Was war. Was wird. Von Scherzen und anderen intelligenten Äußerungen.

Es gibt noch gute Nachrichten, auch wenn manchen die Grenzen ihrer Welt nicht nur sprachlich aufgezeigt werden, freut sich Hal Faber.

vorlesen Druckansicht 64 Kommentare lesen
Was war. Was wird. Von Scherzen und anderen intelligenten Äußerungen.

Eigentlich grenzenlos. Besser wärs jedenfalls.

(Bild: NicoElNino / shutterstock.com)

Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

(Bild: Marshall Mc Luhan, Quentin Fiore: Das Medium ist die Massage )

*** Nein, das Netz ist nicht kaputt. "Wenn Information an Information gerieben wird", schrieb Marschall McLuhan zu den Netzstrümpfen, "erzielt man erstaunliche Ergebnisse". So leben wir mit erstaunlichen Ergebnissen in interessanten Zeiten. Selbst der größte Aprilscherz schafft es nicht, sich an den Kalender zu halten. Da war doch dieser Tag, an dem Geschichte hätte geschrieben werden können, doch dann haben sie sich nicht zu dürfen getraut, um es mit Karl Valentin zu sagen: Am 29. März wollte Großbritannien die EU verlassen und wieder eine Weltmacht werden, wie es Jacob Rees-Mogg behauptete. Mitten in der Fastenzeit wollte der gläubige Katholik an diesem Datum ein paar Flaschen Bollinger köpfen und "Rule, Britannia!" anstimmen. Daraus wurde nichts, denn Theresa May verlor am Donnerstag auch die dritte Abstimmung – und die acht Probewahlen tags zuvor. Macht nichts, jetzt soll die vierte kommen. Irgendwie erinnert das an die sehr britische Sage vom Schwarzen Ritter und seinen vier Gliedmaßen, die man, Uploadfilter hin, Uploadfilter her, bei Youtube bestaunen kann. Genießen wir es mit ein paar Flaschen Pol Roger, es gibt ja nicht allzu viel zu lachen in einer Zeit, in der selbst Microsoft :Aprilscherze untersagt. Oder sollt es lieber ein, zwei, drei Pint lauwarmes Bier sein?

*** Der nächste "Stiff Upper Blörb" zu diesem Thema ist dann der 12. April. Ausgerechnet am Ehrentag des Union Jack, der vor 413 Jahren erstmals gehisst wurde. Die Mischung aus Georgskreuz (England) und Andreaskreuz (Schottland) wurde später noch einmal mit dem Patrickskreuz (Irland) aufgepeppt. Jetzt sieht es dachlattentechnisch so aus, als würden sich diese drei Länder am liebsten mit richtigen Kreuzen prügeln. Die beste Aprilscherzrede hielt denn auch Steve Baker von der European Research Group des Jacob Rees-Moog. Er brüllte, dass er mit einem Bulldozer kommen und die Trümmer des Unterhauses in die Themse schieben werde. Das wäre dann der große Abriss.

*** Bekanntlich hat sich auch die EU nicht mit Ruhm bekleckert und für den Einsatz von Uploadfiltern gestimmt. Die Meldung zu dieser Entscheidung dürfte es zusammen mit 2400 Kommentaren locker in die Top Ten von 2019 bringen. Besonders beschämend, wie zur Rede von Julia Reda gepöbelt wurde. Nichts zu spüren von der Würde des Hauses, auch hier war die Bulldozerei beim Brüllen nicht fern. In der Rede ist das Logo der Piratenpartei eingeblendet, was schon wieder historisch ist. Denn Julia Reda hat die Piratenpartei verlassen, weil ihr ehemaliger Büroleiter Gilles Bordelais auf Platz 2 der EU-Wahlliste der Piraten kandidiert. So ist die bittere #MeToo-Debatte wieder auf der Tagesordnung und dieses Twitter-Video endet ebenso bitter wie konsequent: "Wenn ihr also meine Arbeit wertschätzen wollt, dann wählt eine Partei, die sich gegen Uploadfilter engagiert hat - aber wählt nicht die Piratenpartei."

*** Und sonst so, was sagt die Bewegung? Halt, da ist gar keine, meint ein Journalist und schreibt davon, dass all die protestierenden Youtuber keine Freiheitskämpfer sind. "Ich schlage vor, in den Uploadfiltern ganz pragmatisch eine Chance zu sehen. Die Macht über künstliche Intelligenz und unsere Timelines liegt doch eh schon im Silicon Valley. Uploadfilter wären die ersten Algorithmen, die unter Beobachtung der Netzgemeinde stünden, statt sich ihnen willenlos zu unterwerfen. Daraus könnte ein neues Bewusstsein entstehen, ein Bedürfnis, auch das Bisherige unter öffentliche Kontrolle zu stellen. Möglich wäre auch, solche Filter mit staatlicher Förderung in Europa zu entwickeln und kleine Plattformen zur Verfügung zu stellen." Wir halten fest: Gegen die Macht der großen Netzkonzerne mit der Verfügungsgewalt über die künstliche Intelligenz können quelloffene Filter, die mit staatlicher Förderung in Europa programmiert werden, ein Widerstandszeichen setzen. Logik, ick hör Dir trapsen, oder, wie Wittgenstein so schön sagte: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Diese Welt scheint sehr klein zu sein.

