Chatten mit Steve Jobs
Ein US-Start-up will Tote mit Chatbots wiederbeleben. Dumm nur, wenn die völlig andere Meinungen vertreten als ihre Vorbilder.
Wenn Sie dringende Fragen an Elon Musk, Donald Trump, Steve Jobs oder den Dalai Lama haben – die App „Sidekik“ verspricht in wenigen Sekunden Antwort. Die Macher aus dem Silicon Valley und der Nato haben eine künstliche Intelligenz mit den digitalen Äußerungen einiger Promis trainiert und daraus Chatbots gebaut, die sie – etwas vermessen – „digitale Menschen“ nennen. Man soll mit ihnen Spaß haben und sie nach Rat fragen können. Ab 2020 will das Start-up seine Plattform auch für normale Menschen öffnen, die sich damit so etwas wie ein digitales Vermächtnis aufbauen sollen.
„Letztes Jahr verstarb mein Großvater“, schreibt CEO Johannes Tammekänd auf der Webseite. „Ich habe mich in seinen Nachlass vertieft – seine Briefe, Fotos, Videos. Dabei habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn wir seine Erinnerungen zum Leben erwecken können?“ Fernziel seien sieben Milliarden digitale Menschen, heißt es weiter mit US-typischem Pathos – „weil wir glauben, dass all unsere Hinterlassenschaften eine Stimme haben sollten.“
Ich halte mich erst einmal an die Lebenden und versuche, dem Bot von Elon Musk eine Meinung zu Wasserstoff-Autos zu entlocken. Der reale Musk hat diese Technik wiederholt und deutlichst als Unfug bezeichnet. Und sein digitaler Zwilling? Antwortet erst mal komplett am Thema vorbei, zum Beispiel mit der Aussage „Sowohl E-Autos als auch Benziner sind besser als Diesel.“ Schließlich erwidert er die Frage „Halten Sie Brennstoffzellenfahrzeuge für effizient?“ mit „Ja. Sie sind sehr einfach herzustellen.“
Was lernen wir daraus? Erstens: Der Bot scheint einfach mit irgendwelchen Schlüsselwörtern aus den Fragen nach Antworten aus seiner Datenbank zu angeln. Von irgendeinem Textverständnis, geschweige denn Intelligenz, keine Spur. Das ist Sprachtechnologie aus der Steinzeit. Zweitens: Es ist Glücksache, ob der Nutzer überhaupt irgendeine halbwegs passende Antwort erhält, und wenn ja, ob sie wirklich die Meinung des realen Vorbilds wiedergibt, oder nicht zufällig das genaue Gegenteil.
Besonders perfide ist das, wenn es sich um Tote handelt, die können schließlich nicht mehr widersprechen. Auf die Frage „Was ist Ihr Verhältnis zu Bill Gates?“ antwortet Steve Jobs unter anderem mit: „Die Technik ist sehr wichtig, und es ist noch viel zu tun.“ Inwiefern soll so etwas dem Vermächtnis von Steve Jobs dienen? Soll die Nachwelt ihn als Deppen in Erinnerung halten, der nicht auf schlichte Fragen antworten kann? Das einzige Gute an dem Satz ist, dass er sich einfach als Nonsens einer völlig überambitionierten, aber untermotorisierten Software erkennen lässt.
Werden sich solche Pseudo-Zwillinge weiterverbreiten, wird es aber nicht lange dauern, bis sich die ersten Menschen entblöden, deren zusammenalgorithmisierten Aussagenfragmente den realen Vorbildern um die Ohren zu hauen. Die Macher von Sidekik haben das Netz also um eine weitere Quelle von Fake News bereichert. Herzlichen Glückwunsch!
(grh)