Hack the Planet

Sollten wir mit massenhaft gestarteten Wetterballons das Klima retten?

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Es gibt eine Menge Dinge, die uns in letzter Zeit Sorgen bereiten könnten: Die Ausbreitung von Verschwörungstheorien aller Art, die Auswirkungen eines Asteroiden-Einschlags auf der Erde, das neue atomaren Wettrüsten, das jüngste Windows Update – und natürlich auch die möglichen Folgen des Klimawandels. Auch wenn die noch in der Zukunft liegen.

US-Wissenschaftler haben die Kunst sich Sorgen zu machen jetzt jedoch auf eine neue Meta-Ebene gehoben. Sie machen sich Sorgen ĂĽber unreguliertes Geoengineering.

Ăśber was? Geoengineering bedeutet, das Klima durch technische MaĂźnahmen zu stabilisieren. Also nicht durch massenhaftes Autofahren.

Die Debatte über das Für und Wider einer großtechnischen Manipulation des Weltklimas läuft bereits seit Anfang der 2000er Jahre. Damals hatte der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen vorgerechnet, dass es reichen müsste, ungefähr eine Million Tonnen Schwefeldioxid-Partikel in zehn bis 50 Kilometer Höhe zu verteilen, um den Klimawandel zu stoppen.

Der Vorschlag hat ja tatsächlich etwas Bestechendes: Keine mühsamen, jahrelangen politischen Verhandlungen mehr, keine fruchtlosen Appelle an die menschliche Vernunft, keine neuen Gesetze und Regulierungen, kein Verzicht auf Wirtschaftswachstum und nur wenig Zusatzkosten – und die Gefahr des Klimawandels wäre trotzdem gebannt. Kritikern dieses Konzeptes gelten solche Pläne allerdings als Ausgeburten des großtechnischen Machbarkeitswahns – letzte Zuckungen einer aussterbenden Spezies technikgläubiger Betonköpfe, die der Notwendigkeit von Kohlendioxid-Reduktion durch abenteuerliche Tricks entgehen wollen.

Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten bei der Realisierung solch abenteuerlicher Pläne müsste sich die internationale Staatengemeinschaft allerdings erst mal auf verbindliche Regeln einigen, sonst könnte die Klimamanipulation leicht zum Auslöser eines Krieges werden.

Ein neues Paper von Jesse Reynolds und Kollegen weist jedoch darauf hin, dass nicht nur Staaten die Sache selbst in die Hand nehmen könnten: Organisiert über dezentrale Netze könnten auch frustrierte Klima-Aktivisten Ballons mit jeweils einigen Kilogramm Schwefeldioxid in die Stratosphäre aufsteigen lassen, schreiben die Wissenschaftler. Do it Yourself-Kits für solche Ballons gäbe es bereits ab 25 Dollar in Online-Shops zu kaufen, und die notwendige räumliche und zeitliche Koordination der Ballons könnte über dezentrale Online-Plattformen mit Hilfe der Blockchain koordiniert werden.

Interessante Idee eigentlich. Beim ersten Lesen war mir jedenfalls nicht ganz klar, ob die Autoren das Szenario als Vorschlag oder als Drohung verkaufen wollen. Noch ist das eh ganz viel konjunktiv, und die Klima-Aktivisten kämpfen weltweit eher für einen Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung. Vielleicht haben die Harvard-Wissenschaftler ihr Paper aber ja auch geschrieben, um ihren Kollegen von der Atmosphärenchemie ein wenig unter die Arme zu greifen.

Denn noch in diesem Jahr wollen David Keith und Frank Keutsch von der Harvard University ein erstes Experiment starten, bei dem sie kleine Mengen Kalzium - rund 100 Gramm - in 20 Kilometer Höhe ausbringen, um dann die Änderungen in der Atmosphärenchemie zu messen. Das Experiment muss allerdings zunächst noch von einer externen Expertengruppe geprüft und freigegeben werden. Bisher ist der Konsens unter Wissenschaftlern eher, dass das Risiko einer solchen Intervention zu groß sei. Doch je mehr sich herauskristallisiert, dass politische Maßnahmen wahrscheinlich nicht ausreichen, desto mehr verschiebt sich dieser Konsens.

(wst)