*** Und überhaupt: Da kommt die Erfolgsmarke "KI made in Germany" ins Spiel, gegen die KI der anderen und so passt es wie die Faust aufs Auge, dass in dieser Woche ein elfköpfiger internationaler KI-Experten-Beirat ins Leben gerufen wurde, der vernetzt und verzahnt, was es nur in der KI zu vernetzen, zu verzahnen und zu verarzten geht. Wer jetzt lästert, es gehe da nur um das Abgreifen und Kanalisieren von Fördergeldern, also den 500 Millionen oder den drei Milliarden, die bis 2025 angepeilt sind, hat natürlich recht. Darum geht es immer. Gut lässt sich das bei Turing Awards für 2018 verfolgen, deren Preisträger in dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Kein Deutscher dabei? Gähn, was für eine uninteressante Meldung.

*** Liest man die Begründungen der Association of Computing Machinery, so wird schnell klar, dass alle drei Preisträger für ihre Pionierarbeiten auf dem Gebiet des Deep Learning geehrt werden. Nun lade man das Strategiepapier der Bundesregierung in einen Dateibetrachter und gebe als Suchbebegriff mal "deep" ein. Kein Treffer? Vielleicht wollten sich die KI-Strategen der Regierung keine Blöße geben, wie weiland der heutige Turing-Preisträger Geoffrey Hinton, der in seinem Paper von 1983 alle möglichen Begriffe benutzte, um die Aufpasser der offiziellen KI-Lehre nicht zu wecken. Den hübschen Rest vom Paradigmenwechsel kann man bei Thomas Kuhn lesen. Vielleicht aber haben die KI-Strategen der Regierung aber auch keine Ahnung zum Forschungsstand bei neuronalen Netzen. Das wäre doppelplusungut, um es höflich im Forensprech auszudrücken.

*** Gute Nachrichten? Klar! Der SC Freiburg hat bei den Bayern ein Unentschieden geschafft. Yessss! Es gibt sie noch, die große Gerechtigkeit für die, die sie verdient haben.

Die Schlachten sind geschlagen, die Wunden werden verarztet, in Freiburg, in Großbritannien und in den USA, wo ausgewählte Teile des Mueller-Reportes veröffentlicht wurden. Bis dieser so geschwärzt ist, dass kein Dokumentenbetrachter die zensierten Stellen entlöschen kann, soll es Mitte April werden. Bis dahin lohnen sich all die Kommentare nicht, die jetzt geschrieben wurden. Bleiben wir lieber bei der KI, mit Watson, der die Medizin auf ungeahnte Touren bringen sollte. Das klappte nicht so ganz. Verglichen mit dem lebensgefährlichen Desaster, in dem die Krankenhaus-IT in den USA steckt, ist IBM mit Watson noch gut davongekommen. Aber wir wollen ja mehr davon. In Berlin startet bald die DMEA, ausgeschrieben im schicksten Englisch die "Digital Medical Expertise & Applications" als Messe für die Medizin-IT. Was früher einmal ConHIT hieß, will nun die Medical Expertise mit der Medical Experience zusammenführen. Apps, ähem, Gesundheit-Navigatoren für Patienten, soweit der Finger scrollen kann! Natürlich mit integriertem Chat-Bot und dieser KI made in Germany, wissensschon. Das Internet der Dinge integriert im Krankenbett! Da kann schon einmal das Herz rasen und der Vorhof flimmern, bis der Elektroschocker zum Einsatz kommt. Umhegt und geborgen von treuen Sensoren erwarten wir sanft gestimmt den neuen Tag. Wie war das noch mit Vivy? Inzwischen alles behoben und paletti? Höhöhö, röhrt es in der Hauspostanlage des Gesundheitsministeriums.

Wer sich nicht für die neuesten Streiche von Gesundheitsminister Jens Spahn interessiert, wird sich eher gleich nächste Woche am Rande der norddeutschen Tiefebene auf der Hannover Messe Industrie einfinden, wo Hyperloop und Richard David Precht ein Stelldichein haben, und wo heute Abend Angela Merkel ihre letzte Messeeröffnungsgala als Bundeskanzlerin bestreitet. Gerade hat sie sich noch auf den Girls Days darüber informiert, was eine Programmiererin macht, schon ist sie im Hannoveraner Hyperloop und schwärmt von den tollen Industrierobotern, die dank dieser deep neural networks Bananen besser werfen können als Menschen – mit Software von Google.

(Bild: Marshall Mc Luhan, Quentin Fiore: Das Medium ist die Massage)

Gut, sie mögen etwas doof aussehen. Dafür haben wir ja die viel schicker formatierten Papiere zur KI-Strategie. Industrielle Intelligenz hat eben viele Facetten. Womit wir bei der Auflösung des anfangs erwähnten April-Scherz-Verbotes sind. Am Messestand von Microsoft sind die Besucher eingeladen, Manufacturing a better future zu betrachten, in der Schichtarbeiter mit der Microsoft Hololens 2 vor sich hin werkeln. Das wollen wir unseren Kindern doch ersparen, oder? (jk)