Musik aus dem Internet - der Tanz um das Goldene Kalb
In den USA versuchen Lobbyisten ihrer Industrie die Pole Position im Rennen um die Musik im Internet zu sichern.
Verfolgt man das momentane Gerangel um die Zukunft des Napster-Dienstes, scheinen die Fronten zunächst geklärt: Auf der einen Seite die Napster-Community, die an einem möglichst kostengünstigen Austausch von Musikdateien interessiert ist, auf der anderen Seite die Musikindustrie, deren bestehende Vertriebssysteme durch die digitale Selbstbedienung unterlaufen werden.
Doch auch an anderer Stelle ist ein Kampf um das Goldene Kalb entbrannt: Schließlich rechnen Analysten damit, dass der Markt für den Online-Verkauf von Musik allein in den USA bereits 2005 ein Volumen von 5,63 Milliarden US-Dollar erreichen wird. Lobbyisten zweier Fraktionen geben sich daher nach Angaben des Wall Street Journal momentan im US-amerikanischen Repräsentantenhaus die Klinke in die Hand: Interessenvertreter der "alten" Plattenindustrie wechseln sich mit denen der aufstrebenden Dot.com-Unternehmen ab.
Letztere haben sich erst 1998 unter dem Dach der Digital Media Association (DIMA) formiert. Ihr Ziel: Die gesetzgebenden Instanzen sollen die Plattenindustrie zwingen, spezielle Online-Lizenzen für ihre Musikstücke zu vergeben. Viele der von DIMA vertretenen Unternehmen hätten nämlich schon lange die technischen Möglichkeiten, Musik über eigene Online-Portale zu vertreiben – wenn die Plattenlabels den Vertrieb durch Lizenzvergabe nur ermöglichen würden.
Die Plattenfirmen wollen jedoch selbst am großen Geschäft mit Online-Musik verdienen. Unter dem Dach der Recording Industry Association of America (RIAA) versuchen sie, die rechtliche Situation bis zum Aufbau eigener elektronischer Vertriebswege stabil zu halten: "Die Plattenindustrie hat die Botschaft laut und deutlich empfangen: Die Konsumenten wollen Online-Musik, und wir werden sie ihnen liefern", sagte Hilary Rosen, Präsidentin der RIAA. Delegationen der RIAA versuchen daher auf die Beibehaltung bestehender Urheberrechtsgesetze hinzuwirken.
Allen Beteiligten ist klar, dass entsprechende Angebote schnell zur Verfügung gestellt werden müssen. Sollte Napster geschlossen werden, wird sich die extrem bewegliche Online-Käuferschaft schnell nach anderen Alternativen umsehen. Das Rennen um die potentielle Napster-Nachfolge hat begonnen. (sha)