IFA

DVD Audio bekommt weitere Chance

Zur diesjährigen IFA soll nun an beiden Fronten, bei Hard- und Software, eine neue DVD-Audio-Offensive gestartet werden.

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Von
  • Tobias Wiethoff
  • gms

Manchmal ist der Fortschritt eine Schnecke: Bereits auf der vorigen Internationalen Funkausstellung (IFA) vor zwei Jahren wurden mit der Super Audio CD (SACD) und der DVD Audio zwei potenzielle Erben der CD vorgestellt. Doch aus dem erwarteten Konkurrenzkampf an der Ladentheke wurde zunächst nichts: Nach dem Crack des DVD-Video-Kopierschutz CSS im November 1999 verlor die Musikindustrie das Vertrauen in das für DVD Audio vorgesehenen Verfahren "CSS II". Die Umstellung auf ein neues Schutzsystem verzögerte die Einführung danach erheblich. Zur diesjährigen IFA soll nun an beiden Fronten, bei Hard- und Software, eine neue DVD-Audio-Offensive gestartet werden.

Die Warner Music Group, Teil des Medienkonzerns AOL Time Warner, hat mit ihren Labels Eastwest, Teldec oder Erato bislang rund 30 Titel auf den Markt gebracht. "Ich hoffe, dass sich die Zahl bis zur IFA auf 50 bis 60 erhöht", sagt Stefan Michel von Warner Music Germany in Hamburg. Unter den bisher erhältlichen Scheiben laufen Klassiker der Popgeschichte am besten: etwa L.A. Woman von den Doors, Rumours von Fleetwood Mac oder das erste Album der Gruppe Foreigner. Die DVD Audio präsentiert die älteren Titel nicht nur in frischem Gewand, sie bietet darüber hinaus die Möglichkeit, Zusatzinformationen wie Songtexte, Band-Biografien oder Videoclips über den Fernseher zu betrachten.

Die Aufnahmen aus den sechziger und siebziger Jahren waren zunächst nicht auf Raumklang ausgelegt, können aber durch die Vielzahl der damals bespielten Tonspuren gut auf die neue Technik übertragen werden. "Bei vielen neueren Titeln mit ihrem zusammengemixtem Sound ist das nicht so leicht möglich", so Michel.

Mit den neun Sinfonien Ludwig van Beethovens, dirigiert von Daniel Barenboim, ist auch eine Einspielung im Programm, bei der die Möglichkeiten der neuen Technik schon während der Aufnahme berücksichtigt wurden. Trotzdem steht die Klassik bei den Verkaufszahlen im Schatten der Poptitel. Offenbar spricht die DVD-Audio vor allem die Generation der über 30-Jährigen an, die neuer Technik gegenüber aufgeschlossen ist und gut genug verdient, um sie sich auch leisten zu können.

Auch die Plattenfirma BMG vertraut bei ihrer ersten Veröffentlichung zunächst auf Pop: Kurz vor der IFA ist das Album Two against nature der Gruppe Steely Dan erschienen. "Wir setzen auf dieses Medium. Da liegt die Zukunft drin", sagt Joe Hugger von de BMG Media GmbH. Eine Hürde für die Durchsetzung der DVD-Audio könnten die noch recht hohen Software-Kosten bedeuten, die pro Scheibe bei knapp unter 50 Mark liegen. Hier will das Klassik-Billiglabel Naxos Abhilfe schaffen. Angekündigt sind drei Neuerscheinungen zum Discountpreis von jeweils rund 30 Mark.

Auch bei den DVD-Audio-Playern sollen zur IFA Schallmauern durchbrochen werden. Der japanische Hersteller Panasonic hat beispielsweise mit dem DVD RA 61 einen "Preisbrecher" angekündigt. Da das bislang günstigste Modell der Marke bei rund 1500 Mark notiert, wird über einen Wert von knapp unter 1000 Mark spekuliert. Dennoch weiß Lars Wülfken von Panasonic, dass es zur Durchsetzung der neuen Technik noch einiger Anstrengung bedarf. "Das Thema Kopierschutz ist immer noch nicht bei allen Labels ausgestanden – dabei müsste die Software-Industrie die DVD-Audio jetzt pushen." Auf der IFA will Panasonic die Besucher in einem speziellen Studio von den Vorzügen des Raumklangs überzeugen.

Die anfänglichen Schwierigkeiten im DVD-Audio-Lager hat den Konkurrenten Sony frohlocken lassen, der bereits kurz nach der IFA 1999 mit ersten SACD-Geräten auf den Markt kam und über das eigene Plattenlabel auch vergleichsweise zügig Software verfügbar hatte. "Gemessen an der Vielzahl der CD-Formate hatten wir einen sehr guten Start. Der Zug fährt in Richtung SACD", ist sich Sony-Sprecherin Myriam Hoffmann sicher.

Im Frühjahr hat Sony nach den stereophonen Anfängen der SACD das erste Gerät mit Mehrkanalton präsentiert. Es soll zur IFA durch einen kleineren Bruder ergänzt werden. Kooperationspartner Philips ist gleich mehrkanalig in das Thema SACD eingestiegen: Ihr SACD 1000 genanntes Modell ist mit 4000 Mark recht teuer, spielt dafür aber auch DVD-Videos ab.

Auch wenn jedes Lager auf die Vorzüge des jeweiligen Systems verweist – warum dem darbenden HiFi-Markt überhaupt ein neuerlicher Kampf der Formate zugemutet wird, ist nicht einmal Branchenkennern einsichtig. "Das verunsichert die Kunden doch total", meint High-End-Produzent Dieter Burmester aus Berlin. Sein Unternehmen hat mit dem 17 800 Mark teuren Burmester 001 einen CD-Spieler im Sortiment, der zwar der herkömmlichen Technik folgt, diese aber bis aufs Äußerste ausreizt. "Als SACD und DVD-Audio auf den Markt kamen, wurde mir prophezeiht, dass ich bald keinen einzigen CD-Spieler mehr verkaufen würde - und jetzt ist er mein Verkaufsrenner", erinnert sich Burmester. (Tobias Wiethoff, gms) / (nij)