten könne ein schwarzes Loch entstünde, das die Erde verschlingen könnte. Im März 2010 reichte eine Klägerin sogar beim Bundesverfassungsgericht einen Eilantrag ein, mit dem sie Experimente am Cern stoppen wollte.

Jetzt also Antimaterie. Ich bin gespannt, wann der britische "Express" auf die Geschichte aufspringt. Dunkle Wolken über dem Cern haben sie ja schon ausgemacht. Es gibt Dinge, die sind so bizarr, die kann man sich einfach nicht ausdenken - aber die wirklich bizarren Dinge passieren immer noch am ehesten außerhalb des Labors.

(wst)