Cold Case

Gehen Sie weiter. Bleiben Sie nicht stehen. Hier gibt es nichts zu sehen. Dies ist eine Geschichte von Nichts, ein kurzer Text über große Hoffnungen, die enttäuscht wurden, und eine Frage, die am Ende doch offen bleiben muss.

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Aber ich schreibe und schreibe, und Sie wissen noch immer nicht, um was es geht: Es geht um die kalte Fusion.

FĂĽr die jĂĽngeren unter den Lesern, die das vielleicht gar nicht wissen: 1989 traten zwei Elektrochemiker bei einer Pressekonferenz auf, die behaupteten, den heiligen Gral der Energieversorgung gefunden zu haben: Die Fusion von schwerem Wasserstoff zu Helium bei Zimmertemperatur in einem Becherglas.

Hätte das wirklich funktioniert, wäre es einen Nobelpreis wert gewesen. Unbegrenzte, billige Energie ohne erkennbare Nebenwirkungen. Eigentlich hätte das aber gar nicht funktionieren dürfen, denn die Atomkerne müssen sich extrem kommen, damit die Verschmelzung stattfindet. Normaler verhindert die elektrostatische Abstoßung das aber. Damit die Fusion, wie in der Sonne, wirklich zündet, braucht es extreme Temperaturen und extremen Druck. Die beiden Wissenchaftler behaupteten nun, die extremen Bedingungen würden hergestellt, wenn der Wasserstoff sich in einer Palladium-Elektrode anreichert. Mit der Zeit entwickelte sich eine reiche Theorielandschaft rund um das Experiment, die einen ganzen Zoo alternativer Erklärungen für das Phänomen anbot.

Das kleine Problem war allerdings: Weil Pons und Fleischman ihre Patente nicht gefährden wollten, veröffentlichten sie zunächst keinen wissenschaftlichen Aufsatz in einem Fachjournal, sondern wendeten sich per Pressekonferenz direkt an die Öffentlichkeit. Wichtige technische Einzelheiten ließen sie allerdings offen. Die Fachwelt konnte ihre Ergebnisse zwar zunächst nicht reproduzieren. Es war aber nicht klar, ob das nur am mangelnden Geschick der anderen Wissenschaftler lag oder daran, dass es prinzipiell nicht geht.

Schon bald verdichteten sich allerdings die Hinweise, nach denen Pons und Fleischman schlampig gearbeitet, und etwas gesehen hatten, was nicht da war. Pseudo-Wissenschaft. Gleichzeitig zog das Gebiet allerlei Esoteriker und Verschwörungstheoretiker an. Die Geschichte wurde zum abschreckenden Beispiel für schlechte Wissenschaft. Jahrzehnte lang war die kalte Fusion ein sicherer Karrierekiller. Doch die Anziehungskraft der Erzählung von der wundersamen Energieerzeugung blieb.

Wie sich jetzt herausstellt, war sie so reizvoll, dass auch Google sich die Sache näher ansehen wollte. Der Konzern finanzierte eine Gruppe von Wissenschaftlern, die die Experimente systematisch noch einmal unter die Lupe nahmen. Erst jetzt gingen sie damit an die Öffentlichkeit.

Die Befunde sind einerseits ernüchternd, andererseits aber auch nicht. Wie die Forscher in "Nature" schreiben, ist es ihnen nicht gelungen, einen Energie-Überschuss oder gar Neutronen zu messen. Allerdings schreiben sie auch, dass die Bedingungen, unter denen das rein theoretisch passieren könnte, extrem schwer herzustellen sind. Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass sie nichts gesehen haben, heißt nicht, dass da nichts ist. Mehr noch: Bis heute gibt es kein eindeutiges Experiment, dass die wilden Theorien von Pons und Fleischman entweder bestätigt oder widerlegt.

Wie ich anfangs sagte: Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Oder doch? Ich sehe die AluhĂĽte ganz deutlich vor mir, die sagen: Schon klar! Die Forschung wurde von Google finanziert. Und die haben nichts gefunden. Die Saga geht weiter. Bleiben Sie dran!

(bsc)